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Im ersten Teil haben wir uns den Themen Akzeptanz (1.), Miteinander (2.), Loslassen (3.), Verlust (4.) und dem Ausgebrannt-Sein (5.) gewidmet. Im zweiten Teil dann der Flexibilität (6.), Körperwahrnehmung (7.), Selbstmoralisierung (8.) und den Ritualen (9.). Ist die Reise durch die Welt des mentalen Überlebens im Clusterfuck (Multikrise) damit komplett? Mitnichten – die drohende Zukunft wird uns alle noch in Lebenssituationen zwingen, die weit jenseits der Grenzen dessen liegen, was wir heute als „lebenswert“ bezeichnen würden.

Triggerwarnung: An dieser Stelle sei gewarnt, dass sich die nun folgenden Ratschläge auf eine Zeit beziehen, die noch einige (hoffentlich viele) Jahre in der Zukunft liegt. Eine Zeit, in der die gewohnte Stabilität von Ökologie und Gesellschaft zerfällt – nicht nur im Hintergrundrauschen der Klima- und Demokratiedebatte, sondern ganz konkret und fühlbar in der individuellen Realität.

Soweit, so bedrohlich – nun will ich hier ein paar weitere Aspekte in den Raum werfen, die es im Kontext des Clusterfucks zu bedenken gilt. Natürlich ist auch das verkürzt und voller Lücken, aber ein Artikel kann kein individuelles Training ersetzen. Jedenfalls bin ich froh, wenn ich dir in dieser Reihe ein paar Impulse mitgeben konnte, die dir auch in zehn oder zwanzig Jahren nützlich sind, und im Sinne der Handlungsfähigkeit eine gewisse innere Zufriedenheit fördern.

10. physisches Wissen

Was willst du machen, wenn die Sturzflut anrollt, gleichzeitig aber der Strom ausgefallen ist, sodass das Insta-Video „Keller abdichten für Dummies“ gerade nicht erreichbar ist? Wenn im selben Stromausfall medizinische Erstversorgung nötig wird, die du nie gelernt hast? Die Antwort ist einfach: Greife zum Buch! Nur ist es dann auch von Vorteil, ein paar solcher Bücher im Haus zu haben.

Sicher nicht im Jahr 2026, auch ein zivilisatorischer Kollaps braucht seine Zeit, doch perspektivisch solltest du – neben den üblichen Überlebenspacks – auch eine gut sortierte Literatur ansammeln: Handwerk, Erste Hilfe, Ackerbau, Wetterbeobachtung, Amateurfunk sind wichtige Stichworte. Im Sinne der Prophylaxe kann jedes heute angeschaffte Buch morgen schon ein entscheidender Vorteil sein. Was das nun mit dem zufriedenen Leben zu tun hat? Die Bedürfnispyramide weiß die Antwort.

11. Combatsport

Ich will hier nicht zum Straßenkampf aufrufen (nur arme Idioten finden Straßenkämpfe gut), sondern auf einen speziellen Aspekt des Kampf- wie Combatsports hinweisen. Ich selbst habe diese Fähigkeiten übrigens im Fechtsport gelernt, nicht beim MMA. Gemeint ist das gezielte Training von mentaler Ruhe in kritischen Situationen (Combatsport ist immer eine kritische Situation), die gezielte und bedachte Handlungsfähigkeit und eine ebenso gezielte Reaktionsschnelligkeit.

Neben der schnöden Straßenschlägerei gibt es deutlich mehr Szenarien, in denen mentale Ruhe, Präzision und Handlungsschnelligkeit elementar sind. Eine Sturzflut ist ein solches Ereignis, ein umfallender Baum im Sturm, wenn der Busfahrer in der Hitze kollabiert, und so weiter. Heute können wir in diesem Kontext noch von Low-Risk-High-Impact-Ereignissen sprechen, im Clusterfuck eskaliert das Risiko schnell in Richtung Medium-Risk.

Ein vorbereitendes Training der mentalen Ruhe und Handlungsschnelligkeit kann die Schäden in solcherlei Situationen beträchtlich minimieren, die positive Wirkung auf das alltägliche Körpergefühl kommt als Sahnehäubchen hinzu.

12. Über Emotionen reden

Was an dieser Stelle profan klingen mag, ist elementar – wir reden weiterhin von „Zufriedenheit im Clusterfuck“, also von einer Frage der Emotionen. Und gerade Männer tun sich schwer damit, über ihre Emotionen zu reden. Was eine Folge davon ist, dass sie ihre eigenen Emotionen oft nicht verstehen und keinen Zugriff auf sie haben. In einer Welt, die zunehmend für schmerzhafte Emotionen sorgen wird, ist diese Verdrängung ein direkter Weg in depressive und/oder aggressive Gefilde.

Denn verdrängte Emotionen neigen zur Entladung, was als Kollateralschaden schnell zu unschuldigen Opfern führt. Aber mal ehrlich, hartes Männlein: Willst du einer der Faktoren sein, die den Clusterfuck noch schlimmer machen, nur weil du mit Emotionen nicht klarkommst? Bist du hingegen mit deinen Emotionen per Du, dann kannst du auch unter hohem Druck dem „sogenannten Bösen“ etwas Gutes entgegensetzen.

13. Umgang mit Tieren

Wer kennt ihn nicht, den Aggro-Sachsen mit dem Dobermann an seiner Seite? Nun werden im Clusterfuck solche Typen nicht nur Auftrieb haben, auch die streunenden Tiere auf der Suche nach Futter werden mehr werden: Straßenhunde, hungrig, infektiös, im Rudel unterwegs. Heute leben wir noch in einer Welt, in der ein Leben ohne Tierkontakt möglich ist (wenngleich sinnlos), doch was machst du, wenn du auf der Flucht vor Feuer, Flut und Schlägertruppen in ein Rudel streunender Hunde gerätst?

Schwitzt du dann die Angst aus allen Poren, wodurch die Hunde erst aggressiv werden? Kannst du die Führung über das Rudel an dich reißen und mit seiner Hilfe die Schlägertruppe in die Flucht schlagen? Aber auch: Kannst du dich einem verletzten Tier so nähern, dass es deine Hilfe zulässt? All das solltest du können – das Stichwort dabei ist: Kommunikation durch Haltung.

14. Camouflage

Schon in Teil 2 habe ich die Camouflage von Oskar Schindler thematisiert – nicht aber so benannt. Dieser Hinweis sei gestattet, weil Camouflage (das Tarnen und Nicht-Entdeckt-Werden) gerade in linken Kreisen oft mit Unterwerfung oder gar Kollaboration verwechselt wird. Hat sich Schindler bei seinen Deals mit den Nazis dem Faschismus unterworfen oder gar mit ihm kollaboriert? Natürlich nicht! Er hat diese Kollaboration nur vorgespielt, in Wahrheit stand er fest an der Seite der unzähligen Menschen, die er vor den Gaskammern gerettet hat.

Deutlicher können Sinn und Zweck von Camouflage in restriktiven Systemen nicht aufgezeigt werden. Doch Camouflage kann auch dem Angriff dienen, wenn man sich z.B. beim Gegner einschleicht, um in seinem Inneren ein kleines (metaphorisches) Bömbchen zu platzieren. Camouflage ist eine Kunst, die du beherrschen solltest, wenn du im Clusterfuck nicht untergehen willst. Und wie so vieles, stammt auch die Camouflage ursprünglich aus der Natur.

15. Autogenes Training

Mit Autogenem Training entspannt im Clusterfuck vor sich hin meditieren … Ehm, what? Natürlich nicht! Das Autogene Training soll hier beispielhaft genannt werden, weil es eine leicht zu erlernende Methode ist, um Mental- wie auch Körperfunktionen zu regulieren. Dass sowohl Atmung, Muskeltonus, Solarplexus und Wärmeempfinden eine Rolle spielen, zeigt die Vielfältigkeit von Autogenem Training – im Vergleich zu vielen ähnlich gelagerten Übungen, die sich meist nur auf einen dieser Aspekte konzentrieren.

Einmal gelernt, hast du diesen schnellen und direkten Zugriff ein Leben lang, und kannst ihn auch in Extremsituationen gezielt einsetzen (z.B. eine Blutung reduzieren, Schmerzen regulieren). Dabei gilt es natürlich, nicht nur die grundlegenden Übungen der autogenen Unterstufe zu erlernen, sondern darüber hinaus auch die Nutzbarkeit der sog. „Oberstufe“.

16. Stress-Toleranz-Fenster

Dieses Modell ist eine gute Hilfe bei der selbstständigen Regulation von Stress. Es beschreibt ganz schlicht das (metaphorische) Fenster, in dem der Stress keine Kontrolle über dich hat. Solange dich der Stress nicht aus der Bahn wirft, solange du bewusst handlungsfähig bleibst, befindest du dich innerhalb des Stress-Toleranz-Fensters. Jenseits davon wird es für dich und für dein Umfeld massiv unangenehm: Kontrollverlust, schnelle Lösungen, Weitergabe von Stress und vieles mehr kumulieren dann zu deinem ganz privaten Clusterfuck.

Damit das nicht passiert, solltest du dein persönliches Stress-Toleranz-Fenster kennen, das übrigens in verschiedenen Situationen und gegenüber verschiedener Personen teils sehr unterschiedlich beschaffen ist: wer kennt nicht jene Menschen, die einen besonders schnell auf die Palme bringen? Jedenfalls hilft dir das Stress-Toleranz-Fenster auch dauerhaft, Stress zu regulieren und etwas zufriedener durch die untergehende Welt zu wandeln.

17. Leiden beenden

Das Härteste zum Schluss: Wir werden vermutlich in Situationen kommen, in denen denen sich die Frage stellt, ob wir „dieses Leiden“ nicht besser beenden sollten. Das kann das eigene Leiden sein, das wird vor allem aber das Leiden anderer sein. Was tust du, wenn der wundgelegene Opa schon am Anfang eines Hitzesommers von Schmerzen gemartert um Hilfe schreit, während das Gesundheitssystem diese Hilfe nicht mehr bieten kann?

Sicherlich, solche Fragen sind hart und heutzutage (zum Glück!) noch wenig relevant. Doch sie werden relevanter werden, je weiter die Welt und ihre Gesellschaften zerfallen. Und deshalb sollte diese Fähigkeit – die übrigens aus der Liebe schöpft – zumindest jetzt schon angesprochen werden: Leiden zu beenden, anstatt am Leben festzuhalten. Das Leben ist sowieso endlich – muss es denn zuletzt auch eine Qual sein, nur für das eine Jahr mehr oder weniger? Ich glaube nicht, aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Think about it!

Was noch fehlt

Der Humor. Zwischen den Zeilen ist er gelegentlich zu finden, und ich hoffe, dass du bei der schweren Lektüre auch mal lachen konntest. Denn ohne Humor, ohne das eine oder andere herzliche Lachen, ist das Leben schlicht nicht lebenswert. Sicherlich haben wir alle unsere gestressten oder gar depressiven Phasen, in denen uns wahrlich nicht zum Lachen zumute ist. Doch selbst Menschen mit dauerhaften Depressionen haben Humor – man denke nur an Peter Sellers, Robin Williams oder die großartige Sarah Andersen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: trotz der üblen Situation, auch trotz der unmoralischen Blüten, die der Humor gerne triebt. Wir sollten uns von der moralischen Daumenschraube befreien, die dem Humor oft wie Blei an der Gurgel hängt. Sie ist im Grunde eine konservative Tendenz innerhalb einer freiheitlichen Gesellschaft (siehe 8. Selbstmoralisierung).

Auch die Motivationspsychologie wäre ein eigenes Kapitel wert, wenn nicht gar einen eigenen Artikel. Herausarbeiten ließe sich, dass Motivation an Rahmenbedingungen und Emotionen hängt, dass sie schnell aus- und eingeschaltet werden kann und dass sich die Ursachen von Motivation bei den Menschen stark unterscheiden (z.B. lässt sich bei Friedrich Merz ein dissoziales Desinteresse am Glück und Leiden anderer vermuten).

Je sinn- und hoffnungsloser die Welt aber erscheint, desto stärker wird der innere Schweinehund, der ja das genaue Gegenteil von Motivation darstellt: lust-, saft- und kraftloses Liegenbleiben. Doch gerade da, wo dieses Liegenbleiben fatale Folgen haben kann, ist es – natürlich abgesehen von gelegentlichen Ruhephasen – keine Option.

Gemeint ist natürlich nicht, dass du nun brav robotten gehst, sondern dass du dein mentales Selbst mit Blick auf das Kommende nicht gehen lassen, sondern trainieren solltest. Da so ein Training Zeit braucht, die Zeit aber klar gegen uns läuft, empfehle ich das mentale Intensivtraining mit all seinen schmerzhaften, aber lehrreichen Erfahrungen (siehe z.B. 4. Verlust, 9. Rituale, 15. Autogenes Training).

Ich hoffe jedenfalls, dass ich dir mit dieser kleinen Reihe, neben dem einen oder anderen konkreten Handwerkszeug, vor allem die Vielfältigkeit dessen vermitteln konnte, wie du dir in einer Welt an der Grenze zum Clusterfuck die Motivation, die Lebenslust und die innere Zufriedenheit bewahren kannst. Vielleicht sogar steigern.

Im Fahrwasser der mentalen Zustände ist die Handlungsfähigkeit natürlich konsequent mitgedacht. Denn eines sollte nicht vergessen werden: Eine Welt der Gefahren und des notwendigerweise flexiblen Miteinanders (2. Miteinander, 6. Flexibilität) ist eine Welt, für die der Homo sapiens gemacht ist – auch wenn er es in seiner kapitalistisch überfüllten Realität in den vergangenen Jahrzehnten verlernt und vergessen hat.

Es gilt also in erster Linie, Fähigkeiten zu wecken, die sowieso irgendwo in dir schlummern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zufrieden leben im Clusterfuck – Teil 1: Wie erwirbt man Krisenresilienz?

Zufrieden leben im Clusterfuck – Teil 2: Wie bleibt man in den Krisen stark?

Zum Autor: Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.

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