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Im ersten Teil haben wir uns den Themen Akzeptanz (1.), Miteinander (2.), Loslassen (3.), Verlust (4.) und dem Ausgebrannt-Sein (5.) gewidmet. Und natürlich einer Einleitung in den Überbau: eine Welt, die zunehmend zerfällt, sodass die üblichen Mechanismen des Überwindens zeitlich begrenzter Krisen nicht mehr ausreichen werden. Auf eine ausführliche Vorrede will ich an dieser Stelle nun verzichten. Schauen wir uns stattdessen weitere Lebensbereiche an, in denen wir uns seelisch/mental auf das Kommende vorbereiten können – los geht’s!
6. Flexibilität
Eine Krise – akut oder dauerhaft – ist nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet, dass sie sich von der „normalen“ Situation spürbar unterscheidet. So schlafen wir alle jede Nacht in unseren Betten, während ein Hausbrand eine (akute) Krise darstellt, die uns weckt und vom Bett auf die Straße treibt. Außerhalb eines Hausbrandes wäre es absurd, im Schlüppi auf die Straße zu laufen und mögliche Passanten um einen Anruf bei der Feuerwehr zu bitten. Übrigens wäre es sogar verboten, als Passant die Türe deines Hauses oder deiner Wohnung einzutreten, in dein Schlafzimmer zu stürzen und dich – notfalls mit Zwang – auf eben jene Straße zu bringen. Brennt aber das Haus, in dem du noch schläfst, wäre alles andere unterlassene Hilfeleistung.
Wir sehen also, dass sich die Regeln in einer Krisensituation verändern – und das von jetzt auf gleich. Wer nun unflexibel am Verhalten festhält, das sie oder er in einer Normalsituation gelernt hat, wird in einer Krise weder sich selbst noch anderen helfen können. In unserer bundesweiten politischen Krise ist die SPD-Parteispitze für diese tödliche Starre ein Paradebeispiel: Appeasement, Kompromisse und die Durchschlagskraft einer Nacktschnecke konnte man sich als Juniorpartner einer Merkel-CDU noch leisten – dort herrschte schließlich eine gewisse Restvernunft, die der Merz-CDU völlig abgeht. Nun gut, Flexibilität ist wichtig, doch wie kann man sie erlernen?
Tatsächlich ist es ratsam, sich möglichst oft und intensiv ungewohnten Situationen auszusetzen. Beim Karaoke die eigene Scham überwinden; anstatt einer geplanten Reise auf den Faktor „Zufall“ zu setzen; das Muster des Kinderspiels „Gegenteil-Tag“… sind nützliche Einstiege in die Welt der Flexibilität. Hinterfrage deine eigenen Regeln und ob diese noch zeitgemäß sind. Achte darauf, z.B. die Methoden deines Aktivismus nicht nach dem Motto „Was gefällt mir?“ zu gestalten, sondern dem Motto „Was ist effizient?“ zu folgen.
Gerade die Gewohnheit ist Gift für geistige Flexibilität, die wiederum die Grundlage für Handlungsflexibilität darstellt. Kartographiere dein tägliches Verhalten, analysiere die wiederkehrenden Muster – und durchbreche sie. Risiken sind ein wichtiger Teil dieses Weges, sie schlagen eine wichtige Brücke zur Resilienz: Gefahren sind es, die auf uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zukommen. Je geübter du darin bist, Gefahren abzuschätzen und mit ihnen umzugehen, desto besser für dich und all jene, die du schützen möchtest. Die Flexibilität ist hierfür eine wichtige Grundlage.
7. Körperwahrnehmung
Unsere Körper sind nicht nur dazu da, um Kleider und Gepäck durch die Landschaft zu tragen, um Sport zu machen, in der Sauna zu schwitzen und auf Instagram ein perfektioniertes Bild abzugeben. Vor allem sind sie nicht dazu da, uns für sie zu schämen oder gar zu rechtfertigen. Entgegen manch abgehobener Vorstellung eines vergeistigten Homo vernunfticus, sind unsere Körper kein Werkzeug – wir sind unsere Körper.
Auch das Zentrale Nervensystem, das all unsere Gedanken, Emotionen, Charaktereigenschaften und Erinnerungen enthält, ist ein Teil des Körpers. Streng genommen sind jene Gedanken, Emotionen, Charaktereigenschaften und Erinnerungen „nur“ Abbilder von körperlichen Prozessen, die im Zentralen Nervensystem (und teilweise im Periphären Nervensystem) stattfinden. Organ- und Bewegungsapparat, die gern mit dem Begriff „Körper“ bedacht werden, sind nur weitere Teile unseres Körpers.
Dass eine Schnittverletzung eine unangenehme Körperwahrnehmung darstellt, liegt auf der Hand. Doch auch die Angst und die Liebe gehen sprichwörtlich „durch den Magen“, während sich chronischer Stress oft in einem verspannten Nacken und ein Liebesgefühl in einem angenehmen körperlichen Schauer manifestiert. So sendet der Körper nicht nur Signale von außerhalb des Zentralen Nervensystems (z.B. die Schnittverletzung), sondern auch Zustände innerhalb des Zentralen Nervensystems – also unser seelisch-geistiges Erleben – bilden sich im Körpergefühl ab. Achte also auf Körpersignale.
Gerade in ruhigen Momenten (z.B. Wartezeit) lenke dich nicht mit dem Smartphone ab, sondern atme ruhig und fühle in dich und deinen Körper hinein. Je routinierter du darin wirst, desto einfacher bekommst du Zugang zu deinem Körper und zu den Signalen, die er dir sendet.
Der Umgang mit Körpersignalen muss nicht zwingend professionell erlernt werden. Achte zumindest darauf, dass du nicht auf schnelle Lösungen und stetig verdrängende Alles-ist-gut-Konzepte hereinfällst. Achte ebenfalls darauf, dass du die Energie, die in Körpersignalen stecken kann (z.B. Aggressivität), nicht einfach wegdrückst, weil sie deinem moralischen Kompass widerspricht (Stichwort: Symptomverschiebung), sondern versuche, sie so gut es geht zu kanalisieren.
Wut entlädt sich beispielsweise im Sport, Trauer im ungehemmten Singen, und so weiter. Was nicht vergessen werden sollte, ist, dass wir als Menschen auch mit unseren Körpern interagieren: Gestik (die sich bei sich selbst und anderen zu beobachten lohnt), Mimik (dito), Zweikampf im Sport, Paartanz, Sex und vieles mehr ist dazu geeignet, die Körperwahrnehmung mit der Körperinteraktion gewinnbringend zu verbinden. Ein besonders einfacher wie wirkungsvoller Zugang zu Körpergefühl und Psyche sind z.B. Gleichgewichtsübungen.
8. Selbstmoralisierung
Moral folgt immer einem moralischen Regelwerk. Grundsätzlich ist das gut und richtig so, doch schränken Regelwerke auch den Handlungsspielraum ein. Hier macht – wie bei allen Dingen – die Dosis das Gift. Je härter unsere Welt wird, desto unmoralischer werden die Angriffe, denen man sich ausgesetzt fühlt (die Parteien können ein Lied davon singen).
Um in einer solchen Situation nicht krachend zu verlieren, muss man sich dieser Situation anpassen … und kommt in ein Dilemma. Einerseits will man nicht unterlegen sein, andererseits will man auch selbst nicht zum boshaft agierenden Schlechtmenschen werden. Was kann man also tun, um sich aus dieser Zwickmühle zu befreien?
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen– (Theodor W. Adorno) bedeutet, dass im problematischen Lebensumfeld niemand zur moralischen Perfektion gelangen kann. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Geschichte von Oskar Schindler, der seinen wahren moralischen Kompass tief in sich verborgen hielt, während er den Nazis mit Charme und Witz tausende Menschenleben abschwatzte. Dieser Mann muss an seinem doppelten Spiel eine diebische Freude entwickelt haben, anders hätte er es über diesen langen Zeitraum nicht aufrecht halten können: Der Spaß am Unmoralischen (Feiern mit Faschisten) diente einem moralischen Ziel.
Natürlich sind wir nicht Oskar Schindler, doch zeigt uns dieses Beispiel sehr gut, dass das krampfhafte Festhalten an moralischer Perfektion nicht nur eine anstrengende Selbstlüge darstellt, sondern auch eine große Schwäche in sich trägt: die mentale Starre. Schindlers moralischer Kompass war stark, deshalb konnte er sich situativ auch „locker machen“ und diese „moralische Flexibilität“ für die gute Sache nutzen.
Nun ist es wichtig, dass wir hier nicht von Vollfaschisten wie Amon Göth reden, sondern von Menschen, die z.B. einen SUV fahren oder das Gendern ablehnen. Nichts Hochdramatisches also, sondern eher die kleinen Unmoraleleien des täglichen Lebens. Wer solche Leute mit dem Brennglas der Hypermoral betrachtet, vergrößert auch deren Boshaftigkeit und fühlt sich schnell von einer feindlichen Welt umstellt.
Von da aus ist der Weg in die Paranoia nicht mehr weit, wo sich die Welt in Gut und Böse unterteilt. Graustufen werden kaum noch wahrgenommen, während man sich zunehmend von der Realität entkoppelt. Dass hierbei die Zufriedenheit auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand. Doch man lehnt in der Trutzburg der moralischen Hypersensibilität nicht nur harte Nazis und fossile Faschisten ab, sondern verliert den Zugang zur Gesellschaft in ihrer Breite: zu Menschen, die dir im Clusterfuck noch hilfreich zur Seite stehen können.
9. Rituale
Ein Leben ohne Rituale ist für den Menschen schlicht undenkbar, auch wenn es uns im Alltag kaum auffallen mag. Wer z.B. direkt nach einem Schluck Kaffee dessen energetisierende Wirkung spürt, spürt tatsächlich die Funktionsweise eines angelernten Rituals: Koffein wirkt nicht nach Sekunden, sondern frühestens zehn Minuten nach der Einnahme. Einschlafrituale stehen am entgegengesetzten Spektrum unseres mentalen Ist-Zustandes, denn sie fahren das Nervensystem herunter und helfen beim Einschlafen.
Dazwischen wird „auf Holz geklopft“, zum Geburtstag gratuliert, auf die Toten angestoßen, politische Betroffenheit via Sharepic verbreitet und vieles mehr. Und schon haben wir uns vom persönlichen Ritual über das gemeinsame Ritual zum gesellschaftlichen Ritual bewegt. Wollen wir den Begriff des Rituals nun definieren, so können wir folgende Worte wählen:
Ein in seinen Abläufen geregeltes Verhalten, das über den Weg des Erlebens eine fühlbare/messbare Wirkung erzielt.
Dabei kann das Ritual wiederkehrend (z.B. der morgendliche Kaffee) oder einmalig (z.B. eine Grabrede), seine Wirkung kann mental wie auch körperlich sein (die Grundstufe im Autogenen Training beinhaltet beides). Was Rituale so besonders macht, ist nicht nur die Breite und Tiefe ihrer Wirkung, sondern dass sich diese Wirkung auch gezielt steuern lässt: Das Einschlafritual macht müde, der Händedruck schafft Verbindung, gemeinsames Singen macht Mut und so weiter. Das Ritualverhalten steckt dabei so tief in unserer Entwicklungsgeschichte, dass es sogar bei Menschenaffen beobachtet werden kann. Von wegen Homo vernunfticus!
Der Aufbau von Ritualen folgt dem sog. Übergangsritus nach Arnold van Gennep. Dieser unterteilt Rituale in drei Phasen: die Trennung vom normalen Alltag (auf das Ritual einlassen), das eigentliche Ritual (seine wirkungsvolle Kernphase) und die Rückkehr in den Alltag (die erwünschte Veränderung ist nun Teil des neuen Alltags). In diesem Sinne kann ein Ritual z.B. Angst in Mut transformieren, wobei es in einer Welt des Clusterfucks von Vorteil ist, wenn sich Mut statt Angst im Alltag integriert.
Da in der Kernphase von Ritualen das Unbewusste angesprochen wird, nimmt die Symbolik einen großen Platz ein. Von Religion, Okkultismus und Esoterik, von kulturellen Handlungen bis zur Lieblings-Kaffeetasse am Morgen, sind Rituale ohne Symbolik nicht denkbar. Der bewusste Bereich ist dagegen verschwindend klein und nur der letzte Schritt einer langen Wirkungskette in unserem Nervensystem. Rituale sind dazu in der Lage, diese Wirkungskette zielgenau und wirkungsvoll vom Angang bis zum Ende zu gehen – nutze sie!
Was noch fehlt
Ich denke, wir haben jetzt eine gute, wenn auch lückenhafte Übersicht. Gerne hätte ich noch etwas über die Nutzbarkeit von Trance-Zuständen geschrieben. Auch die Camouflage in restriktiven Systemen wird für uns alle vermutlich noch wichtig werden – man denke mit Grauen an die kommende Wahl in Sachsen-Anhalt. Doch Zeit und Raum sind endlich, und so will ich mich im dritten und letzten Teil dieser Reihe auf konkrete Methodik konzentrieren (z.B. das Stress-Toleranz-Fenster). Bis dahin wünsche ich eine gute, entspannte und vor allem lebensfrohe Zeit!
Der 1. Teil: „Zufrieden leben im Clusterfuck – Teil 1: Wie erwirbt man Krisenresilienz?“
Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.
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Es gibt 21 Kommentare
Ich könnte noch empfehlen, einen nicht unverwandten Text, der heute beim SRF erschienen ist, auf sich wirken zu lassen: https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/psychische-gesundheit-perma-modell-mit-fuenf-schritten-zu-mehr-resilienz Mir ist noch eingefallen, daß die Begriffsverdrehungen schon vor Jahrzehnten mit dem Aufkommen den Begriffs „Herausforderung“ anfingen, ein Schönsprech für Problem, wie alle wissen sollten. Die einzige akzeptable Herausforderung, die ich kenne: „Heraus zum 1. Mai!“
@Dominic: Danke, dass Sie die Offenheit, die Achtsamkeit und das gesund Miteinander, zu dem Sie in Ihrem Zufriedenheitstext raten, gleich nochmal demonstrieren. – Ich folge hiermit Ihrem Rat Nummer 3 und lasse Sie und ihre fruchtlosen Äußerungen los. Viel Erfolg noch!
@Philipp Torsten: Von Beginn an unterstellst du mir als Autor, übergriffig zu sein. Der Begriff ist schon in deinem ersten Kommentar gefallen…. als wäre ich nachts in dein Schlafzimmer gestürmt und hätte dich mit vorgehaltenem Dosenbier dazu gezwungen, diesen Artikel zu lesen.
Seither generierst du dich als das allwissende Orakel, dessen (einseitige) Sichtweise – die ja nicht falsch sein muss – von allen Beteiligten 1:1 übernommen werden muss. Wer nicht auf dich hört, ist ein ekliger Liberaler (was du hier übrigens gezielt abwertend einsetzt, aber mach halt).
Und jetzt darfst du mal scharf darüber nachdenken, warum ich mir bei Typen wie dir keine große Mühe gebe, sondern Antworten (Schock, schwere Not!) auch mal etwas spitzer formuliere. Und warum ich das betroffene Geweine nun wirklich nicht ernst nehmen kann. Na, kommst du drauf?
@ Dominic, was für ein respektloser Ratschlag! Erstens hab ich keine Hilfe von Ihnen erbeten. Zweitens bin ich enttäuscht, mit wie wenig Reflexionsbereitschaft und Kritikvermögen Sie meine Antwort auf Ihr offenbar als Zirkusnummer gemeintes „Erzähl mal, was hat dich denn wirklich an dem Artikel getriggert?“ abkanzeln. Und drittens macht mir Ihr jovial-bevormundendes Getue hier klar, dass Ihre Resilienz genau zu so einem überforderten Pseudo-Mentoring führen muss, wie Sie es hier anzubieten versuchen.
@Philipp & Urs: Wenn euch dieses Wort so dermaßen triggert, dann kann ich auch nicht helfen. Vielleicht mal bisschen resilienter gegen Triggerworte werden?
@Philipp & Urs: Wenn euch dieses Wort so dermaßen triggert, dann kann ich auch nicht helfen. Vielleicht mal bisschen resilienter gegen Triggerworte werden?
Ob nun auf Schüschologie- oder Poltik-Ebene: Resilienz ist hie wie da ein die Grenze zum mißbräuchlichen Einsatz längst überschritten habender Terminus. Dazu hat beigetragen, daß das Wort an sich schillert. Was abkönnen, abtropfen lassen können, belastbar sein, das mag ja noch gehen, dann und wann, aber in der inzwischen üblichen Einsatzweise zeigt es immer auf die Leute selbst, die sich quasi in einer endlosen, das rettende Ufer nur noch als Fata Morgana erahnenden Weise bei jeder Verschlimmbesserung neu einreden können/werden/sollen, daß es ja eigentlich noch ganz schön und dufte aussieht, so mit sich selbst, und auch sonst so. Damit kocht man Frösche. Und in der Politik bedeutet es Aufrüstung, Krieg, Elend, sowas.
@ Dominic. Ich definiere psychische Resilienz nicht politisch. Der Begriff IST politisch. Deswegen steht ja die von mir nun mehrfach formulierte Kritik am Begriff der Resilienz so auch im bereits verlinkten Wikipedia-Artikel „Resilienz (Psychologie)“ und nicht im Artikel „Resilienz (Politik).“
Wir reden nicht aneinander vorbei. Ich erkenne an, das eine Psychologie, die das Konzept „Resilienz“ kritiklos übernimmt (wie der von Dir verfasste Artikel), vor allem den Clusterfuck verstärkt, die Überlastung der Menschen verstärkt und Auswege verstellt. Du scheinst negieren zu wollen, dass Psychologie, die Menschen mehr individuelle Verantwortung in systemischen Kristen zuschiebt, etwas mit Politik und Macht zu tun hat. Vielleicht sind dir auch die politischen Implikationen der Psychologie (und der Resilienz) egal oder du wolltest dich bisher noch nicht mit ihnen beschäftigen. So gibst Du hier Selbsthilfe, die auf mich nicht nur nicht hilfreich wirkt, sondern die Teil der Strategie der Clusterfucker ist. Dazu passt die Nothing goes – Attitüde von „Bedenke aber…“
@Philipp Torsten: Du hast dich darauf versteift, den Begriff „Resilienz“ politisch zu deuten (du verweist ja genau auf jene Stelle bei Wikipedia). Allerdings steht die Kernaussage von Ralf Julke dem überhaupt nicht im Wege: Der Begriff „wird in verschiedenen Bereichen unterschiedlich definiert“. Du definierst ihn politisch. Ich definiere ihn psychologisch – deshalb reden wir aneinander vorbei.
Bedenke aber, dass letztlich alles, was der Psyche gut tut, auch dem Kapitalismus dient: Wandern gehen, ein gemütliches Bier mit Freunden, Paracetamol, das Abhotten auf einem Punk-Konzert, ein gesundes Liebesleben und so weiter… danach kannst du nicht nur besser Revolution spielen, sondern auch entspannter robotten gehen. Wenn dich das stört, dann darfst du halt keine Resilienz entwickeln, kein Bier mit Freunden trinken, nicht wandern gehen und kein Liebesleben haben, musst trist und traurig vor dich hin veröden, um auf der Arbeit möglichst saft- und kraftlos abzubaumeln… und hast es dem turboliberalen Kapitalismus mal so richtig gezeigt.
Really??
@ Ralf Julke: Schon klar. Schauen Sie gerne, was im von Ihnen verlinkten Artikel im Abschnitt Kritik steht: Genau das, was ich schrieb.
Mit anderen Worten: Das Lob der Resilienz dient dazu individuelle Verantwortung zu vermehren und die Delegitimierung von staatlichem oder kollektivem Handeln beizubehalten. Im Ergebnis wird die Überforderung des Individuums erhöht und nicht-indivuduelle Akteur*innen werden weiter aus dem Sichtfeld genommen. „Resilienz? – Nein Danke!“
Die Entpolitisierungsbemühungen neoliberaler Gesundheits- und Vorsorgepolitik, der wir den Gebrauch der Resilienz als Technologie der Macht zu verdanken haben, werden u.a. im spannenden Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“ von Kathrin Fischer illustriert. https://www.swr.de/kultur/literatur/die-ideologie-der-achtsamkeit-kathrin-fischer-100.html
Und hier Georg Schramm vor inzwischen vielen Jahren mit Einlassungen zum Zorn: https://youtu.be/6DeCeV_DyZs
Nein, lieber Autor, auf sowas wie Kanalisieren bin ich noch nie gekommen, und an den Herrn Bundeskanzler denke ich im Alptraum nicht, und Wut war auch nur ein Aspekt. Als noch bedeutender wäre Zorn zu nennen. Der kommt reflektierend daher. Und würde Wirkmacht entfalten können. Was ist gerade mit dem „Capi“? Da ist Zorn entstanden – zurecht. Und damit wenigsten eine kleine Chance, Irrsinn zu verhindern.
Bitte nicht alles durcheinander werfen. Der Begriff Resilienz wird in verschiedenen Bereichen unterschiedlich definiert. Zur Verwendung in der Psychologie findet man das Westentliche auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Resilienz_(Psychologie)
P.S. @Dominic: Der Begriff der Resilienz wird – by the way – schon seit mehr als 15 Jahren als ursächlich für den dysfunktionalen Umgang mit Krisen problematisiert (z.B. hier: https://www.medico.de/blog/das-paradox-der-resilienz-16607)- nicht als hilfreich. Das zu ignorieren zeugt von einer großen Resilienz ggü. dem aktuellen Diskussionsgeschehen.
@ Dominic: Es ist kein pseudointellektueller Quatsch psychische Resilienz zu politisieren. Die Einführung der Resilienz in Psychologie und Therapie während der Hochzeit des Liberalismus IST politisch.
Eine Psychologie die das leugnet, verschwendet nicht nur wichtige Ressourcen, die für persönliches und kollektives Handeln wichtig sind, sondern macht sich zum prophetisch-pastoral-pädagogisch salbadernden Erfüllungsgehilfen neoliberaler Großmannssucht. („Jetzt mach dein Morgenritual, geh noch mal schön duschen und dann leg dich brav sterben.“ – Warum muss ich gerade an Auschwitz denken?).
Dominic, wie ich sehe, bist du bei den Psychologists 4 Future engagiert. Das kann ich kaum glauben. Die oben stehende Palliativ-Anleitung steht doch völlig quer zu deren Zielen. https://psy4f.org/
@ Urs: Wer sagt denn was davon, dass du die Wut wegdrücken sollst? Nutze sie, kanalisiere sie und gut ist. Dass ich dir hier nicht den Ratschlag gebe, irgend eine Parteizentrale nieder zu brennen, ist ja klar – was übrigens nur selten möglich ist. Und dann? Du bist wütend auf Fritze, an wem willst du das denn raus lassen? An einer Mülltonne in Connewitz? In der Kommentarspalte der L-IZ? Da wären, Sport, Pogen usw. die besseren Ventile.
@ Philipp Torsten: Wenn wir psychische Resilienz schon politisieren wollen (was ich für pseudointellektuellen Quatsch halte, by the way), dann würde ich mal mit Blick auf Friedrich Merz darauf hinweisen, welche Politik von Menschen ohne Lebensfreude gemacht wird. Auch die AfD ist ein anschauliches Beispiel für Frust-Politik. Wollen wir das? Wohl kaum.
Wenn ich mir mit was auch immer meine Psyche immer stabil halte, vorenthalte ich mir zugleich die Gelegenheit, etwa fundamentale Wut zu entwickeln. Das möchte ich mir nicht entgehen lassen. Und wieso sollte ich mein eigenes Leben trotz allgegenwärtigen Irrsinns halbwegs zufrieden leben wollen? Von sowas träumen die vielen Tunichtguts und Allmachtsphantasten. Es besteht quasi ein Recht auf Unzufriedenheit, insbesondere dann, wenn Anlaß dazu besteht. Daß ich nicht vor die Hunde gehe, ist jetzt plötzlich wessen Sorge? Und wieso sollte ich sorgen, für andere parat zu sein? Derlei wurde mir seit 35 Jahren direkt und indirekt ausgetrieben, jedenfalls weitgehend. Und wenn es arbeitsrechtliche Querelen gab, hat meine Gewerkschaft quasi nur so getan, als hülfe sie mir. Tja.
Lieber Dominic, mich empört und deprimiert, dass Resilienz von der Psychologie (die sich das Konzept nur ausgeborgt hat) anscheinend zur Naturalisierung und Entpolitisierung prekär lebender junger Menschen dient. Die bekommen hier gleich noch eine Anleitung vor den Latz, sich nicht zu wehren, sondern sich gut an die zunehmend tödliche Prekarität anzupassen – fast bis ans Anomische grenzend individuell.
Ich wünsche mir, dass Psychologie ihr politisches Verstricktsein als Erfüllungsgehilfe politischer und wirtschaftlicher Eliten öfter und klarer erkennt, theoretisiert und lebendige Konzepte für Viele entwickelt, statt Resilienz-Experimente aus den Bunkern der Wenigen heraus zu orchestrieren.
@ Urs: Stärke nicht mit Härte verwechseln. Härte heißt, dass man sich abschottet und dabei innerlich vereinsamt. Mentale Stärke bedeutet, dass deine Psyche unter dem größer werdenden Druck nicht zusammen bricht, sondern stabil bleibt. So ein Zusammenbruch kann im Extremfall dazu führen, dass du nicht mehr für dich selbst sorgen kannst – was in kollapsartigen Gesellschaften ein großes Problem ist. Aber auch lange vorn einem möglichen Zusammenbruch kann dir Stärke dabei helfen, nicht nur dein eigenes Leben (halbwegs) zufrieden zu leben. Auch für andere stark zu sein, die das nicht mehr können, ist ein Teil davon.
@ Philipp Torsten: Resilienz ist ein Fachbegriff, u.a. aus der Psychologie. Dass der auch in irgendwelchen neoliberalen Coachings vorkommt, geschenkt, hat aber mit der Verwendung im Artikel nichts zu tun. Die Hausaufgaben sind übrigens freiwillig: es wird nicht abgefragt und das Lesen des Artikels ist kein Muss. Erzähl mal, was hat dich denn wirklich an dem Artikel getriggert?
Mm… stimmt. Die Klimakatastrophe ist Übergriff genug, da brauche ich keine übergriffigen Hausaufgaben zum richtigen Umgang mit der Krise, in denen dann noch der neoliberale Kampfbegriff der „Resilienz“ gefeiert wird.
Mal eine Fundamentalfrage: wieso sollte man in Krisen stark bleiben? Frage klingt bekloppt, ist jedoch ernstgemeint. Und beim Zeitgeistwort Resilienz wird mir ganz mulmig.