Vielleicht beginnt es so. Vielleicht beginnt das Umdenken mit einer Meldung des Dezernats Umwelt, Klima, Ordnung und Sport aus der letzten Woche: „In der Kanalstraße zwischen Georg-Schumann-Straße und Blochmannstraße gilt aktuell eine Lastbeschränkung von 3,5 Tonnen für den Individualverkehr. Entsprechende Verkehrszeichen weisen vor Ort darauf hin. Grund dafür sind Schäden an der mehr als 100 Jahre alten Wölbleitung der Nördlichen Rietzschke, die unter der Straße verläuft.“
Hier fließt ein Flüsschen? Das ist selbst vielen Gohlisern nicht gegenwärtig. Stimmt aber. Denn die Nördliche Rietzschke endet nicht wirklich an der Gottschallstraße im Arthur-Bretschneider-Park in Eutritzsch. Da verschwindet sie nur im Untergrund, um dann in einer Wölbleitung weiterzufließen – erst unter der Geibelstraße, die heute noch mit ihrer ungewöhnlichen Breite daran erinnert, dass hier unterirdisch eigentlich ein Bach fließt, dann unter der Blochmannstraße durch weiter unter der Kanalstraße.
Wo sie auch nicht endet. Tatsächlich ist die Nördliche Rietzsche über 5 Kilometer lang, von denen 3.830 Meter oberirdisch fließen von Wiederitzsch bis Eutritzsch, die restlichen 2.080 Meter unterirdisch in Gewölbeleitungen.

Nach der Kanalstraße geht’s nämlich weiter unter der Prellerstraße. Am Wilhelmssteg an der Parthe gibt es auch heute noch einen Überlauf. Denn tatsächlich floss die Nördliche Rietzschke dereinst in die verlegte Parthe, die eigentlich im ehemaligen Bett der Pleiße fließt. Doch irgendwann nach 1885 verschwand die Nördliche Rietzschke auf den letzten 2 Kilometern aus dem Blickfeld, wurde eingewölbt und fast vergessen.
Würde sich ihr Zustand jetzt nicht auf einmal mit der Meldung des Umweltdezernats ins Bewusstsein der Gegenwart schieben: „Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass Belastungen durch den Straßenverkehr die Standsicherheit des Gewölbes beeinträchtigen können. Um den betroffenen Bereich zu entlasten und weitere Schäden zu vermeiden, wurde die Lastbeschränkung eingerichtet.
Im Herbst 2026 sind außerdem bauliche Sicherungsmaßnahmen am Gewölbe vorgesehen. Während der Bauarbeiten kann es in diesem Bereich zu Einschränkungen im Straßenverkehr kommen. Dafür bitte das Amt für Stadtgrün und Gewässer um Verständnis.“
Was ja im Klartext heißt: Ewig werden die Gewölbe für das unterirdische Flüsschen nicht halten. Sie haben ja immerhin schon 140 Jahre auf dem Buckel. Und irgendwann in der Zukunft muss sich die Stadt Gedanken darüber machen, wie man damit umgeht.
Erneuert man die Gewölbe für das Flüsschen oder nutzt man die Gelegenheit, um die Nördliche Rietzschke wenigstens in Abschnitten wieder ans Licht zu holen? Vielleicht tatsächlich bis zur Georg-Schumann-Straße, wo das Pflaster der Kanalstraße auch heute noch an die Zeit um 1885 erinnert?
Pläne dafür gibt es noch nicht, nicht einmal vage Pläne, wie sie für die Östliche Rietzschke immerhin diskutiert werden. Aber spätestens, wenn die Erneuerung der Gewölbeleitung aktuell wird, wäre es in der vom Klimawandel gebeutelten Stadt durchaus eine Überlegung wert, einen Teil der überwölbten Nördlichen Rietzschke wieder ins Stadtbild zurückzuholen.
Die Schilder für die Lastenbeschränkung in der Kanalstraße dürften bis dahin daran erinnern, dass die Nördliche Rietzschke noch immer da ist, wenn auch oberflächlich nicht mehr sichtbar.
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