Norwids großes Poem und eine Auswahl Gedichte: Über die Freiheit des Wortes

Die Buchpremiere war in Dresden. Der Übersetzer Peter Gehrisch ist Dresdener. Görlitz wäre auch ein hübscher Ort gewesen für diese deutsch-polnische Buchpremiere. Dabei ist Cyprian Norwid nicht so ganz verschwunden vom deutschen Buchmarkt. 2003 hat Peter Gehrisch schon "Das ist Menschensache" herausgebracht. 1981 gab's mal das "Vade-mecum" als Taschenbuch. Nicht wirklich viel. Auch für einen Dichter.
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Natürlich liegt’s an Norwid selbst. Er ist sperrig. Bis heute. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Sperrig wie Baudelaire, dessen „Fleurs du Mal“ ihn inspiriert haben. Aber die erschienen erst 1857. Da hatte Norwid schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Und hatte ein turbulentes Leben hinter sich. 1821 geboren, wurde er zu einem der vielen polnischen Exilanten, die im Westen Europas eine neue Heimat suchten, während Polen unter den drei Mächten Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt war. Immer wieder wurden polnische Aufstände blutig niedergeschlagen. Und für Norwid war das Leben im Exil hart, er war auf Zuwendungen von Freunden und Verwandten angewiesen. Eine Zeit lang lebte er in den USA, kehrte 1854 zurück.Als er 1883 starb, sorgte das durchaus für ein beachtliches Echo in der literarischen Welt. Ab 1901 erlebten seine Schriften eine Renaissance. Er schafft es zwar in den Kanon der Klassiker der Moderne – doch nicht in die Herzen der Leser – wie Baudelaire etwa. Die Übersetzung von Peter Gehrisch lässt ahnen, woran es liegt – und warum auch Zeitgenossen und Kritiker ihre Schwierigkeiten mit dem Autor hatten, der 1869 mit „Über die Freiheit des Wortes“ eines der größten (und umfangreichsten) Poeme des 19. Jahrhunderts vorlegte. Ein Text, der da und dort an den großen Atem Walt Whitmans erinnerte, dessen „Grashalme“ 1855 erschienen waren – ein Jahr nach Norwids Amerika-Aufenthalt. Kannte er Whitman? Oder lag dieser Drang zur ganz großen Geste in der Luft? Der Versuch, die Welt in ihrer Gänze zu fassen, in ihrer Atemlosigkeit und Unfassbarkeit?

Bei Norwid ist es der Versuch, die Sprachwerdung der Menschheit nachzuzeichnen über die Jahrtausende. In ihrer ganzen Kompliziertheit – als Fabel und Letter, als biblische und antike Schrift, als klassischer Bau und Ruinenlandschaft. Immer wieder schwanken die Verse zwischen Hymne und Epos, Abschweifung, Ausruf und Besinnung. Immer wieder gibt’s Brüche. Eine Technik, die er in seinen Texten immer gepflegt hat. Fast hat man den Mann leibhaftig vor Augen, wie er da am Pult steht und gestikuliert, inne hält, vor sich hinmurmelt, um dann wieder mit Euphorie loszulegen. Ein Stilmittel sei das, meint Gehrisch. Das ist unübersehbar. Das haben auch seine damaligen Kritiker so gesehen und ernsthaft darauf beharrt, dass das dann keine Gedichte sind.

Heute sehen Kritiker das anders, scheint alles möglich. Theoretisch schon. Praktisch bleibt es bei der Dominanz des Stils, der den Inhalt immer wieder aufbricht, konterkariert, der mitten in Bildern, die sich gerade zu entfalten beginnen, abrupte Brüche setzt, manchmal Sätze einfach unvollendet ins Leere laufen lässt, um neue Bilder, Assoziationen, Gedanken einzuschieben. So schreibt einer, der sich absetzen will von den Erwartungen. Der die alten romantischen Kathedralen umstürzen will und der sich selbst in einem einzigen Bild wiederfindet: den Ruinen von Palmyra.Gleichzeitig erschlägt der übersprudelnde Autor seine Leser und Zuhörer mit Zitaten, Namen und Vergleichen, haut ihnen sein Wissen um antike Mythen und Parabeln um die Ohren, erklärt und erläutert wie einer, der die ganzen Lehren der alten Schule auf einmal widerlegen will. Und erinnert dabei an zwei weitere Zeitgenossen: Nietzsche und Strindberg. Beide wüten genauso mit den überkommenen Denkgebäuden, argumentieren, zitieren, verweisen und wischen vom Tisch.

Genauso zerrissen wie dieser Norwid, der auch noch in einer Sprache schreibt, die die eines unterjochten Volkes ist. Da findet er zwar Zuhörer in Paris. Aber es ist eine der prägnantesten Phasen in seinem Poem „Über die Freiheit des Wortes“, wo er sich der Sprache, dem Wort der Slawen widmet. Denn in diesem Wort ist ja alles dicht beieinander – das Wort (slowo), das Adjektiv berühmt (slawa), das Substantiv die Schwachen (slabi), die Slawen selbst (slavi, lat.) und der Sklave (sclavus, lat.). In der Eigensicht spiegelt sich die fremde Umdeutung, im Unterlegensein der Wille zum Aufstand.

Dass ihn die Kritiker seiner Zeit nicht als Dichter sehen wollten, hat Norwid auch immer wieder zu bissigem poetischem Protest animiert. „Gerichtet werden Autoren von ihren Werken / Nicht – Autoren von anderen Autoren“, schreibt er in „Der Kritiker-Zensor“. Und hat natürlich unrecht. Denn ein literarisches Werk lebt immer auch durch seine Rezeption, durch den Mut von Verlegern und Herausgebern, die auswählen und wieder-veröffentlichen. Und durch die Auseinandersetzung anderer Autoren mit dem Werk. Immer wieder neu. Wem das nicht mehr passiert, der ist literarisch tot. Diese Auseinandersetzung muss einer riskieren, wenn er als Autor wahrgenommen werden will. So schmerzhaft das ist.

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Über die Freiheit des Wortes
Cyprian K Norwid, Leipziger Literaturverlag 2011, 24,95 Euro

Was bleibt, ist ein durchaus sperriger Sprachstoff. Oft genug sehr nervös anmutend, ausbrechend, ausweichend. Gedichte, die sich bewusst nicht fassen lassen wollen, in die sich der Autor immer wieder energisch einmischt, Sätze unterbricht, in punktierten Linien auslaufen lässt. Manchmal poltert er mitten hinein: „Kein Schwert, kein Schild – verteidigt die Sprache, / Das Meisterwerk nur!“

Da erinnert er fast schon an Wagner und dessen verbissenen Kampf gegen Kritiker und Kleingeister und Missdeuter. Ob der „dringliche Befreiungsschlag durch die poetischen Mittel“, wie Gehrisch es sieht, gelingt, muss jeder für sich entscheiden. Es ist auf keinen Fall eine eingängige oder harmonische Lektüre. Aber wer Miltons „Lost Paradise“ durchgestanden hat, könnte auch Norwid bewältigen.


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