Er war einer der bekanntesten und erfolgreichsten Leipziger Verleger: Bernhard Tauchnitz (1816–1895). Er ist nicht vergessen. Seine Villa wird immer wieder zum Ort spannender Lesungen. 2017 veröffentlichte der Sax-Verlag die profunde Verlagsbiografie „Baron der englischen Bücher“ von Melanie Mienert, Thomas Keiderling, Stefan Welz und Dietmar Böhnke. Und nun gab es auch noch ein riesiges Geschenk für die Leipziger Universitätsbibliothek.
Am 10. Juni konnte die Bibliotheca Albertina eine außergewöhnliche Schenkung präsentieren: Der britische Bibliophile Alastair Jollans übergab an diesem Tag seine Sammlung des Bernhard Tauchnitz Verlags, darunter rund 5.000 Bände der legendären „Collection of British and American Authors“, an die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL). Damit kehrte ein bedeutender Teil des verlegerischen Erbes der Buchstadt Leipzig an seinen Ursprungsort zurück und wird, wie die Universitätsbibliothek gleichzeitig ankündigte, jetzt für die Forschung aufbereitet.
Die berühmte Tauchnitz-Edition
Die Sammlung von Alastair Jollans zählt zu den umfangreichsten privaten Beständen der berühmten Tauchnitz Edition und ist mit ihrem Fokus auf Erstausgaben weltweit einzigartig. Seit 1841 machte der Leipziger Verleger Bernhard Tauchnitz zeitgenössische englischsprachige Literatur für ein europäisches und weltweites Publikum preiswert und im handlichen Format zugänglich. Mit seiner „Collection of British and American Authors“ schuf er die erste moderne Taschenbuchreihe der Welt.
Durch seine fortschrittliche Einstellung gegenüber dem Urheberrecht und großzügige Honorare konnte er unzählige britische und später amerikanische Autor/-innen für autorisierte Ausgaben ihrer Werke in seinem Verlag gewinnen.
Bis zur Zerstörung des Leipziger Verlagsgebäudes im Zweiten Weltkrieg erschienen in der Reihe insgesamt 5.370 Bände von über 700 Autor/-innen mit rund 40 Millionen Exemplaren. Die Bücher waren weltbekannt und dienten Generationen von Leser/-innen in Kontinentaleuropa und darüber hinaus als literarische Unterhaltung und zugleich als Sprachlernmittel. Viele erhaltene Exemplare tragen bis heute handschriftliche Übersetzungen und Anmerkungen ihrer Besitzer/-innen.
Die Schenkung
Die Schenkung geht auf das Engagement und die Initiative der schon oben erwähnten vier Leipziger Wissenschaftler/-innen zurück: die wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut für Anglistik der Universität Leipzig, Dietmar Böhnke und Stefan Welz, sowie die Buchwissenschaftler/-innen Thomas Keiderling und Melanie Mienert. Seit 2013 beschäftigt sich die Gruppe intensiv mit der Geschichte des Tauchnitz-Verlags, was dann 2017 Niederschlag in ihrem Buch „Baron der englischen Bücher“ fand.
Einen wichtigen Impuls setzte die 2021 von ihnen organisierte internationale Konferenz zur Tauchnitz Edition und anderen Taschenbuchreihen in der Bibliotheca Albertina. Wissenschaftler/-innen aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Finnland, Italien und der Türkei diskutierten dort die Bedeutung des Leipziger Verlags für die internationale Literatur- und Mediengeschichte.
Dr. Anne Lipp, Direktorin der UBL, zeigte sich richtig glücklich über die Schenkung: „Die Schenkung ist ein großer Glücksfall, nicht nur für die Universität, sondern für den Buchstandort Leipzig. Unser Dank gilt Alastair Jollans für seine Großzügigkeit und den Kolleg*innen am Institut für Anglistik. Derzeit erschließen wir die Sammlung, damit diese künftig für Forschung, Lehre und Öffentlichkeit zugänglich sein wird.“
Der Sammler und Schenker Alastair Jollans
Der britische Sammler Alastair Jollans begann Anfang der 1990er Jahre mit dem Aufbau seiner Tauchnitz-Sammlung. Über mehr als drei Jahrzehnte trug er überwiegend seltene Erstausgaben zusammen, insbesondere broschierte Originalausgaben, die heute ansonsten kaum noch erhalten sind. Mit dem Wachstum der Sammlung vertiefte sich auch sein Interesse an der Geschichte des Verlags und an den internationalen Netzwerken der Tauchnitz Edition.
Seine Schenkung umfasst nicht nur die Bände der Tauchnitz Edition, sondern auch weitere Reihen des Verlags, Werbemittel wie Lesezeichen, Kataloge und Magazine sowie einige Originalbriefe. Dazu zählt ein Schreiben von Charles Dickens an den Verleger. Daneben enthält die Sammlung Titel aus dem Albatros Verlag, dessen Entwicklungslinien eng mit Tauchnitz verbunden sind.
Dass die Sammlung nun nach Leipzig gelangte, versteht Jollans als symbolische Heimkehr: Die Bücher kehren an den Ort zurück, an dem sie einst gedruckt wurden und von dem aus sie ihren Weg in die Welt antraten.
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