Ein kleines Lexikon mit dem physikalischen Basiswissen: Radioaktivität von A bis Z

Als nach dem 11. März 2011 fast alle Medien über das Reaktorunglück von Fukushima berichteten, da lachten sich ein paar Physiker einen Ast und andere schlugen ergrimmt die Zeitung wieder zu. Werner Stolz formuliert seine Bauchschmerzen zurückhaltend.
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„Wie der Einzelne auch zu Fragen der Radioaktivität stehen mag – wünschenswert ist auf alle Fälle, dass sich Meinungen, Aussagen, Urteile auf ein Minimum an Fachwissen stützen.“ Werner Stolz, 1934 geboren, war bis 2000 Direktor des Instituts für Angewandte Physik an der TU Bergakademie Freiberg. Und weil Fachwissen so schlecht gestreut zu sein scheint, hat er in diesem kleinen EAGLE-Guide die wichtigsten Stichworte zur Radioaktivität gesammelt. Ein kleines Handlexikon, das mit A wie Abbremsung beginnt und mit Z wie Zyklotron endet.

Das Meiste, was er hier auflistet, sollte eigentlich Teil jedes modernen Physikunterrichts sein und damit nicht nur Fach- sondern Allgemeinwissen. Aber wahrscheinlich kann man drauf wetten, dass die üblichen Umfragen unterm Volke ähnliche Ergebnisse zeitigen wie jüngst erst die Frage nach der Kenntnis von Auschwitz. So könnte man nach Hiroshima fragen oder Tschernobyl, nach den Curies, nach Otto Hahn oder Max Planck. Schon das Durchblättern des schmalen Buches zeigt: Eigentlich passt die Geschichte der Atomphysik schon längst nicht mehr in ein Taschenbuch – man könnte (und müsste wohl auch) ein richtig dickes und spannendes Buch schreiben. Mit Helden, Entdeckern, Irrenden und Ganoven. Mit faustischen Typen und versagenden Bürokraten. Versagenden Forschern auch.Aber erst einmal die Grundlagen, wird sich Stolz gedacht haben. Damit die Leute – und damit meint er wohl einen ganzen Schwung Journalisten – wissen, wovon sie reden, wenn sie Worte wie Isotope, Thermoluminiszenz, Kontamination oder Kernfusion benutzen. Benutzen darf man die Worte alle. Man muss es nur richtig tun. Im richtigen Zusammenhang. Und man muss wissen, wo man Meldungen über Strahlenbelastung einsortiert. Ein Thema, das Stolz etwas deutlicher gewichtet hat in seinem Stichwortverzeichnis. Ihn scheint besonders geärgert zu haben, dass einige Berichterstatter davon ausgingen, dass Radioaktivität im Alltag des Menschen sonst keine Rolle spielt.

Obwohl der Mensch täglich einer natürlichen radioaktiven Belastung ausgesetzt ist. Teils liegt es an der konkreten irdischen Umgebung, in der jemand lebt, teils spielt die kosmische Strahlung da eine Rolle. Man findet auch die Verweise auf ein paar nicht ganz unwichtige historische Tatsachen – etwa die, dass Sachsen und Thüringen in der DDR-Zeit der Ort mit der weltweit größten Uranförderung waren.

Man findet die wichtigsten Akteure der frühen Forschung, die wichtigsten Erkenntnisse in Stichpunkten, etliche Formeln – zu Zerfallsraten, zur freigesetzten Energie oder zu einzelnen Spaltungsvorgängen. Die radioaktiven Elemente werden aufgelistet und zumindest Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl und Fukushima werden kurz gestreift. Denn natürlich impliziert alles, was in den letzten 100 Jahren rund um die Nutzung der Radioaktivität passiert ist, den politischen und den wirtschaftlichen Bereich, Sicherheitspolitik und Energieversorgung. Und damit eigentlich auch den Bereich von Moral und Ressourceneinsatz. Das alles findet man in diesem Büchlein zwar nicht.

Aber nach Katastrophen wie der im Kernkraftwerk Fukushima fangen Politiker und Journalisten zwangsläufig verstärkt an, über solche Dinge wieder nachzudenken. Und gelangen da erst recht in eine Grauzone, weil zwar an Wirtschaftslehrstühlen alles Mögliche gelehrt wird vom Shareholder Value bis zur richtigen Marktstrategie. Doch der „Markt“ ist ein blinder Fisch. Er rechnet gesellschaftliche Risiken und Folgekosten außerhalb der Handelsplätze nicht ein. Er denkt auch nicht in Alternativen. Er ist wie seine größten Akteure – auf den nächsten Quartalsbericht und die nächste Steuerabrechnung fixiert.Ein guter Grund, nachhaltige Konzepte etwa zur Energieversorgung niemals dem blinden Fisch Markt zu überlassen. Die Erfahrungen mit der Radioaktivität und ihrer teilweise desaströsen Anwendung zeigen eigentlich deutlich, dass es die nachhaltigen, auf langfristige Risiken bedachten Planungen jenseits der wirtschaftlichen Akteure geben muss. Planungen und Politikstrategien, die auch das einbeziehen, was in einem scheinbar so sachlichen Büchlein steht. Was dann zum Beispiel die Suche nach einem stabilen Lager für all den Restmüll aus den Kernkraftwerken beeinflusst – was einige Leute dann gern mal „Endlager“ nennen und selbst einen wasserdurchlässigen Salzstock für ein mögliches Endlager halten.

Noch närrischer sind ja Leute, die glauben, sich des radioaktiven Mülls am besten zu entsorgen, wenn sie ihn in der russischen Weite verschwinden lassen. Da sind es dann die Journalisten, die sich an den Kopf fassen und sich fragen, ob die gewählten Politiker den Physikunterricht in der Schule komplett verschlafen haben. Vielleicht wären Auffrischungskurse gut. Im Senioren-Kolleg genauso wie in der politischen Weiterbildung für gewählte Politiker aller Art.

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EAGLE-Guide.
Radioaktivität von A bis Z

Werner Stolz, Edition am Gutenbergplatz Leipzig 2011, 14,50 Euro

Auch so ist das Büchlein eine kleine Botschaft: Beschäftigt euch einfach mal wieder mit den physikalischen Fakten und Grundlagen. Hier sind schon mal ein paar Schlagworte: Schneller Brüter, Endlager, Harrisburg, Bikini, Edward Teller, … Und wer dann Fragen hat oder bekommt, der kann, darf und muss ja weiterlesen. Ignoranz ist wirklich keine Ausrede für schlechte Politik.


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