Gespielt hat Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin die Gambe nicht selbst, aber er wird wohlwollend nickend zugehört haben, wenn Franz Xaver Aloys Hammer das kostbare Instrument bediente. Denn gleich zu seinem Amtsantritt 1785 bestellte er den Wiener Violoncellisten und Gambisten in seine Lufwigsluster Hofkapelle. Ludwigslust – das war das Versailles von Mecklenburg-Schwerin, von Herzog Friedrich, dem Onkel des jungen Herzogs, ab 1772 erbaut. Aber wie klang es im Schloss? Genau das kann man jetzt hören.
Denn Thomas Fritzsch, der sich wie kein anderer um die Geschichte der Gambe und die Wiederaufführung von historischen Gamben-Kompositionen bemüht, hat mit dieser neuen CD wieder einen Schatz gehoben. Gleich mehrfach. Denn er spielt darauf nicht nur die Gambe Franz Xaver Aloys Hammers, die erstaunlicherweise die Jahrhunderte überdauert hat.
Er konnte auch auf Hammers eigene Gamben-Kompositionen zurückgreifen, Stücke, die vor allem für die herzogliche Kammermusik in Ludwigslust entstanden, die Abende also, an denen der Herzog in seinem Schloss einmal Musik im kleineren Kreis genießen wollte.
Und das Erstaunliche ist: Man taucht mit dieser Musik wieder einmal direkt hinein ins Tempo und das Lebensgefühl des 18. Jahrhunderts. Das ein völlig anderes war als das in unserer Zeit – aber auch grundverschieden vom aufkommenden klassischen Zeitalter.
Wenn man die Literatur aus dieser Zeit liest, wird einem das meist gar nicht bewusst, selbst dann, wenn man merkt, mit welcher ausschweifenden Gemütlichkeit damals noch Romane und Erzählungen geschrieben wurden.
Eine Weitschweifigkeit, die wir heute kaum noch aushalten, weil wir auf ein völlig anderes Zeitmaß getaktet sind, ungeduldig, immerfort abgelenkt, mit einer Aufmerksamkeitsspanne, die schon nach Sekunden endet.
Die Stille Mecklenburgs
Nur gab es zu Herzog Friedrich Franz’ Zeiten nichts, was abgelenkt hätte. Schon gar nicht im ländlichen Mecklenburg. Auch Ludwigslust lag abgeschieden zwischen Wäldern und Wiesen. Und laut wurde es nur dann, wenn mal wieder eine herzogliche Jagd stattfand und die Jagdhörner schallten.
Die Jagdhörner hört man auch in einigen von Hammers Kompositionen. Logisch: Er baute die – hörbare – Lebenswelt seines Herzogs mit ein in seine Stücke, konnte sicher sein, dass das beim adeligen Publikum Assoziationen auslöste. Die Musik erzählt von der Lebenswelt der Hörer.
Und wer sich darauf einlässt, taucht hinein in dieses Zeitgefühl des späten 18. Jahrhunderts, als die Gambe noch ein ganz selbstverständliches Instrument nicht nur in herzoglichen Kapellen war, sondern auch in bürgerlichen Kreisen gespielt wurde.
Vielleicht nicht einmal so besinnlich empfunden wurde, wie wir es heute fühlen. Denn Tempo steckt trotzdem in diesen Stücken. Und sogar so etwas wie Aufbruchstimmung. Immerhin war es auch das Zeitalter der (Spät-)Aufklärung. Da änderte sich auch das Denken über die Welt, die Gesellschaft, die Möglichkeiten menschlichen Erfindergeistes.
Als säße man im kerzenerhellten Schloss
Wie zeitgebunden viele der Hammerschen Kompositionen sind, machen zum Beispiel die drei Titel unter den Nummern 11 bis 13 auf der CD deutlich: „Deutschlands Klage auf den Tod des Großen Friedrichs Borußens König“.
Friedrich II. von Preußen starb 1786. Und wenn Hammer so ein Stück komponierte, dann erzählt das auch von der Anhänglichkeit der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin an den großen Nachbarn im Süden, freilich weniger von der Klage der Deutschen. Denn andere Länder hatte der Alte Fritz fleißig mit Krieg überzogen. Dort – man nehme nur Sachsen – klagte wohl eher niemand um den Griesgram aus Potsdam.
Es gibt auch schriftliche Überlieferungen zu den Konzerten in Ludwigslust, erzählt Thomas Fritzsch. Aber dabei handelt es sich vor allem um die großen Konzerte der Hofkapelle, deren Mitglied Hammer war. Was man auf der CD findet, sind aber ausschließlich Kompositionen für die Kammermusik, wo die Viola da Gamba zusammen mit Klavier, Violoncello und – unüberhörbar – dem Horn zu hören war.
Logisch, dass sich Thomas Fritzsch dafür hochkarätige Begleitung ins Studio geholt hat – den Cembalisten Michael Schönheit etwa oder den Bassbariton Klaus Mertens, weil es auch einige eindrucksvolle Gesangspartien gibt. Die Violine von Eva Salonen ist genauso unüberhörbar wie die Horn-Passagen, die von Stephan Katte und Pedro Rodriguez beigesteuert wurden.
Das Ergebnis: Ein Kammermusikabend, der einen direkt zurückversetzt ins späte 18. Jahrhundert. Man darf sich den von Kerzen erhellten Saal im Schloss Ludwigslust dazu vorstellen, ein festlich gekleidetes Publikum mit dem musik-glücklichen Herzog Friedrich Franz in der Mitte.
Und draußen vor den Fenstern des Schlosses – atemberaubende Stille. Die vertraute Stille eines Jahrhunderts, in dem noch kein Motoren- und Maschinenlärm allgegenwärtig war. In dem man ruhig und unaufgeregt miteinander sprechen konnte, dem Sirren der Insekten lauschen und dem Konzert der Vögel.
Die Zuhörer in diesen Kammerkonzerten ahnten noch nicht, wie laut und lärmend die nächsten Jahrhunderte werden würden. Auch nicht, wie die Musik der Klassik und Romantik alle Hörgewohnheiten über den Haufen schmeißen würde.
Nur ein wenig Geduld braucht man noch, denn offizieller Verkaufsstart für diese CD ist am 10. Juli.
Thomas Fritzsch, Klaus Mertens, Michael Schönheit „Die Herzogliche Gambe“, Rondeau Production, Leipzig 2026
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