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„Zum Ende des Jahres 2023 lebten in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Häufigste Demenzursache ist die Alzheimer-Krankheit. Im Jahr 2023 sind etwa 400.000 Menschen im Alter 65+ neu an einer Demenz erkrankt. Etwa zwei Drittel davon werden in der häuslichen Umgebung von Angehörigen betreut und gepflegt. Infolge des demografischen Wandels nimmt die Anzahl der Betroffenen weiter zu. Gelingt kein Durchbruch in Prävention oder Therapie, könnten nach aktuellen Schätzungen in Deutschland im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen Menschen im Alter 65+ erkrankt sein.“
So steht es auf der Webseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz (DAlzG) zu lesen. Das sind erschreckende Zahlen, besonders wenn man an die Überalterung unserer Gesellschaft denkt. Die DalzG spricht von Prävention und Therapie, es gibt aber auch den wichtigen Teil der Diagnostik. In Leipzig ist das Unternehmen Roboscreen GmbH ansässig, welches schon länger auf diesem Gebiet forscht.
Bereits im April 2024 haben wir mit dem Geschäftsführer Dr. Ingolf Lachmann über das Unternehmen, die Firmengeschichte, die Alzheimer-Erkrankung und ELISA „enzyme-linked immunosorbent assay“ als Ansatz für eine Früherkennung gesprochen. Nach über zwei Jahren war es an der Zeit einmal nachzufassen. Herr Lachmann war gern zu einem Gespräch bereit und wir trafen uns am 10. Juli.
Das Gespräch
Herr Lachmann, seit unserem Gespräch sind über zwei Jahre vergangen, was hat sich auf dem Gebiet der Alzheimer Behandlung und Diagnostik getan?
International hat sich sehr viel getan, vor zwei Jahren haben wir darüber gesprochen, dass das erste Medikament in Aussicht war. Mittlerweile gibt es zwei zugelassene Therapeutika, das sind Antikörper die Ablagerung verringern sollen. Diese Medikamente haben natürlich die Suche nach Testmöglichkeiten beschleunigt. Es haben sich jetzt alle großen Industrieunternehmen, die in dem Bereich Life Science und Diagnostik arbeiten, in diese Richtung bewegt. Es ist ein ungeheurer konkurrierender Markt entstanden.
Wir haben, als kleine Firma, mitgemacht und haben es geschafft, drei Testsysteme zu etablieren. Allein sind wir da nicht wettbewerbsfähig, weil uns die Instrumente fehlen. Wir entwickeln ja die Chemie, da arbeiten wir mit Tecan und IBL, dem Standort in Hamburg. Das ist ein Diagnostikunternehmen, das schon seit 50 Jahren existiert und mit dem wir schon länger zusammenarbeiten.
Wie gesagt, der Markt ist gigantisch geworden und die Teilnehmer daran sind nicht mehr an einer Hand abzuzählen, wie es damals war. Inzwischen sind auch die ganz großen Namen, wie Roche, Fujirebio und auch neue US-Unternehmen dabei. Dadurch wurde die pharmazeutische Entwicklung stark vorangetrieben. Es sind sehr interessante Entwicklungen dabei bis dahin, dass man mittlerweile anfängt Impfungen zu entwickeln, mit denen Patienten schon im Vorfeld geimpft werden könnten. Diese sollen die Bildung der Ablagerungen vermeiden.
Wir haben uns damals darüber unterhalten, dass diese Ablagerungen schon länger, bevor Symptome erkennbar sind, entstehen. Bis dato kann man sie nur mit bildgebenden Verfahren oder Rückenmarkflüssigkeits-Diagnostik, die aber von der Logik her nicht flächendeckend angewendet werden können, feststellen. Sie wollen das auf Basis eines Bluttests erkennen. Wann beginnt die Entstehung dieser Ablagerungen, kann man da überhaupt ein Alter nennen?
Wenn man das über die Gesamtpopulation sieht, dann ist ü50 schon das richtige Alter. Das kann 45 sein oder so, aber man weiß es noch nicht so genau. Seit wir das letzte Mal gesprochen haben, ist man da hingelangt, dass man die Veränderung im Blut mittlerweile schon mindestens zehn Jahre vor einem Zeichen, aufgrund dessen ein Patient zum Arzt geht, feststellen kann. Ob es in Richtung Alzheimer geht, ist da aber noch nicht eindeutig. Man kann aber im Blut messen, dass es eine Veränderung gibt.
Die Community von Forschern, Ärzten und so weiter, hat mittlerweile Programme entwickelt, wie man ein Testsystem etablieren kann. Mit verschiedenen Stufen, wie blutbasierte Analytik, Bestätigungstestung und Weiterverfolgung. Man spricht von Risikogruppen, bei denen die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sich eine Alzheimer-Demenz entwickeln könnte, weil sie zum Beispiel familiär eine Häufung haben. Wenn bei denen solche Marker gemessen werden können, kann dann über eine Behandlung entschieden werden.
Die Medikamente sind inzwischen auch in der EU zugelassen, aber sie haben Nebenwirkungen, sodass klare Auflagen bestehen. Die vorhandenen Diagnostika, also die Bildgebung und die Rückenmarkflüssigkeits-Diagnostik, kommen da zum Einsatz. Diese sind sehr sicher und werden verwendet, um das Ergebnis der Blutanalyse zu bestätigen.
Ist zu erwarten, dass es eines Tages möglich ist, im Rahmen eines Gesundheitschecks beim Hausarzt diesen Marker im Blut zu testen?
Das wäre das Ziel, wobei im Moment der Hausarzt noch kein Thema ist. Es handelt sich immer noch um Spezialuntersuchungen und die Vorstellung der Patienten bei Spezialisten. Aber wir arbeiten daran, dass diese Frühdiagnostik wirklich eine hohe Sicherheit bringt. Dazu gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Im Moment konzentriert sich das im Wesentlichen auf zwei Marker. Misst man nur einen Marker, dann ist die Diagnose mit einer großen Unsicherheit behaftet. Deswegen wird da noch sehr viel dran gearbeitet, aber das Bild ist so richtig.
Bevor die Diagnose Alzheimer gestellt wird, gibt es die mild kognitiv impairment Phase, das sind einsetzende Wahrnehmungsstörungen. Die Phase kann sehr lang sein und vor dieser Phase gibt es noch die sogenannte subjektive Wahrnehmungsstörung, wenn der Patient der Meinung ist, er hat irgendwas und ein Arzt, der unter anderem über Fragebögen das Ganze ermittelt oder auch bildgebende Verfahren einsetzt, noch keine Diagnose stellen kann.
Meinen Sie damit, dass ich selbst feststelle: Ich habe Wortfindungsstörungen und vergesse Dinge?
Dort will man hin, dass man mit Markern schon früh eine Veränderung feststellen kann. Das Ganze soll am Ende zu einer Therapie führen, die dann möglichst früh eingesetzt werden kann, damit die krankhaften Veränderungen verhindert werden, bevor sie sich ausbreiten.
Also ähnlich wie bei der Krebsvorsorge, so verstehe ich es. Sie sagten vorhin, Sie machen nur die Chemie, alles andere machen Sie mit Partnern. Das bedeutet, Sie entwickeln die Formeln, um es einfach auszudrücken, die Partner machen von den Trägerfolien bis hin zur Maschine die das analysiert, den Rest.
Wir entwickeln schon sehr lange monoklonale Antikörper gegen Biomarker im Neurobereich, speziell für Alzheimer. Wir sind eine kleine Firma und eine kleine Firma hat natürlich immer nur einen eingeschränkten Bekanntheitsgrad, aber mittlerweile haben wir uns im Laufe der Zeit einen Namen gemacht. Und wir sind jetzt nicht nur ein Testentwickler, wir sind mittlerweile auch ein Lieferant für große Firmen. Diese haben gesehen, dass wir gute Antikörper entwickeln, die sie in ihre Testsysteme einbauen können.
Letztendlich geht es immer um Geld. Kann man das so ausdrücken: Die Diagnostik und eventuell Frühbehandlung ist wahrscheinlich billiger als Pflegeheime voll mit pflegebedürftigen Alzheimer-Patienten?
In Europa ist es schon ein Fakt, wir hatten vor fünf Jahren 50.000 bis 70.000 Euro Pflegekosten pro Patient und Jahr. Mit einer Behandlung können wir die schon deutlich unter die Hälfte der Kosten senken. Wie gesagt, das sind die jährlichen Pflegekosten. Mit einer Behandlung kann ich natürlich über längere Zeit das einsparen.
Wie sieht es eigentlich mit der Behandlung von Alzheimer aus?
Im Moment kann man schwer einschätzen, wie erfolgreich die Behandlung auf längere Zeit ist. Die meisten Behandlungsstudien laufen noch. Das gibt es die Auflagen von den Zulassungsbehörden, also auch von der FDA. Es müssen noch weitere Studien vorgelegt werden und die Wirksamkeit der Behandlungen im Feld muss nachgewiesen werden. Das sind Studien, die als die Behandlung auf dem Markt kam, gestartet wurden und immer weitergeführt werden. Man geht damit sehr vorsichtig in den Kliniken um. Also, die Auswahl von Patienten ist wichtig, das ganze Beraten, Einverständnis und was noch dazu gehört ebenso. Da unterscheiden sich sicher auch die Länder, in den USA hat sehr viel Bewegung eingesetzt am Anfang. Die haben auch ein ganz anderes Gesundheitssystem, welches viel stärker privat orientiert ist. Dort hat sich vor allen Dingen dieser private Markt sehr stark entwickelt. Ich sage es mal so, man kann sich dort testen lassen und die Behandlung bezahlen, dann bekommt man sie auch.
Wenn ich mir das überlege, dann heißt das: Ich gebe monatlich viel Geld für ein Medikament aus und nehme eigentlich am Menschenversuch teil. Aber zurück zu Roboscreen, ist Ihr Test zur Diagnose von Alzheimer schon auf dem Markt?
Wir haben noch kein Diagnostikum im Markt, weil da sind noch andere Hürden zu nehmen. Zwei große Unternehmen, Roche und Fujirebio, haben ihre Zertifizierung als Erste gemacht und sind mit ihren Produkten unterwegs. Wir haben das noch nicht, weil der Aufwand sehr groß und ausgesprochen teuer ist. Das müssen wir erst für uns organisieren. Im Jahr 2022 wurde die europäische Verordnung über Invitro-Diagnostika eingeführt und wir sind seit 2026 nach dieser Verordnung als Firma zertifiziert. Das war schon ein Meilenstein für uns. Wir haben auch die Zulassung für das erste Hochrisikoprodukt für die Viren-Diagnostik, ein Klasse-D-Produkt, dieses Jahr nach der neuen Verordnung (IVDR) erhalten. Da sind wir sehr happy, aber es ist ein sehr anstrengender und auch ein sehr kostenintensiver Weg.
Der bürokratische Aufwand, also Regularien und so weiter, und der Kostenaufwand die haben sich vervielfacht. Das betrifft auch größere Firmen und einige Firmen haben sich aus dem Grund von bestimmten Sachen verabschiedet. Auch große Firmen, weil ihnen der Aufwand und der zu erwartende Ertrag nicht im Verhältnis stehen. Für eine kleine Firma wie uns ist das natürlich ein Punkt, den man genau einschätzen muss. Können wir uns das jetzt leisten, können wir es jetzt machen? Für die Alzheimer-Frühdiagnostik müssen wir noch viel vorbereiten und organisieren, bevor die klinischen Studien starten.
Wir müssen also auf diesen Test noch warten, dauert es noch mehrere Jahre?
Man kann sagen: mehrere Jahre. Ich denke, es werden auf jeden Fall noch drei Jahre.
Herr Lachmann, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrem Team viel Erfolg.
Herr Lachmann zeigte uns im Anschluss noch den Tecan-Analyse-Vollautomaten, der den kompletten Workflow, von der Blutplasma bzw. Serum-Probe bis zum Ergebnis, ob der Biomarker für Alzheimer erhöht ist, bearbeitet. Dieser ist im Titelbild zu sehen.
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