Von „nicht ausruhen“ sprach Sachsens aktueller Kultusminister Conrad Clemens am 14. September, als er sich zumindest ein bisschen nachdenklicher als seine Vorgänger im Amt zum neuen sogenannten „Bildungsmonitor“ der Lobbyinitiative INSM äußerte. Im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hatte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln wieder einen sogenannten „Leistungsvergleich der Bildungssysteme aller 16 Bundesländer“ erstellt.

Sachsen belegt mit 62,9 Punkten mal wieder Platz 1. Aber das sagt so gut wie nichts über den Erfolg des Bildungssystems aus.

„Sachsen kann sich auf diesem Spitzenplatz nicht ausruhen“, sagte dann am 14. September auch Kultusminister Conrad Clemens. Der irgendwie auch davon überzeugt scheint, dass eine Schulreform in seinem Ministerium die Lage verbessern kann.

„Noch in diesem Jahr wollen wir eine Schulgesetzänderung vorstellen. Unsere Ziele sind eine moderne, datengestützte Schulentwicklung, kompetenzorientiertes Lernen, vernetzter Unterricht und mehr Medienbildung. Nur wenn wir unser Bildungssystem weiterentwickeln und unsere Strategie Bildungsland 2030 konsequent umsetzen, bleiben wir spitze in der Bildung.“

Kinder zu spät eingeschult?

In 4 von 13 Handlungsfeldern belegte Sachsen im Bildungsmonitor“ der INSM Platz 1, jubelte dann sein Ministerium und benannte die Felder Beste Förderinfrastruktur, höchste Schulqualität, Geringste Bildungsarmut und Stärkste Forschungsorientierung.

„Sachsen weist Bildung im öffentlichen Ausgabeverhalten eine hohe Priorität zu (Platz 2). Überdurchschnittlich schneidet Sachsen bei den Grundschulen und den beruflichen Teilzeitschulen ab. Verbesserungspotential besteht hingegen bei der Betreuungsrelation an Kitas und der Zeiteffizienz (relativ viele spät eingeschulte Kinder an Grundschulen).“

Conrad Clemens. Foto: Pawel Sosnowski
Conrad Clemens. Foto: Pawel Sosnowski

Was dann so einfach nicht stimmte. Denn das Einschulungsalter der Kinder ist in dieser Kategorie nur ein Aspekt neben Durchschnittlicher Wiederholerquote (Grundschulen), Durchschnittlicher Wiederholerquote (Sekundarbereich I), Anteil der vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge an allen Ausbildungsverhältnissen, Anteil der Studienanfänger in Bachelorstudiengängen an allen Studienanfängern und Durchschnittsalter der Erstabsolventen.

Und was meint Wiederholerquote? Das sind die Kinder, die das Schuljahr noch einmal absolvieren müssen – in Sachsen sind das 2 Prozent. Die Kinder verlieren nicht Zeit, weil sie erst mit 7 Jahren in die Schule kommen, sondern weil sie Extrarunden drehen müssen.

Was sagt der Koalitionspartner?

„Sachsens erneuter Spitzenplatz im Ländervergleich ist kein Anlass zur Selbstzufriedenheit“, meldete sich nach Veröffentlichung der Daten der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Gerald Eisenblätter, zu Wort. „Das Ergebnis ist vor allem der Verdienst der engagierten Pädagog/-innen, die in herausfordernden Zeiten tagtäglich das Beste für Kinder und Jugendliche herausholen.“

Aber statt zu jubeln, sagte er: „Die Daten mahnen zur Demut: Integration, Chancengleichheit und Schulqualität bleiben die größten Baustellen – auch in Sachsen. Bildungserfolg darf nicht vom Geldbeutel, von der Herkunft der Eltern oder vom Wohnort abhängen, das unterstreicht auch die Schulabbrecherquote von 9 Prozent in Sachsen (Bundesdurchschnitt: 7,8 Prozent).“

Gerald Eisenblätter (SPD, Mitglied des Sächsischen Landtags) beim Neujahrsempfang der SPD Leipzig in der Galerie KUB am 10.01.2025.
Gerald Eisenblätter (SPD, Mitglied des Sächsischen Landtags) beim Neujahrsempfang der SPD Leipzig in der Galerie KUB am 10.01.2025. Foto: Jan Kaefer

Kultusminister Conrad Clemens scheine auch den Ruf nach einer Schulgesetznovelle endlich zu hören. Die SPD-Fraktion wolle ihre Vorschläge in diese Debatte einbringen. Basiskompetenzen, Lebensweltbezug und Medienkompetenz müssten im Fokus der anstehenden Schulgesetznovelle und Lehrplanreform stehen. Aber auch die Sicherung des zukünftigen Schulnetzes sei von Bedeutung.

Da sind die Erinnerungen noch frisch an das zusammengesparte Schulnetz Anfang der 2000er Jahre, als Sachsens Regierung meinte, man könne jetzt bei sinkender Schülerzahl auch drastische Sparprogramme bei Schulen und Schulpersonal auflegen. Mit drastischen Folgen bis heute.

„Der Exkurs zur Demografie in Ostdeutschland im diesjährigen Bildungsmonitor ist daher besonders zu würdigen. Sinkende Schülerzahlen dürfen nicht zum Schulsterben im ländlichen Raum führen“, betonte Gerald Eisernblätter deshalb. „Jahrgangsübergreifender Unterricht und längeres gemeinsames Lernen sind deshalb das Gebot der Stunde.“

Und er liest das INSM‑Ranking auch nicht als Erfolg. Denn es zeigt auch für Sachsen, wie stark der Bildungserfolg von der Herkunft der Kinder abhängt. Eisenblätter: „Wenn uns auch aus Arbeitgeberperspektive der ISNM bescheinigt wird, dass der sozioökonomische Hintergrund nach wie vor einen erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg hat, müssen wir an diesem Punkt ansetzen. Der Grundstein jeder Bildungsbiografie wird im Kindergarten gelegt. Wir müssen gezielt in die frühkindliche Bildung investieren und den Übergang in die Grundschule verbessern.“

Was sagen die Profis?

Und auch die GEW Sachsen warnt davor, aus dem „1. Platz“ im „Bildungsmonitor“ auf ein funktionierendes Bildungssystem zu schließen. Der Bildungsmonitor bilde vor allem bildungsökonomische Kennzahlen ab und blende zentrale Bedingungen guter Bildung aus. PISA-Ergebnisse und die Situation an Sachsens Kitas und Schulen zeigten: Ein Spitzenplatz in diesem Ranking ist kein Grund zur Entwarnung.

„Der Bildungsmonitor misst, was Bildung für die Wirtschaft leistet – aber nicht, unter welchen Bedingungen Bildung stattfindet“, kommentiert Burkhard Naumann, Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen.

„Dass Sachsen wieder auf einem Spitzenplatz landet, passt immer weniger zur Realität an unseren Kitas und Schulen. Dort erleben Beschäftigte täglich Personalmangel, massive Abordnungen, steigende Belastung und fehlende Unterstützung für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Ein Ranking kann diese Realität nicht wegmessen.“

Burkhard Naumann auf der Demonstration am 21.01.2026. Foto: Thomas Köhler

Der Bildungsmonitor wird vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der von Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanzierten INSM erstellt. Er bewertet die Bildungssysteme der Länder unter anderem danach, welchen Beitrag sie zur Fachkräftesicherung und zum wirtschaftlichen Wachstum leisten.

„Wer Bildung vor allem danach bewertet, wie gut sie Fachkräfte für die Wirtschaft hervorbringt, hat einen zu engen Bildungsbegriff. Gute Bildung bedeutet mehr als wirtschaftliche Verwertbarkeit. Sie braucht Zeit für individuelle Förderung, multiprofessionelle Zusammenarbeit und stabile Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden“, sagt Naumann.

Auch der Bildungsmonitor selbst zeige Widersprüche, stellt die GEW fest: Sachsen belegte bereits im vergangenen Jahr Platz 1, gleichzeitig stellte die Studie auch damals schon Verschlechterungen bei Schulqualität, Bildungsarmut sowie Bildungsgerechtigkeit und Integration fest. Bei der Betreuungsrelation in Kitas lag Sachsen bundesweit auf dem vorletzten Platz.

„Wenn eine Studie Sachsen zum Bildungsprimus erklärt und gleichzeitig bei den Betreuungsbedingungen nahezu zum Schlusslicht macht, sollte das zu denken geben. Gute Bildung hängt nicht allein von Testwerten ab. Auch an den Schulen sind gute Ergebnisse früherer Vergleichstests kein Freifahrtschein für die Zukunft“, betonte Naumann.

Die GEW Sachsen sieht ihre Kritik durch die jüngsten Bildungsstudien bestätigt. Die PISA-Ergebnisse 2025 zeigen einen historischen Tiefstand bei den Kompetenzen der 15-Jährigen und eine wachsende soziale Spaltung.

Auch Sachsen könne sich davon nicht abkoppeln, betont die GEW: Im IQB-Bildungstrend gehöre der Freistaat zwar weiterhin zur Spitzengruppe, dennoch verfehle auch hier jeder fünfte Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik.

„Die Bildungsprobleme in Deutschland sind längst sichtbar. Sachsen ist da nur der Einäugige unter den Blinden“, bringt es Naumann auf den Punkt. „Jetzt braucht es keine weiteren Rankings, sondern politische Konsequenzen. Der Doppelhaushalt 2027/28 bietet dafür die entscheidende Gelegenheit. Statt Unterstützung abzubauen und den Personalmangel durch Abordnungen zu verteilen, muss Sachsen gezielt dort investieren, wo der Bedarf am größten ist.“

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