Wildparkverein Leipzig: Natur ist kein Videospiel

Einmal im Wildpark spazieren gehen, einmal ein Tier sehen: Nicht wenige Kinder finden das im Zeitalter von Videospielen und Internet doof und langweilig und nicht wenige denken so, obwohl sie es noch nie gemacht haben. Der Wildparkverein versucht das seit neun Jahren zu ändern und den Wildpark näher an die Bevölkerung zu bringen.
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Ortstermin im Leipziger Wildpark. Ralf Herrmann ist schon da. Schon seit dem Morgen. Zwar war er nicht die gesamte Zeit im Wildpark, sondern auch ein paar Stunden im Büro am Wiedebachplatz, aber er verbringt täglich viel Zeit dort. Erst recht, wenn Kinder oder Jugendliche die Natur in Augenschein nehmen, denn dann ist er meist dabei, als ihr Wildparkführer.

Der 47-jährige Herrmann ist Mitarbeiter des Wildparkvereins Leipzig und gleichzeitig der einzige Angestellte. Der Rest der Mitglieder widmet sich ehrenamtlich dem Wildpark, konkret der Öffentlichkeitsarbeit und der Umweltbildung.Erste Station unseres Spaziergangs: das neue Wisentgehege. Über Sponsoren, einen Eigenteil des Vereins und Eigenleistungen der Stadt Leipzig war es bereits 2009 gelungen, ein zweites Wisentgehege in der Größe von sechs Fußballfeldern zu errichten. Mit 4 Hektar ist dieses Gehege aber nur das zweitgrößte im Wildpark, erklärt mir Herrmann. Insgesamt ist der Wildpark mit 44 Hektar sogar – wer hätte das gedacht – größer als der Zoo mit seinen 28 Hektar. „Im Zoo steht man meist auf der Querseite des Geheges, bei uns immer auf der Längsseite, dadurch wirken unsere Gehege immer kleiner als im Zoo.“ Und noch einen gravierenden Unterschied zum Zoo gibt es, wie Herrmann erklärt. „In einem Wildpark leben nur einheimische Tiere, die auch das ganze Jahr über draußen leben. Die Pflanzenfresser suchen sich zudem einen Teil ihrer Nahrung selbst.“Vor neun Jahren, 2002, hat sich der Wildparkverein Leipzig gegründet. Herrmann, Diplom-Forstingenieur, war zuvor als Waldarbeiter für die Stadt tätig und ist seit 2003 dabei, leitet das Kerngeschäft des Vereins, zu dem zuallererst Angebote für Kinder, Jugendliche und Senioren gehören. Die Angebote für Schulkinder richtet Herrmann stets nach dem aktuellen Lehrplan aus, erst dann kommen auch die Klassen.

Für die nächste Woche haben sich eine Reihe 3. Klassen angemeldet, die etwas über Reh, Fuchs und Wildschwein erfahren wollen. Sachkunde. Was Herrmann dann erlebt, ist nicht nur höchst unterschiedlich, sondern zum Teil auch höchst alarmierend. „Manche kennen den Wildpark gar nicht. Andere reagieren nach dem Motto ?Natur geh weg!'“. Interessierte Kinder, so Herrmann, machen einen geringen Prozentsatz aus, und er weiß auch warum. „Das ist hier eben kein Videospiel. Die Tiere machen nicht das, was die Kinder wollen, und da verlieren viele das Interesse.“ Trotzdem gibt es auch immer wieder Anfragen, ob Herrmann nicht anlässlich eines Kindergeburtstags eine Führung oder eine Waldrallye machen kann. Danach können die Kinder im Vereinshaus, einem alten Holzhaus, feiern.

Wir erreichen das große Gehege für Damwild, Rotwild und Muffelwild und das Gespräch schweift in die Geschichte ab, von der Herrmann auch einiges wissen muss. 1904 gegründet, befindet sich der Wildpark seit 1906 an bekanntem Ort, allerdings war er in seiner Geschichte nicht durchgängig geöffnet. „Als 1943 die Bahnlinie Connewitz-Plagwitz bombardiert wurde, wurde auch der Wildpark in Mitleidenschaft gezogen. Wenig später hat man die Gehege geöffnet, damit das Wild nicht von allzu Hungrigen geschlachtet wird.“ Erst 1979 öffnete der Wildpark wieder und ist für die Leipziger seitdem ein wichtiges Mekka der Naherholung. „Gerade an sonnigen Wochenenden kann man hier kaum treten“, berichtet Herrmann. Und auch wenn die Besucher keine Führung machen, sie helfen dem Wildpark meist trotzdem, denn die Gebühren für das kostenpflichtige Parken an der Koburger Straße kommen dem Wildpark zugute.

Mit der Unterhaltung des Geländes und der Tierpflege an sich hat der Verein überhaupt nichts zu tun. Das übernehmen drei Tierpfleger und das Stadtforstamt. Der ausgebildete Förster Herrmann kann sich so ganz auf seine Führungen konzentrieren, die immer wieder auch von Senioren angefragt werden, die mehr über die 30 Tierarten im Park erfahren wollen. Mehrmals im Jahr lädt Herrmann zudem zu Sonderveranstaltungen ein.

Am Spielplatz des Wildparks trennen sich unsere Wege. Herrmann zeigt noch schnell die alte Kletterburg, die 1979 erbaut und vor ein paar Jahren nur unzureichend saniert wurde. Die Stadt Leipzig will sie gern erneuern lassen, doch das wird teuer. „Vielleicht findet sich ja noch ein Sponsor“, hofft Herrmann. Dann könnte es so klappen, wie bei den Wisenten …


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