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Interview mit Landesbischof Carsten Rentzing: „Die Kirche Jesu Christi an der Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen“

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    Ob sich die evangelische Landeskirche in Richtung Menschenfeindlichkeit und reaktionärem Geist neigt, ist seit der Sachsenwahl am 1. September 2019 kein kleines Thema mehr. 27,5 Prozent der Sachsen haben die AfD gewählt, was für viele sächsische Christen ein Zeichen eines neuen, extremen Rechtstrends im Freistaat ist. Und dies in Zeiten, wo gleichzeitig gerade die evangelische Kirche von rechtsaußen als „linksgrün“ verschrien wird. Weil auch die Kirchen Flüchtlingen helfen. Doch das oberste Amt der Evangelischen Landeskirche Sachsens bekleidet mit Carsten Rentzing ein Mann, der bis heute Mitglied einer nationalistischen Burschenschaft ist. Und 2013 einen Vortrag bei der neurechten „Bibliothek des Konservatismus“ hielt.

    Sehr geehrter Herr Rentzing, im Zuge Ihres Eintrittes mit 25 Jahren in die „Hercynia“ wird medial berichtet, sie hätten gesamt vier schlagende Partien ausgetragen und seien an einem Fackelzug beteiligt gewesen. Entspricht dies den Tatsachen und wie schätzen Sie rückblickend als Christ diese einerseits wenig friedlichen Handlungen und andererseits durchaus martialischen Aufmärsche heute ein?

    Auf diese Fragen habe ich bereits reagiert und bestätigt, dass dies der Fall ist. Aber ich habe gleichzeitig deutlich gemacht, dass ich vor über 25 Jahren die Entscheidung getroffen habe, diese Dinge aus meiner Jugend hinter mir zu lassen und den Weg ins Pfarramt anzutreten.

    Insbesondere als Pfarrer war dies für mich nicht mehr vorstellbar. Ein Pfarrer, eine Pfarrerin trägt eben auch mit seiner oder ihrer Lebensführung eine Verantwortung.

    Wieso haben Sie die Verbindung in den Jahren danach nie verlassen, sind also als „alter Herr“ auch nach Ihrer Ernennung 2015 zum Landesbischof der Landeskirche Sachsen in dieser verblieben?

    In der damaligen Zeit sind Freundschaften entstanden, die mir bis heute wichtig geblieben sind. Ich bin daher nie formal ausgetreten.

    Haben Sie in den vergangenen 10 Jahren bis zu Ihrer Erklärung der Vorgänge Mitte September 2019 an Treffen oder/und weiteren Aktivitäten der „Hercynia“ oder des Coburger Convent teilgenommen?

    Nein. Seit über 25 Jahren ruhen alle meine Aktivitäten, aber Kontakt zu den alten Freunden habe ich natürlich.

    Für gewöhnlich haben sogenannte „alte Herren“ oder umgangssprachlich ältere Mitglieder pflichtschlagender Verbindungen durch den geschlossenen Lebensbund mit der Vereinigung die Funktion und Rolle als Förderer jüngerer Mitglieder. Haben Sie in den vergangenen 10 Jahren jüngere Mitglieder der „Hercynia“ finanziell oder ideell gefördert oder ruhen alle Ihre Betätigungen dahingehend?

    Da ich formell Mitglied geblieben bin, zahle ich die geforderten Beiträge.

    Sind Sie bis zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens Ihrer Mitgliedschaft in der „Herzynia“ auch Mitglied des Verbandes Alter Herren des Coburger Convents (AHCC) oder der Vereinigung Alter Herren des Coburger Conventes (VACC) gewesen oder haben an Treffen in den vergangenen 10 Jahren teilgenommen?

    Mit meiner formal weiterbestehenden Mitgliedschaft in der Hercynia verbindet sich, dass ich dort als Alter Herr geführt werde. An Veranstaltungen oder Treffen habe ich auch hier in den letzten 25 Jahren nicht teilgenommen.

    Ist es richtig, dass Sie am 11. Dezember 2013 in den Räumen der „Bibliothek des Konservatismus“ (BdK) als Vizepräsident der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Mitglied der Synode der EKD den Vortrag „Kirche in der Krise – Wohin treibt die EKD?“ gehalten haben? Was hat Sie dazu bewegt?

    Es ist richtig, dass ich 2013 in Berlin einen Vortrag zu diesem Thema gehalten. Ich wurde damals als Theologe dazu eingeladen.

    Worauf gründete sich die Einladung seitens der Stiftung, respektive der Bibliothek selbst?

    Ich war damals Synodaler der EKD/VELKD-Synode und Vizepräsident der VELKD-Synode. Gleichzeitig hatte ich bereits den Ruf ein konservativer Theologe zu sein, weil ich mich für die Bewahrung der lutherischen Tradition auf der Ebene von EKD und VELKD stark eingesetzt habe.

    Als solcher wurde ich vermutlich eingeladen, um über die Entwicklungen innerhalb der EKD und VELKD zu referieren.

    Waren Ihnen zu diesem Zeitpunkt der Gründer sowie der aktuelle Vorsitzende der die Bibliothek tragenden Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) bekannt?

    Der war und ist mir nicht bekannt.

    Wie bewerten Sie heute die Übereinstimmung des Gründers der FKBF, Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing mit dem Autor Ignaz Seestaler in der rechtsextremen „National-Zeitung“?

    Das war und ist mir ebenfalls nicht bekannt. Aber ganz grundsätzlich muss ich sagen: Mein ganzes Leben lang ist mir nationalistisches, antidemokratisches und extremistisches Denken immer fremd geblieben.

    Wie schätzen Sie das Wirken von Dieter Stein und vor allem seiner Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ heute ein?

    Ich kenne diese Zeitung eigentlich nicht und kann sie daher auch nicht einschätzen. Auch die Person Dieter Stein ist mir nicht bekannt. Aber auch hier gilt das eben Gesagte: Ich lehne jede Form von Extremismus, Nationalismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit entschieden ab.

    Wie würden Sie aus heutiger Sicht, nun, da nach Ihnen bei der „Bibliothek des Konservatismus“ Bernd Lucke, Erika Steinbach, Georg Pazderski (aktuell Vorstand der AfD), Oliver Janich, Thilo Sarrazin Vorträge gehalten haben sowie eine weitere Vortragende über ihren Kampf gegen die Homoehe in Frankreich berichtete, die Ausrichtung der BdK einordnen?

    Es ist ja offensichtlich, dass sie zum rechten Spektrum in Deutschland gehört, auch wenn dies eben keineswegs für alle dort Vortragenden in dieser Weise gilt. Mir war dies damals jedenfalls nicht so deutlich bewusst wie es sich heute darstellt. Und ich habe es immer vermieden, mich politisch in einem Lager zu verorten und sehe mich daher auch nicht in einer solchen Reihe.

    Die Kirche hat den Auftrag – vielleicht heute wieder mehr denn je – für die Wahrung von Menschlichkeit, Menschenwürde, für Respekt und Gewaltfreiheit einzutreten und sich schützend vor die Schwachen und Ausgegrenzten zu stellen.

    Würden Sie in Ihrer heutigen Funktion nochmals ein Vortragsvorhaben bei der BdK ins Auge fassen?

    Nein. Als Landesbischof habe ich Verantwortung übernommen für ein Amt der Einheit. Das Gemeinsame in unserem Glauben trotz aller Unterschiedlichkeit in unserer Kirche zu stärken, das sehe ich als meine Aufgabe an. Hinzu kommt die Öffentlichkeit, die das Amt mit sich bringt.

    Beides führt dazu, dass ich die Zusammenhänge und Auswirkungen meines Tuns sehr viel stärker beachten muss. Auch wenn ich grundsätzlich für einen freien Diskurs eintrete.

    Wie passt Ihr (späterer) Vortrag bei der inhaltlich mindestens ähnlich ausgerichteten BdK zu Ihrer Aussage, bei der Burschenschaftsmitgliedschaft handele es sich um „Dinge …, die später an Bedeutung verlieren“?

    In meinem Vortrag damals ging es um theologische und kirchenpolitische Fragestellungen, um nichts anderes. Und diese – das können Sie sich sicherlich vorstellen – beschäftigen mich nach wie vor. Als Landesbischof verbringe ich viel Zeit mit Diskussionen über die Entwicklungen innerhalb von EKD und VELKD.

    Zur Petition vom 27.09.2019 unter dem Titel „Nächstenliebe verlangt Klarheit“: Diese benennt Ihre weiterhin fortbestehende Mitgliedschaft in der Burschenschaft „Herzynia“ und die mangelnde Abgrenzung gegenüber menschenfeindliche Positionen der AfD sowie Ihren bisherigen Ausführungen zu den Gründen Ihres Vortrages bei der „Bibliothek des Konservatismus“ als Gründe, weshalb Sie die Evangelisch-Lutherische Landeskirche nicht mehr vertreten könnten. Wie bewerten Sie diese Aussagen, welche immerhin von Pfarrern, also aus Ihrer Landeskirche selbst kommen?

    Zur Petition selbst äußere ich mich nicht. Ich nehme aber schmerzhaft zur Kenntnis, dass die Spaltung der Gesellschaft auch vor der Kirche nicht haltmacht. Von Beginn meiner Dienstzeit als Landesbischof an habe ich mich darum bemüht, die zuvor entstandenen Gräben in unserer Kirche zu schließen.

    Meine Gesprächsbereitschaft ging und geht dabei immer in alle Richtungen. Inhaltlich war und bin ich um einen Ausgleich der unterschiedlichen Positionen bemüht, der uns ja auch in einigen Fragen geglückt ist. Auch in der jetzigen Situation, in der ich mich persönlichen Angriffen ausgesetzt sehe, suche ich das Gespräch mit meinen Kritikern.

    Ich habe die Erstunterzeichner der Petition daher bereits zu einem Gespräch in die Bischofskanzlei eingeladen.

    Aufgrund des Hintergrundes dieser Fragen gestatten Sie uns bitte folgende Frage gegen Ende: Wie stehen Sie persönlich zur Notwendigkeit der Seenotrettungen der vergangenen Monate, die legale Homoehe in der BRD sowie die grundsätzliche Rolle Ihrer Landeskirche als Ganzes in Bezug auf menschenfeindliche Positionen im rechten bis rechtsextremen Gesellschaftsspektrum?

    Zur Seenotrettung: Wir alle leiden darunter, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken. Am besten wäre eine internationale Regelung, die den betroffenen Menschen dient. Das entspricht im Übrigen auch der Position der gesamten EKD.

    Zur Frage der Ehe für homosexuelle Paare: Schon zu meinem Dienstbeginn als Landesbischof habe ich darauf hingewiesen, dass ich meine Aufgabe nicht darin sehe, gesetzliche Bestimmungen infrage zu stellen. Wir leben gottlob in einer freien Gesellschaft, die sich im offenen Diskurs darauf verständigt, welchen Regeln sie folgen möchte. Im Falle der Ehe für homosexuelle Paare ist genau dies geschehen. Als Bürger dieses Landes habe ich das zu akzeptieren.

    Aber es bleibt dennoch ein Thema für Seelsorge und Theologie. Und hier bleiben für mich offene Fragen, die ich nicht aufzulösen vermag. Innerhalb der Landeskirche haben wir aber zwischen den unterschiedlichen Positionen in dieser Frage einen Ausgleich gefunden, mit dem alle ganz gut leben können.

    Wie stehen Sie zum Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“, respektive zum muslimischen Glauben selbst?

    In der gegenwärtigen Gesellschaft ist der Islam eine Realität. Ich selber bin mit Muslimen groß geworden und habe dabei Respekt vor ihrem Glauben entwickelt. Die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit ist für uns evangelische Christen ein hohes Gut, das wir für uns selbst in Anspruch nehmen, und zugleich auch allen anderen Religionen zubilligen. Dafür setze ich mich persönlich stark ein.

    Haben wir etwas vergessen zu fragen, was Ihnen wichtig und nicht unbeantwortet bleiben darf?

    Ja. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Zu unterschiedlichen Gelegenheiten habe ich immer wieder klargestellt, dass die Kirche Jesu Christi an der Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen, konkret damit auch an der Seite der Flüchtlinge, steht. Schwache und Schutzbedürftige gibt es überall und für die will ich meine Stimme erheben.

    Keller, Rentzing und das Christentum in Zeiten der AfD: In der Evangelischen Kirche Sachsens wächst der Widerstand

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