Marcus K. atmet tief durch, ringt um Fassung, als er an diesem Montagmorgen im Saal 14 des Leipziger Landgerichts befragt wird. Irgendwann braucht er ein paar Minuten Verhandlungspause, um sich zu sammeln: Die Erinnerung an den 18. August 2025 lastet schwer auf dem 43-Jährigen. Er war mit in der Reudnitzer Wohnung, als jener Mann, der nur einige Meter von ihm entfernt sitzt, laut Anklage gewaltsam eingedrungen war. Dann soll der Täter die Wohnungsinhaberin mit einem Messer tödlich attackiert und den gemeinsamen Sohn (10) schwer verletzt haben.
Ganz plötzlich begann der Albtraum, mit dem er niemals rechnete – so beschreibt es Marcus K. am Montag, dem 2. März 2026, in seiner Zeugenaussage gegenüber dem Schwurgericht: Mit Susann K. stand er am späten Abend des 18. August 2025 rauchend auf dem Erdgeschossbalkon ihrer Wohnung in der Fritz-Hanschmann-Straße, als Nick W. unvermittelt mit Kopftuch und Shorts vor der Brüstung aufgetaucht sei und vergebens Zutritt eingefordert habe.
Staatsanwaltschaft geht von geplanter Tat aus Rache aus
Nick W. und Susann K. waren jahrelang ein Paar mit wechselhafter Beziehung und Eltern eines gemeinsamen Sohnes. Die Trennung durch Susann soll der 37-Jährige nicht akzeptiert, sie am Tatabend aufgesucht und aus Rache mit einem Messer attackiert haben. Nachdem sie geflohen war, habe der Täter die Aggression gegen seinen 10-jährigen Sohn gelenkt und auf ihn eingestochen – so sieht es die Leipziger Staatsanwaltschaft.
Während das Kind überlebte, erlag dessen Mutter Susann K. mit nur 42 Jahren einem Blutungsschock, durch das Messer waren Lebergefäße der Frau zerfetzt worden. Nick W., angeklagt unter anderem wegen Mordes und versuchten Mordes, streitet eine gezielte Tatplanung vor Gericht bislang ab.
Zeuge: Er hat seinen kleinen Sohn wie ein Stück Vieh gezerrt
„Für mich war das ein geplantes Ding“, meint Zeuge Marcus K. dagegen. Der 43-Jährige und Susann K. hatten sich Wochen zuvor kennengelernt, sich gut verstanden. Aus seiner Sicht habe sich das Verhältnis zu Susann in Richtung einer womöglich festen Partnerschaft entwickelt.
Umso schockierter war er, als er sich Nick W., den er bis dato nicht kannte, am Abend des 18. August 2025 auf einmal in der Küche von Susann gegenübersah. Zumal er als potenziell neuer Freund fürchtete, zum Ziel des Angreifers zu werden, der sich nach Susanns Weigerung, ihn hereinzulassen, durch Aufbrechen der Türen gewaltsamen Zugang ins Haus und zur Wohnung verschafft haben soll: „Da stand er vor uns, mit einem Messer in der rechten Hand.“

Susann sei wohl durch die verwinkelte Wohnung geflüchtet, er habe keine Attacke auf sie gesehen und gehofft, dass sie in Sicherheit sei, sagt Marcus K. aus, kämpft spürbar mit der belastenden Erinnerung.
Im Lauf des Geschehens soll der Täter seinen eigenen, verängstigten Sohn, der schon im Bett lag, angegriffen und vom Kinderzimmer in die Küche geschleift haben: „Er hat ihn am Kragen gepackt und mir entgegengeworfen. Er hat geblutet und geschrien“, erinnert sich Marcus K., den Tränen nahe, mit Bezug auf das unschuldige Kind. „Wie ein Stück Vieh“ soll er es gezerrt und dem Jungen mit Fingerzeig auf Marcus K. sinngemäß vorgehalten haben, dieser Mann sei Zerstörer des Familienglücks.
Zeuge: Ich habe alles verloren
Die schwerst verletzte und später verstorbene Susann K. hatte sich zwischenzeitlich durch das Erdgeschossfenster aus der Wohnung auf den Bürgersteig abgesetzt, wo sie zusammenbrach. Marcus K. brachte sich durch einen Sprung vom Balkon in Sicherheit. Die Polizei befreite den 10-jährigen Sohn kurz darauf, übergab ihn dem Rettungsdienst und nahm im Kinderzimmer den Vater fest.
Dessen Version zum Tathergang: Er habe bei seinem Sohn einen Blackout gehabt und keine Erinnerung mehr an die laut Ermittler 14 Stiche, während das Messer Susann K. angeblich ohne Absicht traf, weil er eine Tür ins Kreuz bekommen habe und gestolpert sei. Zeuge Marcus K. widerspricht dieser Darstellung entschieden, dies sei so nicht möglich. Vom Vorsitzenden Richter Michael Dahms nach seinem Befinden gefragt, wird der 43-Jährige deutlich: Er habe alles verloren und das traumatische Erlebnis längst nicht verarbeitet.
Der Prozess wird fortgesetzt.
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