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Thomas Fritzsch und Freunde haben die Gamben-Sonaten und Trios aus Schloss Ledenburg eingespielt

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    Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass nicht nur das Tempo unserer Zeit hoch ist, ein wildes, oft unüberschaubares Stakkato. Wir haben uns auch daran gewöhnt, dass auch die Musik schnell ist. So schnell, dass wir nicht einmal mehr ahnen, wie sehr vergangene Zeitalter anders gestimmt waren. Und dann ist da ja auch noch diese Gambe, mit der Thomas Fritzsch ins 18. Jahrhundert hinunter taucht.

    Vor zwei Jahren hat er ja die Musikwelt schon einmal überrascht, als er mit der Einspielung der „2nd Pembroke Collection“ an die Öffentlichkeit ging. Die erste Kollektion galt ja lange Zeit als alles, was aus dem Schaffen des 1723 in Köthen geborenen Gambenvirtuosen Carl Friedrich Abel übrig geblieben war. Der Rest seines kompositorischen Schaffens war nach der Versteigerung seines Nachlasses in alle Winde zerstreut – und vielleicht für immer verloren. Aber mit dem vielleicht gab sich Fritzsch nicht zufrieden. Erst recht nicht, als er dem zweiten Konvolut aus der berühmten Pembroke-Sammlung auf die Spuren kam und mit hochkarätigen Kollegen zusammen auf einer Doppel-CD erstmals wieder hörbar machte, wie das geklungen haben muss, wenn Abel in London ein Konzert gab. Schon das ein Hörgenuss, bei dem man sich die berühmten Londonbilder der späteren Millionenstadt gar nicht vorstellen kann. Rollende Kutschen, ja. Viele Fußgänger und Reiter, ja. Und rustikale Salons, kerzenerhellt, in denen musiziert wurde vor einem Publikum, das Zeit hatte und Muße zum Zuhören.

    Jetzt hat Fritzsch wieder einen Abel-Schatz ausgegraben. Und taucht noch tiefer in die Zeit. Denn mit der Ledenburg-Sammlung, wie er sie nennt, hat er eine ganz frühe Sammlung von Kompositionen des Gamben-Musikers aufgetan. Zusammengetragen hat sie die kunst- und literaturbeflissene Eleonore von Grothaus, die 1759 den Freiherrn Georg Hermann Heinrich von Münster heiratete, Dichterin im Stil des Sturm und Drang, deren Dichtung aber bis ins frühe 20. Jahrhundert nicht wahrgenommen wurde. Und in ihrer Sammlung, die sich heute im Niedersächsischen Landesarchiv befindet, wurde der französische Musikwissenschaftler Francois-Piere Goy fündig und machte seinerseits Thomas Fritzsch darauf aufmerksam, dass sich hier ganz frühe Gamben-Kompositionen von Carl Friedrich Abel erhalten haben.

    Die Datierung sei nicht einfach, stellt Fritzsch fest, aber die Kompositionsweise deutet darauf hin, dass alle Stücke vor Abels Londoner Zeit entstanden. Und nun hat er auch diese sieben Kompositionen mit virtuosen Musikerkolleginnen (Eva Salonen an der Violine und Katharina Holzhey am Violincello) und Michael Schönheit am Klavier eingespielt. Und man muss beim Zuhören nicht mal die Augen schließen, um sich in eine Zeit versetzt zu sehen, als es weder Eisenbahn noch Flugzeuge, weder Radio noch Auto, weder Internet noch Smartphones gab, als man sich noch mündlich oder brieflich verabredete und seine Kultur selbst organisieren musste. Mancher Fürst hielt sich eine Hofkapelle. Und wer sich das nicht leisten konnte, veranstalte kleine Hauskonzerte.

    So mag es auch im kleinen Schloss Ledenburg gewesen sein im Landkreis Osnabrück, das im 18. Jahrhundert den Grafen von Münster gehörte. Und Eleonore beherrschte augenscheinlich die Gambe, das beliebteste Hausinstrument seiner Zeit. Abel gilt ja als der absolute Gipfelpunkt der Gambenmusik. Aber Thomas Fritzsch wäre nicht Fachmann auf seinem Gebiet, wenn er einige musikwissenschaftliche Einschätzungen zu diesem Thema nicht teilen würde – zum Beispiel, dass mit Abel die Zeit der Viola da Gamba zu Ende ging. Das Argument hat er bei dieser Einspielung in der Hand: eine 1812 vom Londoner Geigenbauer Samuel Gilkes gebaute Gambe, die sich Fritzsch aufwendig hat restaurieren lassen. Nun klingt sie wieder. Und zwar nicht nach dem, was wir heute mit dem Jahr 1812 assoziieren (man denke nur an Beethovens große Marschmusiken), sondern nach diesem noch viel besinnlicheren 18. Jahrhundert, dessen Tempo sich in den meisten Landschaften Deutschlands nicht wirklich vom Tempo der Renaissance unterschied. Man besaß noch die Tugend des Zuhörenkönnens, brachte lange Abende am Kamin zu. Man denkt zwar nicht unbedingt an „Tristram Shandy“, diesen ausufernden Roman von Laurence Sterne. Aber der wurde genau in dieser Zeit geschrieben.

    Man hatte einfach Zeit, brauchte sie sich nicht extra zu nehmen. Und man war nicht ständig außer sich, sondern aufgehoben in einem Lebenstempo, das durch den Lauf der Jahreszeiten geprägt war. Man unterhielt sich noch selber (und lenkte sich nicht durch „Unterhaltung“ ab). Und dazu gehörten bestimmt auch fröhliche Abende mit Hausmusik. Und die hatten zwangsläufig das Tempo und den Ton der Zeit. Wahrscheinlich hätte man das, was heute so als Pop-Musik gilt, als reinen Veitstanz verstanden, als Entäußerung von völlig närrischen Menschen. Man verstand Musik noch zutiefst mit dem eigenen Leben und dem eigenen Lebensrhythmus verwoben. Und der war natürlich – im Vergleich mit heute – gedimmt, beinah getragen. Die Landwirtschaft rund um die Schlösser hatte ihre geregelten Abläufe, die im Haus auch. „Leben in die Bude“ kam nur, wenn auch Gäste vorbeikamen. In der Regel lange angekündigt und herzlichst empfangen.

    Und man hatte noch die Zeit, Gefühle zu entwickeln und auszukosten. Das ist gerade in diesen frühen Abel-Stücken nachvollziehbar, die alle sehr ruhig, sehr besinnlich anfangen. Sie sind wie Unterhaltungen am Kamin. Man versteht sich, plänkelt ein bisschen, scherzt ein bisschen. Und irgendwann hat man einen Punkt erreicht, da wird der Abend immer lebendiger, man lacht, erinnert sich, wird richtig fröhlich. Die Stimmung klettert drei Oktaven nach oben, die Frauen bekommen leuchtende Augen, die Herren rote Nasen. Und am Ende geht man mit Lachen und Vorfreude auf den nächsten Besuch auseinander. Solche Abende, nach denen alle nur ganz schlecht einschlafen können und froh sind, dass sie das nicht verpasst haben.

    Solche Stücke sind das.

    Und dass der Eindruck nicht täuscht, dass hier mit virtuoser Freude die Stimmung beschwingter Musikabende in Schloss Ledenburg eingefangen wurde, beweist der kleine Hinweis auf dem Booklet: Die vier Musiker sind extra nach Merseburg gefahren, um die Stücke in der Hofstube von Schloss Merseburg einzuspielen. Und das hat wirklich wenig mit den üblichen „Barockkonzerten“ in diversen Schlössern zu tun, wo man steif auf steifen Stühlen sitzt und nicht zu schniefen wagt. Auch wenn vielleicht keine Naschereien gereicht wurden und auch kein Publikum bei den Aufnahmen saß – man hat es trotzdem vor Augen, wie es dabei sitzt und sich einfach mitfreut, wie sich diese Musik entfaltet und die Musiker bei manchen Sätzen richtig aus sich herausgehen müssen, weil jetzt Gefühle gezeigt werden. Die komponierte Freude am Leben. Wobei hier eher die Violine die Übermütige ist und die Gambe eher zurückhaltend dabei bleibt, quasi die Stimme im Hinterkopf, die immer wieder mahnt: Nicht so doll, Kindchen, du erkältest dich. Und dann trotzdem mitmacht, wenn die Stimmung ausgelassener wird. So ausgelassen, dass am Schluss zwar die Wangen glühen und die Perücken ein bisschen zerzaust sind. Aber alle können sich noch in die Augen schauen. Und vielleicht sagt noch jemand: „Dieser Abel!“

    Und weil die Damen zwar nicht so virtuos sind wie dieser Abel, ihre Instrumente aber beherrschen, kann die Sache am nächsten Sonntag wiederholt werden. Und am übernächsten. Denn man hat ja noch Zeit, ganz viel, und weiß gar nicht, dass das ein richtiger Reichtum ist.

    Hätten Eleonore und ihre Mitmusikanten gewusst, was 250 Jahre später draus geworden ist, sie hätten uns bedauert. Aus tiefstem Herzen.

    Aber wir können ja aussteigen, wenn wir wollen: Den Fernseher (egal, wie teuer das Ding war) verschenkt, entsorgt, raus damit. Und diese zutiefst sinnlichen Einspielungen von Thomas Fritzsch und Kollegen aufgelegt, und man ist einfach weg, 250 Jahre weit weg. In einer Zeit, in der man noch wusste, wie Zeit sich anfühlt.

    Carl Friedrich Abel „Ledenburg“, Coviello Classics 2016:

     

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