Da bleibt kein Auge trocken. Oder sollte man doch besser sagen: Da singt einer die schwermütigen Lieder derjenigen, die vom Leben tatsächlich gebeutelt sind? Die an ihren Ansprüchen und ihrer Liebe scheitern? Und das mit dem Drive der Bassgitarre im Hintergrund, die das ganze drängende, pulsierende Leben hörbar macht, das einen auch dann noch jagt und treibt, wenn man mit kroatischem Fusel am Küchentisch sitzt?

Der Leipziger Musiker Ingo Paul macht seit frühester Jugend Musik und stand bereits auf Festivals, großen Bühnen, in Clubs und Nachtbars – meist als Bassist in unterschiedlichsten Bands. Touren führten ihn nach Frankreich, Österreich, in die Schweiz, nach Polen, Tschechien und bis nach China. Für eigene Projekte blieb lange wenig Raum, oft passten die Songs nicht in die Konzepte der jeweiligen Bands.

Über die Jahre entstanden so Lieder, die mit ungekünstelter Direktheit das Publikum erreichen. Musikalisch reicht der Bogen vom Blues bis zum Reggae, von der Ballade bis zur rockigen Liednummer. Die deutschen Texte sind klar, direkt und kommen ohne Befindlichkeitslyrik aus. Nachdenkliche Themen werden gern mit feinem, verstecktem Humor erzählt. Es sind Alltagsgeschichten und Episoden, in denen sich viele wiedererkennen.

Und das ist noch zu wenig gesagt. Denn diese Texte erzählen von Menschen, die ohnehin schon ganz unten sind, gebeutelt von Jobs, die sie einfach nur fertig machen. Völlig überfordert mit Partnerschaften, in denen sie einmal die Erfüllung aller Wünsche erhofften. Typen, wie sie durch Leipzig genauso niedergeschlagen schleichen wie durch Baltimore, den Blick erfüllt von der Hoffnungslosigkeit derer, die es noch weiter nach unten verschlagen hat. Städte ohne Zukunft?

Wenn sie geht …

Manchmal passt das zur eigenen Stimmung, zum eigenen Empfinden, dass man im Leben doch immer wieder auf die Schnauze fällt. Und die größte Katastrophe, die das eigene Traumgebäude vom Leben zusammenstürzen lässt, ist, wenn sie geht. Die Frau, ohne die alles nichts ist, die einem den Halt gegeben hat, den man draußen und in sich selbst nicht gefunden hat. Und viele Männer kennen dieses Gefühl: „Ohne dich komme ich nicht zurecht.“ Auch wenn sie es meist erst zugeben, wenn sie ihre Sachen packt und gehen will.

Und da greift der Text dann ins Dunkle, wenn der, der sich so verletzlich zeigt, auf einmal andeutet, dass er die Situation nicht friedlich lösen wird, sondern bereit ist, völlig auszurasten.

Man kommt mit diesen Liedern immer wieder in die Realität, die in den Hochglanzmagazinen nie erwähnt wird, nicht mal gestreift. Die Realität, in der viele von uns tatsächlich leben. Überfordert von einer Welt da draußen, die einen zum Hamster im Laufrad macht. Eine Welt, in der wir alle nur fremd und gestresst sind, froh, wenn wir immer wieder zu der einen zurückkehren können, mit der wir unser Leben irgendwie zusammenhalten. Das Symbol dafür: der weiße Flieder vor dem Haus, der jedes Frühjahr wieder blüht und Hoffnung gibt, dass wir es zusammen schaffen.

Das Chaos in uns

Es geht ja den Frauen wie den Männern. Nur dass Männer meist nicht darüber reden, weil sie dazu erzogen wurden, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Was spätestens dann schiefgeht, wenn die Frauen um uns beginnen, nachzufragen. Weil sie an dem Kerl in uns vielleicht doch interessiert sind.

Und was dann? Was, wenn das dann doch nur in Flucht endet – in einem „Bierblues“ in der Kneipe, wo dann Glas um Glas dabei hilft, dass wir mit dem Chaos in uns langsam wieder ins Reine kommen? Auch wenn wir es nur ersäufen. Wir Männer.

Wobei es auch Songs auf dieser CD gibt, in denen der Sänger anderen deutlich sagt: Mit mir nicht. So wie in „Scharlatane“. Ein bluesiges Lied gegen das Mitläufertum, die Lemming-Mentalität, von der die Verführer immer profitieren.

Und auch dieses Lied passt. Weil letztlich alle Lieder von etwas erzählen, was auch in Rocksongs meist selten berührt wird: die Frage nach dem, was Männer eigentlich ausmacht, was sie wollen, fühlen und hoffen. Und zwar nicht mit romantischem Liebesquark. Bei Ingo Paul geht es ans Eingemachte. Nicht nur bei dem bloß äußerlich souverän wirkenden Bauern mit seinen 20 Schweinen, der einfach nicht fassen kann, dass keine Frau zu ihm auf seinen Bauernhof ziehen will.

Ach ja, die Frauen.

Knochenjob und Frieden

Im Grunde ist das Album, das Ingo Paul hier mit seinen Mitstreitern eingespielt hat, eine bluesige Wortmeldung zur Zeit. Einer Zeit, in der wieder einmal durchgeknallte Alphamännchen der Welt zeigen wollen, was ein echter, bekloppter Mann ist. Während das, was wirklich den Kitt einer lebendigen Gesellschaft ausmacht, lächerlich gemacht wird, verhöhnt. Während tatsächlich nicht nur die Frauen unter diesem grölenden und gefühllosen Machotum leiden. Sondern auch die Männer. Selbst dann, wenn sie es vor sich selbst nie zugeben würden, weil es nicht ins männliche Anforderungsprofil passt.

Vielleicht ist es sogar eine Scheibe, die sich einer auf die Kopfhörer legen sollte, abends, wenn die Arbeit in den Knochen steckt, man nur noch seinen Frieden finden will und trotzdem einen Mutmacher braucht, der einen daran erinnert, dass Schweigen und Schneckenhaus vielleicht doch nicht die richtigen Lösungen sind, wenn man seinen Lebenstraum mit einem anderen Menschen verwirklichen möchte.

Der Bassist und Arrangeur Christian Schierwagen war von diesen Liedern jedenfalls sofort angetan und entwickelte gemeinsam mit Ingo Paul die Arrangements für das Album. Die Musiker Per Winker, Heiko „Flecke“ Flechsig und Ali Krause verleihen den Songs auf der Bühne wie im Studio besondere Energie und Charakter. Entstanden ist ein Album mit Liedern über das Suchen und Finden, über Freiheit und Verlust, über Abschied, Glück, Loslassen, Scheitern – über das Leben.

Das Record Release Konzert gab es schon im Februar. Offizieller Veröffentlichungstermin ist der 24. April. Aber ab Oktober hat Ingo Paul wieder Konzerttermine in Leipzig und Umgebung, so auch am 19. November in Horns Erben.

Ingo Paul „Ingo Paul & das Geheimnis“, VÖ: 24.04.2026, DMG Germany (Label Code 00642), Vertrieb physisch: Broken Silence (VÖ: 24.04.2026), Vertrieb digital: The Orchard (VÖ: 06.02.2026), erhältlich als CD & digital.

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