Es gibt eine Welt neben unserer Welt. Dort ist es stiller, melancholischer, besinnlicher. Dort erklingt die Musik von Robert Schumann, Johannes Weyrauch und Alexander Zemlinsky. Es ist die Welt der romantischen Musik, die nicht mit der Romantik endete, sondern Komponisten wie Weyhrauch und Zemlinsky auch im 20. Jahrhundert noch beschäftigte. Der Leipziger Tenor Patrick Grahl hat nun aus den Liedern der drei Komponisten ein ganzes Album zusammengestellt. Eine musikalische Zeitreise geradezu – raus aus einer laut und schrill gewordenen Gegenwart.

Mit dem Album „Morgensterne“ widmen sich Tenor Patrick Grahl und seine Pianistin Klara Hornig ganz zentral den Liedern von Johannes Weyrauch. Im Zentrum steht eine Musik von großer Innerlichkeit, die ohne äußere Effekte auskommt und ihre Kraft aus der Konzentration auf Wort und Atem schöpft. Und da wird es spannend.

Denn Weyrauch, der zeitlebens eine besondere Beziehung zur menschlichen Stimme pflegte, fand sogar in Christian Morgensterns Dichtung eine Sprache für existenzielle Fragen nach Menschsein, Hoffnung und Transzendenz – besonders eindrücklich in seinem Nachkriegszyklus „Erdengang“ (1946) und den späteren Liedern nach Texten von Christian Morgenstern von 1964. Also zutiefst romantische Bezüge im Werk eines Dichters, der vor allem durch seine humorvollen „Galgenlieder“ berühmt wurde.

Aber seine Zeit – die Jahrhundertwende um 1900 – war auch eine zutiefst spätromantische Zeit. Innerlichkeit traf sich mit Jugendstil, Endzeitstimmung mit den Posaunenklängen Richard Wagners, der auch Weyhrauch beeindruckte. Aber wenn man dann hineinhört in seine Lieder, merkt man: Hier wirkt die Empfindsamkeit der Schumann-Zeit nach. Eine Gegenwelt zu den lauten und bedrohlichen Entwicklungen der Zeit.

Und das gilt auch für den dritten auf dieser CD vertretenen Komponisten: In spannungsvolle Korrespondenz treten diese Werke mit Vertonungen desselben Dichters durch Alexander Zemlinsky. Während Weyrauch aus der Stille und geistigen Vertiefung heraus komponiert, lotet Zemlinsky emotionale Extreme aus und entfaltet eine klanglich intensive, existenziell aufgeladene Tonsprache.

Ergänzt wird das Programm durch Lieder von Robert Schumann nach Gedichten von Heinrich Heine, die einen historischen Resonanzraum eröffnen. Auch hier wird die feine Balance zwischen äußerer Bewegung und innerem Erleben hörbar.

Und natürlich der eigensinnige Umgang Schumanns mit Heines Liedern, die eigentlich auch schon in Heines „Buch der Lieder“ ein feinsinniger Bruch mit der schwermütigen Romantik waren. Und eigentlich auch einen Ton anklingen ließen, der sich der Abendstimmung der Romantik letztlich verweigerte. Etwas, was Schumann in seinen Vertonungen geradezu vergessen ließ.

Und so taucht man mit dieser Liederauswahl ein in ein Zeitgefühl, das wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint. In sich gekehrt, abgekehrt vom tosenden Draußen. Oder mit den Worten des Musikverlags: „Morgensterne“ ist eine musikalische Spurensuche nach dem „Eigentlichen“ im Wort – eine Wanderung durch innere Landschaften zwischen Abgrund und Hoffnung.

„Morgensterne“, Patrick Grahl – Tenor, Klara Hornig – Piano, Koproduktion mit dem SWR, Rondeau Production GmbH, Leipzig 2026.

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