Man vergisst es so leicht wieder, wenn westdeutsche Medien den gesamten deutschen Diskurs bestimmen und ihre Perspektiven für die einzig maßgeblichen setzen: dass wichtige Entwicklungen in der deutschen Geschichte im heutigen Osten Deutschlands stattfanden. Und zwar besonders die Entwicklungen in Kultur und Geistesleben.
Dafür stehen die Luthersche Reformation genauso wie die Frühaufklärung und die deutsche Klassik, die bis heute das Bild der Deutschen davon prägt, was man als klassisch und schön begreift. Und das hat viel mit einem Mann zu tun, der 1717 in Stendal geboren wurde.
Und zwar als hochbegabter Sohn eines armen Schusters, der es sich eigentlich nicht leisten konnte, dass sein Sohn einmal eine Lateinschule besucht und danach studiert. Aber genau das hat dieser hochbegabte Sohn – immer wieder unterstützt durch wohlhabende Gönner – getan.
Und wenn ihn Manfred Orlick in diesem Buch porträtiert, wird etwas deutlich, was auch heute noch Kummer und Sorge vieler begabter Kinder aus armen Familien sein dürfte. Denn normalerweise erhalten sie nie im Leben die Chance, aus ihrem wissensdurstigen Gehirn einmal den Türöffner z. B. in eine große wisssenschaftliche Karriere zu machen.
Die meisten dürften Johann Joachim Winckelmann nicht einmal dem Namen nach kennen. Es sei denn, sie hatten engagierte Lehrer in Deutsch und Kunst, die nicht erst bei Goethe und Schiller anfingen, das Phänomen der Deutschen Klassik zu erklären, sondern diesen Winckelmann wenigstens erwähnen und erzählen, wie er mit seinen Veröffentlichungen tatsächlich zum Begründer dessen wurde, was wir heute als Klassik verstehen und mit einer Formel wie „edle Einfalt und stille Größe“ verbinden.
Hungrig nach den Büchern der Welt
Da denken wir dann zwar zuerst an Goethe und Schiller. Aber interessierte Lehrer schlagen hier den Bogen zu Winckelmanm und seiner früh gelegten Begeisterung für die beiden großen Kulturen der Antike: Rom und Griechenland. So etwas kommt nicht aus dem Nichts.
Und in Schusterwerkstätten begegnet man diesen beiden Kulturen in der Regel auch nicht. Und als Winckelmann als Jugendlicher begann, seiner Wissbegier nachzugehen, verehrte man in deutschen Landen eher nur die Kulturnation Frankreich.
Latein war gerade im Abwind und Altgriechisch beherrschte kaum noch jemand. Aber Winckelmann besaß einen unersättlichen Hunger nach Bildung. Einen Hunger, den auch die Schulen, die er besuchte, nicht stillen konnten. Dafür die Bibliotheken, die er auf seinen Wegen durchs Land kennenlernte und die ihm von klugen, offenherzigen Bibliotheksbesitzern auch zugänglich gemacht wurden.
Diesen Hunger nach dem – gedruckten – Wissen der Welt hat Winckelmann zeitlebens nicht verloren. Nach mehreren Hauslehrerstellen und seiner kargen Zeit als Konrektor in einem kleinen Nest namens Seehausen verdingte er sich ein paar Mal als Bibliothekar bei reichen Gönnern.
So etwa bei Heinrich von Bünau auf Schloss Nöthitz bei Dresden, wo Bünau eine der umfangreichsten Privatbibliotheken Sachsens besaß und auf Grundlage seiner Bibliothek eine „Teutsche Kayser- und Reichshistorie“ verfasste, für die ihm der junge Winckelmann zuarbeitete.
Aber am Ende empfand er die Zeit in Nöthitz dann doch als Knechtschaft, denn eigentlich wollte er die Antike mit eigenen Augen sehen. Und das konnte man damals vielleicht in den (unordentlichen) Sammlungen des Sächsischen Kurfürsten.
Oder indem man selbst die beschwerliche Reise nach Italien auf sich nahm und die bekannten Sammlungen und Ausgrabungsstätten der Antike besuchte. Und auf diese Reise begab sich Winckelmann auch, vom sächsischen Kurfürsten mit 200 Talern unterstützt, mit Empfehlungsbriefen ausgestattet und der Aussicht, in einer Kardinalsbibliothek in Rom eventuell eine Anstellung zu finden. Was er eigentlich nicht wollte. Denn da wusste er längst, dass ihm dann wieder die Zeit zum Forschen und Bücherschreiben fehlen würde.
Die Freiheit des Forschers
Er wollte seine Freiheit nicht aufgeben und vermied eine solche Abhängigkeit, so lange er konnte. Und veröffentlichte in dieser Zeit dann die maßgeblichen Bücher, die nicht nur seinen Ruhm in der europäischen Gelehrtenwelt begründeten, sondern eben auch die theoretischen Grundlagen dessen schufen, was man bald als Klassik bezeichnen würde.
Und deren Grundlage war nun einmal die für den damaligen Stand wissenschaftliche Aufarbeitung der antiken – also griechischen und römischen – Kunst, in der Winckelmann die Ideale einer gültigen Kunst auch für seine Gegenwart zu finden vermeinte. Einer Gegenwart, die von den überladenen Formen des Barock geprägt war.
Dass er dabei auch Irrtümern erlag, ist nur folgerichtig. Man kann nicht den Maßstab der heutigen Wissenschaften an Winckelmann legen. So, wie es auch geradezu Unfug ist, die Aufklärung an unseren heutigen Moralvorstellungen zu messen.
In beiden Fällen haben wir ja die Anfänge dessen vor uns, was Wissenschaft und Kunst bis heute prägt. Und bei einem Thema war Winckelmann geradezu der Bahnbrecher – in der Archäologie. Denn er nutzte seinen Italienaufenthalt auch zum mehrmaligen Besuch der Ausgrabungsstätten von Herculaneum und Pompeji, die damals schon die Öffentlichkeit faszinierten.
Aber die Ausgrabungen fanden geradezu dilettantisch statt. Bei der Suche nach möglichst vielen (wertvollen) Fundstücken für die neapolitanische Schatzkammer wurden wichtige Fundstellen gedankenlos zerstört. Und das prangerte Winckelmann in seinen Veröffentlichungen auch an.
Eine abgebrochene Reise nach Deutschland
Freunde machte er sich damit nicht. Aber er setzte Maßstäbe und schuf damit im Grunde die erste theoretische Basis für die moderne Archäologie. Seine Bücher machten ihn berühmt und etliche deutsche Fürsten luden ihn ein, ihre Residenzen zu besuchen.
Sodass er sich am Ende noch einmal eine große Reise nach Deutschland vornahm, doch schon beim Überqueren der Alpen überkam ihn das Gefühl, in der falschen Richtung unterwegs zu sein. Alles zog ihn zurück in sein geliebtes Italien. Eigentlich standen auch Leipzig, Dresden und Berlin auf seinem Reiseplan. Doch in München kehrte er um.
Nicht ahnend, dass ihn dann in Triest sein Schicksal ereilen würde – die Ermordung durch einen Mann, den er in seinem Hotel kennengelernt hatte. Eine Ermordung, um die sich zahlreiche Theorien, Mythen und Märchen ranken. Aber vieles deutet darauf hin, dass es wohl doch ein stümperhaft begangener Raubmord war. Der Täter wurde gefasst und öffentlich hingerichtet.
Aber die Nachricht von Winckelmanns Tod erschütterte natürlich die Welt der Gelehrten, Künstler und Schriftsteller in Deutschland, für die seine Schriften ja wie eine Ermutigung gewesen waren, mit der Kunst der Antike den ganz großen Maßstab an das Kunstschaffen ihrer Zeit anzulegen.
Dieser Maßstab wirkt bis heute. Aber die wenigsten denken, wenn sie etwa die Klassikerstätten in Weimar besuchen, an Winckelmann. Dafür reisen all jene, die Winckelmann auch heute noch verehren und lieben, nach Stendal, wo heute das Winckelmann-Museum an den berühmten Sohn der Stadt erinnert.
Es gehört inzwischen zu den „kulturellen Gedächtnisorten in den neuen Ländern“ und entstand dort, wo einst Winckelmanns Geburtshaus stand.
Und damit ist es einer der Orte in Ostdeutschland, an denen man besichtigen kann, welche kulturellen und geistigen Sternstunden in der deutschen Geschichte von hier ihren Ausgang nahmen. Und wer die Begeisterung der Winckelmann folgenden Klassiker verstehen will, dem kann man eine Beschäftigung mit seinen Büchern und eine Reise nach Stendal nur empfehlen.
Manfred Orlick Wahre Geschichten um Johann Joachim Winckelmann Tauchaer Verlag, Leipzig 2026, 13 Euro.
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