This article is also available in English: Read this article in English.

Im ersten Teil haben wir uns den Themen Akzeptanz (1.), Miteinander (2.), Loslassen (3.), Verlust (4.) und dem Ausgebrannt-Sein (5.) gewidmet. Und natürlich einer Einleitung in den Überbau: eine Welt, die zunehmend zerfällt, sodass die üblichen Mechanismen des Überwindens zeitlich begrenzter Krisen nicht mehr ausreichen werden. Auf eine ausführliche Vorrede will ich an dieser Stelle nun verzichten. Schauen wir uns stattdessen weitere Lebensbereiche an, in denen wir uns seelisch/mental auf das Kommende vorbereiten können – los geht’s!

6. Flexibilität

Eine Krise – akut oder dauerhaft – ist nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet, dass sie sich von der „normalen“ Situation spürbar unterscheidet. So schlafen wir alle jede Nacht in unseren Betten, während ein Hausbrand eine (akute) Krise darstellt, die uns weckt und vom Bett auf die Straße treibt. Außerhalb eines Hausbrandes wäre es absurd, im Schlüppi auf die Straße zu laufen und mögliche Passanten um einen Anruf bei der Feuerwehr zu bitten. Übrigens wäre es sogar verboten, als Passant die Türe deines Hauses oder deiner Wohnung einzutreten, in dein Schlafzimmer zu stürzen und dich – notfalls mit Zwang – auf eben jene Straße zu bringen. Brennt aber das Haus, in dem du noch schläfst, wäre alles andere unterlassene Hilfeleistung.

Wir sehen also, dass sich die Regeln in einer Krisensituation verändern – und das von jetzt auf gleich. Wer nun unflexibel am Verhalten festhält, das sie oder er in einer Normalsituation gelernt hat, wird in einer Krise weder sich selbst noch anderen helfen können. In unserer bundesweiten politischen Krise ist die SPD-Parteispitze für diese tödliche Starre ein Paradebeispiel: Appeasement, Kompromisse und die Durchschlagskraft einer Nacktschnecke konnte man sich als Juniorpartner einer Merkel-CDU noch leisten – dort herrschte schließlich eine gewisse Restvernunft, die der Merz-CDU völlig abgeht. Nun gut, Flexibilität ist wichtig, doch wie kann man sie erlernen?

Tatsächlich ist es ratsam, sich möglichst oft und intensiv ungewohnten Situationen auszusetzen. Beim Karaoke die eigene Scham überwinden; anstatt einer geplanten Reise auf den Faktor „Zufall“ zu setzen; das Muster des Kinderspiels „Gegenteil-Tag“… sind nützliche Einstiege in die Welt der Flexibilität. Hinterfrage deine eigenen Regeln und ob diese noch zeitgemäß sind. Achte darauf, z.B. die Methoden deines Aktivismus nicht nach dem Motto „Was gefällt mir?“ zu gestalten, sondern dem Motto „Was ist effizient?“ zu folgen.

Gerade die Gewohnheit ist Gift für geistige Flexibilität, die wiederum die Grundlage für Handlungsflexibilität darstellt. Kartographiere dein tägliches Verhalten, analysiere die wiederkehrenden Muster – und durchbreche sie. Risiken sind ein wichtiger Teil dieses Weges, sie schlagen eine wichtige Brücke zur Resilienz: Gefahren sind es, die auf uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zukommen. Je geübter du darin bist, Gefahren abzuschätzen und mit ihnen umzugehen, desto besser für dich und all jene, die du schützen möchtest. Die Flexibilität ist hierfür eine wichtige Grundlage.

7. Körperwahrnehmung

Unsere Körper sind nicht nur dazu da, um Kleider und Gepäck durch die Landschaft zu tragen, um Sport zu machen, in der Sauna zu schwitzen und auf Instagram ein perfektioniertes Bild abzugeben. Vor allem sind sie nicht dazu da, uns für sie zu schämen oder gar zu rechtfertigen. Entgegen manch abgehobener Vorstellung eines vergeistigten Homo vernunfticus, sind unsere Körper kein Werkzeug – wir sind unsere Körper.

Auch das Zentrale Nervensystem, das all unsere Gedanken, Emotionen, Charaktereigenschaften und Erinnerungen enthält, ist ein Teil des Körpers. Streng genommen sind jene Gedanken, Emotionen, Charaktereigenschaften und Erinnerungen „nur“ Abbilder von körperlichen Prozessen, die im Zentralen Nervensystem (und teilweise im Periphären Nervensystem) stattfinden. Organ- und Bewegungsapparat, die gern mit dem Begriff „Körper“ bedacht werden, sind nur weitere Teile unseres Körpers.

Dass eine Schnittverletzung eine unangenehme Körperwahrnehmung darstellt, liegt auf der Hand. Doch auch die Angst und die Liebe gehen sprichwörtlich „durch den Magen“, während sich chronischer Stress oft in einem verspannten Nacken und ein Liebesgefühl in einem angenehmen körperlichen Schauer manifestiert. So sendet der Körper nicht nur Signale von außerhalb des Zentralen Nervensystems (z.B. die Schnittverletzung), sondern auch Zustände innerhalb des Zentralen Nervensystems – also unser seelisch-geistiges Erleben – bilden sich im Körpergefühl ab. Achte also auf Körpersignale.

Gerade in ruhigen Momenten (z.B. Wartezeit) lenke dich nicht mit dem Smartphone ab, sondern atme ruhig und fühle in dich und deinen Körper hinein. Je routinierter du darin wirst, desto einfacher bekommst du Zugang zu deinem Körper und zu den Signalen, die er dir sendet.

Der Umgang mit Körpersignalen muss nicht zwingend professionell erlernt werden. Achte zumindest darauf, dass du nicht auf schnelle Lösungen und stetig verdrängende Alles-ist-gut-Konzepte hereinfällst. Achte ebenfalls darauf, dass du die Energie, die in Körpersignalen stecken kann (z.B. Aggressivität), nicht einfach wegdrückst, weil sie deinem moralischen Kompass widerspricht (Stichwort: Symptomverschiebung), sondern versuche, sie so gut es geht zu kanalisieren.

Wut entlädt sich beispielsweise im Sport, Trauer im ungehemmten Singen, und so weiter. Was nicht vergessen werden sollte, ist, dass wir als Menschen auch mit unseren Körpern interagieren: Gestik (die sich bei sich selbst und anderen zu beobachten lohnt), Mimik (dito), Zweikampf im Sport, Paartanz, Sex und vieles mehr ist dazu geeignet, die Körperwahrnehmung mit der Körperinteraktion gewinnbringend zu verbinden. Ein besonders einfacher wie wirkungsvoller Zugang zu Körpergefühl und Psyche sind z.B. Gleichgewichtsübungen.

8. Selbstmoralisierung

Moral folgt immer einem moralischen Regelwerk. Grundsätzlich ist das gut und richtig so, doch schränken Regelwerke auch den Handlungsspielraum ein. Hier macht – wie bei allen Dingen – die Dosis das Gift. Je härter unsere Welt wird, desto unmoralischer werden die Angriffe, denen man sich ausgesetzt fühlt (die Parteien können ein Lied davon singen).

Um in einer solchen Situation nicht krachend zu verlieren, muss man sich dieser Situation anpassen … und kommt in ein Dilemma. Einerseits will man nicht unterlegen sein, andererseits will man auch selbst nicht zum boshaft agierenden Schlechtmenschen werden. Was kann man also tun, um sich aus dieser Zwickmühle zu befreien?

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen– (Theodor W. Adorno) bedeutet, dass im problematischen Lebensumfeld niemand zur moralischen Perfektion gelangen kann. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Geschichte von Oskar Schindler, der seinen wahren moralischen Kompass tief in sich verborgen hielt, während er den Nazis mit Charme und Witz tausende Menschenleben abschwatzte. Dieser Mann muss an seinem doppelten Spiel eine diebische Freude entwickelt haben, anders hätte er es über diesen langen Zeitraum nicht aufrecht halten können: Der Spaß am Unmoralischen (Feiern mit Faschisten) diente einem moralischen Ziel.

Natürlich sind wir nicht Oskar Schindler, doch zeigt uns dieses Beispiel sehr gut, dass das krampfhafte Festhalten an moralischer Perfektion nicht nur eine anstrengende Selbstlüge darstellt, sondern auch eine große Schwäche in sich trägt: die mentale Starre. Schindlers moralischer Kompass war stark, deshalb konnte er sich situativ auch „locker machen“ und diese „moralische Flexibilität“ für die gute Sache nutzen.

Nun ist es wichtig, dass wir hier nicht von Vollfaschisten wie Amon Göth reden, sondern von Menschen, die z.B. einen SUV fahren oder das Gendern ablehnen. Nichts Hochdramatisches also, sondern eher die kleinen Unmoraleleien des täglichen Lebens. Wer solche Leute mit dem Brennglas der Hypermoral betrachtet, vergrößert auch deren Boshaftigkeit und fühlt sich schnell von einer feindlichen Welt umstellt.

Von da aus ist der Weg in die Paranoia nicht mehr weit, wo sich die Welt in Gut und Böse unterteilt. Graustufen werden kaum noch wahrgenommen, während man sich zunehmend von der Realität entkoppelt. Dass hierbei die Zufriedenheit auf der Strecke bleibt, liegt auf der Hand. Doch man lehnt in der Trutzburg der moralischen Hypersensibilität nicht nur harte Nazis und fossile Faschisten ab, sondern verliert den Zugang zur Gesellschaft in ihrer Breite: zu Menschen, die dir im Clusterfuck noch hilfreich zur Seite stehen können.

9. Rituale

Ein Leben ohne Rituale ist für den Menschen schlicht undenkbar, auch wenn es uns im Alltag kaum auffallen mag. Wer z.B. direkt nach einem Schluck Kaffee dessen energetisierende Wirkung spürt, spürt tatsächlich die Funktionsweise eines angelernten Rituals: Koffein wirkt nicht nach Sekunden, sondern frühestens zehn Minuten nach der Einnahme. Einschlafrituale stehen am entgegengesetzten Spektrum unseres mentalen Ist-Zustandes, denn sie fahren das Nervensystem herunter und helfen beim Einschlafen.

Dazwischen wird „auf Holz geklopft“, zum Geburtstag gratuliert, auf die Toten angestoßen, politische Betroffenheit via Sharepic verbreitet und vieles mehr. Und schon haben wir uns vom persönlichen Ritual über das gemeinsame Ritual zum gesellschaftlichen Ritual bewegt. Wollen wir den Begriff des Rituals nun definieren, so können wir folgende Worte wählen:

Ein in seinen Abläufen geregeltes Verhalten, das über den Weg des Erlebens eine fühlbare/messbare Wirkung erzielt.

Dabei kann das Ritual wiederkehrend (z.B. der morgendliche Kaffee) oder einmalig (z.B. eine Grabrede), seine Wirkung kann mental wie auch körperlich sein (die Grundstufe im Autogenen Training beinhaltet beides). Was Rituale so besonders macht, ist nicht nur die Breite und Tiefe ihrer Wirkung, sondern dass sich diese Wirkung auch gezielt steuern lässt: Das Einschlafritual macht müde, der Händedruck schafft Verbindung, gemeinsames Singen macht Mut und so weiter. Das Ritualverhalten steckt dabei so tief in unserer Entwicklungsgeschichte, dass es sogar bei Menschenaffen beobachtet werden kann. Von wegen Homo vernunfticus!

Der Aufbau von Ritualen folgt dem sog. Übergangsritus nach Arnold van Gennep. Dieser unterteilt Rituale in drei Phasen: die Trennung vom normalen Alltag (auf das Ritual einlassen), das eigentliche Ritual (seine wirkungsvolle Kernphase) und die Rückkehr in den Alltag (die erwünschte Veränderung ist nun Teil des neuen Alltags). In diesem Sinne kann ein Ritual z.B. Angst in Mut transformieren, wobei es in einer Welt des Clusterfucks von Vorteil ist, wenn sich Mut statt Angst im Alltag integriert.

Da in der Kernphase von Ritualen das Unbewusste angesprochen wird, nimmt die Symbolik einen großen Platz ein. Von Religion, Okkultismus und Esoterik, von kulturellen Handlungen bis zur Lieblings-Kaffeetasse am Morgen, sind Rituale ohne Symbolik nicht denkbar. Der bewusste Bereich ist dagegen verschwindend klein und nur der letzte Schritt einer langen Wirkungskette in unserem Nervensystem. Rituale sind dazu in der Lage, diese Wirkungskette zielgenau und wirkungsvoll vom Angang bis zum Ende zu gehen – nutze sie!

Was noch fehlt

Ich denke, wir haben jetzt eine gute, wenn auch lückenhafte Übersicht. Gerne hätte ich noch etwas über die Nutzbarkeit von Trance-Zuständen geschrieben. Auch die Camouflage in restriktiven Systemen wird für uns alle vermutlich noch wichtig werden – man denke mit Grauen an die kommende Wahl in Sachsen-Anhalt. Doch Zeit und Raum sind endlich, und so will ich mich im dritten und letzten Teil dieser Reihe auf konkrete Methodik konzentrieren (z.B. das Stress-Toleranz-Fenster). Bis dahin wünsche ich eine gute, entspannte und vor allem lebensfrohe Zeit!

Der 1. Teil: „Zufrieden leben im Clusterfuck – Teil 1: Wie erwirbt man Krisenresilienz?“

Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar