Privatbrauer aus einer Bierlaune heraus: Sieben Leipziger bieten ihr Industriebier für den Feierabend an

Bierbrauen zählt zu den ältesten Kulturtechniken. Diese Tradition in ihrer Ursprünglichkeit lassen sieben junge Leipziger wieder aufleben. Ihr "Industriebier" kommt als klassisches Helles daher und versteht sich als Feierabendbier. In dunkel gibt es nun auch das "Totengräber Schattenbier". Ein L-IZ-Interview mit Michael Kröger vom Industriebier-Team.
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Der Biermarkt in Deutschland schrumpft seit Jahren, selbst die Fußball-EM 2012 konnte den Trend nicht stoppen. Warum setzen Sie trotzdem auf das Produkt Bier?

Unsere Entscheidung, ein eigenes Bier zu kreieren und zu vermarkten, war keine rein rational geprägte Entscheidung. Uns geht es an der Stelle nicht um Gewinnmaximierung. Abgesehen davon schrumpft zwar der Markt insgesamt, allerdings geht der Trend zu den kleineren Brauereien.

Ich denke, der Biertrinker hat es der Branche schon übel genommen, das überall Produktionen zusammengelegt werden und vielfach nur noch die Marken erhalten bleiben.

Die Individualität geht dadurch verloren, und es gibt eben doch noch so Sachen wie Geschmack und Diversität. Wir merken, dass es glücklicherweise noch genug Leute gibt, für die der Preis nicht alles ist.

Wie fing es in Leipzig mit dem Industriebier an?

Wie das genau anfing, wissen wir eigentlich selber nicht mehr. Wir – das sind insgesamt sieben Leute – kennen uns schon seit einigen Jahren und haben uns irgendwann überlegt, dass ein eigenes Bier was Tolles wäre. Andere züchten Tauben, wir machen Getränke, gerne alkoholisch.

Der Ursprung des Namens ist ähnlich nebulös. Es war auf jeden Fall Bier mit im Spiel. Praktisch haben wir mit eigenen Brauversuchen angefangen, um klare Vorstellungen davon zu bekommen, was Bier überhaupt ist und wie man den Geschmack beeinflussen kann. Außerdem kann das auch viel Spaß machen.
Reicht Spaß allein für ein solches Projekt?

Da wir andere an unseren Bemühungen teilhaben lassen wollten, sind wir aber schnell dahinter gekommen, dass eine eigene Produktion so ohne weiteres von uns wohl nicht zu stemmen ist. Daher haben wir uns dann doch professionelle Hilfe geholt.

Nachdem wir die ersten Paletten im Grunde aus unseren Kellern heraus mit den privaten Autos geliefert und verkauft haben, wird das Unternehmen nun im zunehmenden Maße professioneller. Zumindest im Rahmen unserer Möglichkeiten. Eine große Hilfe war das eigene Lager, welches wir seit letztem Jahr haben. Im Gegensatz zu zentrumsnaher Wohnfläche ist sowas in Leipzig schon echt ein Problem.

Seit Neuestem nennen wir auch noch einen eigenen Lieferwagen unser eigen. Den konnten wir über das Mikrokreditprogramm der Stadt Leipzig finanzieren, und der macht das Leben doch ein gutes Stück leichter.

Wer sind die Macher hinter dem Industriebier?

Wir, das sind sieben Freunde. Wir kennen uns schon länger und machen auch sonst noch andere Sachen zusammen. Zum Beispiel Seifenkistenrennen fahren. Jeder von uns kann etwas ganz besonders gut. Das ist ganz praktisch, da muss dann nur jeder machen, was er gerne macht – mehr oder weniger.

Was ist das Besondere an Ihrem Bier?
Als allererstes: Wir trinken das alle selber gerne. Das war am Anfang das wichtigste. Wenn wir die erste Charge nicht losbekommen hätten, hätten wir das Bier auch selber getrunken. Es kam bekanntermaßen anders.

Was ist sonst noch dazu zu sagen? Das Bier ist ein klassisches Helles. Sowas gab’s auch früher original in Sachsen. Jetzt nicht mehr, deswegen mussten wir für die Produktion nach Franken ausweichen. Es wird in einer kleinen Privatbrauerei gebraut. Ein paar Zugeständnisse an die Haltbarkeit haben wir gemacht, aber ansonsten wird der Malz klassisch, kalt und lange vergoren.

Es war uns wichtig, dass Industriebier nur in 0,33-Liter-Flaschen abgefüllt wird. Das ist eine super Feierabendbiermenge, und auf der Party muss man keine schalen Reste trinken.

Mit unserer neuesten Kreation gehen wir ein paar Schritte weiter. Diesmal haben wir es geschafft, lokal eine Brauerei zu finden, die auf unsere Wünsche eingeht.

Welche Vorzüge sind damit verbunden?

Die Bierherstellung ist noch ursprünglicher. Es wird auf vieles verzichtet, was den Brauvorgang und damit den Geschmack verfälschen könnte. Dabei heraus gekommen ist ein dunkles Bier. Wir nennen das Schattenbier. Da wir es zum WGT (Wave Gothic Treffen – d. Red.) rausgebracht haben, ist es dann ein „Totengräber Schattenbier“ geworden.

Da es auch nach dem WGT noch Leute gibt, denen das schmeckt, verkaufen wir es auch noch. Wir sind natürlich schon wieder an der nächsten Biersorte und Marke dran …

Hersteller von Nahrungs- und Genussmitteln setzen zumeist auf die Werbebotschaft „Natürlichkeit“. Welche Geschichte steht stattdessen hinter Industriebier?

Natürlichkeit ist ein Begriff oder Klischee, mit dem man sich gerne einwickeln lässt. Jeder verbindet damit etwas Positives. Die Herstellung von Bier beziehungsweise Alkohol ist ein biologischer Prozess, der seit Jahrtausenden vom Menschen beherrscht wird. Entsprechend gut hat man ihn im Griff, entsprechend stark hat der Mensch versucht, ihn effizient zu gestalten. Daran ist erst mal nichts Verwerfliches.

Jetzt muss man sich nur fragen, ob biologisch – Hefe vergärt Zucker, Alkohol entsteht – auch natürlich ist. Ist es natürlicher, 500 Liter zu brauen oder 500.000 Hektoliter? Zumindest ist es individueller. Wir wollen uns da eigentlich nicht einmischen. Industriebier und das ganze Gefühl dahinter soll etwas anderes aussagen.

Und was genau?

Unser Bier ist ein Feierabendbier. Gerade wo privates und geschäftliches heute immer mehr verwischt und man gar nicht mehr weiß ob man nun wirklich Feierabend hat oder nicht. Mit unserem Bier ist das anders. Das macht man auf und man hat Feierabend.

Darüber hinaus lassen der Name und die Illustration des Etikettes natürlich noch genug Spielraum für Interpretation. So sehr wir sieben uns beim Geschmack einig sind, so unterschiedlich ist das was wir in der Marke „Industriebier“ sehen.

Wo kann man Industriebier in Leipzig kaufen?

Verschiedene Kneipen und Späties in Leipzig verkaufen unser leckeres Bier schon. Dazu gehören Südplatzspätie, Tante Emma , Speisekammer, Curry Süd, alte Damenhandschuhfabrik, Cafe Kowalski, Cafe Telegraph, Kaffee Schwarz, Biergarten „ohne Bedenken“, Habki und noch viele mehr.

Kann man auch auf unserer Internetseite www.industriebier.de nachlesen. In Berlin, Rostock, Wien sind wir übrigens auch vertreten.

Vielen Dank für das Gespräch. Und einen schönen Feierabend natürlich.

www.industriebier.de


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