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Bodenatlas 2015: Der deutsche Fleischverbrauch entzieht anderen Völkern die Nahrungsgrundlage

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    Es ist den Wenigsten bewusst, dass die Bundesrepublik - genauso wie andere Staaten der EU - ihren Nahrungsbedarf nicht mit den eigenen landwirtschaftlichen Ressourcen deckt. Viele Produkte werden aus aller Welt importiert. Und gleichzeitig geht immer mehr wertvolles Ackerland in Deutschland verloren, weil es überbaut wird, überdüngt oder vom Winde verweht. Am 8. Januar stellte die Böll-Stiftung den "Bodenatlas 2015" vor, der zeigt, wie viel Schindluder mit einer der wertvollsten Ressource der Erde getrieben wird.

    Die Heinrich-Böll-Stiftung, das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Le Monde Diplomatique veröffentlichen am 8. Januar die erste Ausgabe ihres „Bodenatlas 2015“ mit Daten, Grafiken und Fakten über die Bedeutung, die Nutzung und den Zustand von Land, Böden und Agrarflächen in Deutschland, Europa und weltweit.

    Und eine Frage schwingt die ganze Zeit mit: Was passiert eigentlich, wenn die reichen Nationen des Nordens immer größere Flächen in den ärmeren Ländern des Südens für ihre Nahrungsproduktion in Anspruch nehmen? Schnallen die dortigen Einwohner einfach die Gürtel enger oder fangen sie irgendwann an zu wandern – dorthin, wo das Nahrungsangebot mehr als reichlich ist?

    Denn neue Böden gibt es ja nicht. Im Gegenteil: Land und Böden werden immer knapper.

    Und das auch in den Ländern Europas, in denen einige der wertvollsten Ackerböden zu finden sind.

    In Deutschland beispielsweise beträgt der Flächenverbrauch durch Städte- und Straßenbau mehr als 70 Hektar pro Tag. Dies entspricht der Fläche von über 100 Fußballfeldern. Ein Viertel aller Ackerflächen sind in Deutschland von Wind- und Bodenerosion betroffen – rund drei Millionen Hektar – während der Flächenverbrauch weiter steigt.

    Zugleich importiert Deutschland Agrarprodukte und andere Verbrauchsgüter, die mit knapp 80 Millionen Hektar mehr als das Doppelte der eigenen Landesfläche in Anspruch nehmen.

    Aber das liegt nicht eigentlich an der Menge, die die Deutschen verzehren, sondern an der Art der Nahrungsmittel, die in deutschen Supermärkten oft zu einem Spottpreis zu haben sind – der hohe Fleischkonsum hat damit direkt zu tun.

    Oder noch bildhafter: Um die Nahrungsberge zu erzeugen, die in der Bundesrepublik verarbeitet, verkauft und teilweise einfach entsorgt werden, würde man eigentlich ein drei Mal so großes Land benötigen. Aber das liegt nicht eigentlich an der Menge, die die Deutschen verzehren, sondern an der Art der Nahrungsmittel, die in deutschen Supermärkten oft zu einem Spottpreis zu haben sind – der hohe Fleischkonsum hat damit direkt zu tun. Denn Fleischproduktion ist besonders ressourcenverschlingend.

    Für die Europäische Union sieht es auch nicht besser aus: Der Konsum der EU-Bürger benötigt eine Fläche von rund 640 Millionen Hektar pro Jahr, eineinhalb Mal mehr als die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten zusammen beträgt. Rund 60 Prozent der für den europäischen Konsum genutzten Flächen befinden sich außerhalb der EU. Damit ist Europa der Kontinent, der für seinen Lebensstil, seine Agrarindustrie und seinen Energiehunger am meisten von Land außerhalb seiner Grenzen abhängig ist.

    Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, kritisierte den wachsenden Flächenbedarf: „Die EU ist der weltweit größte ‚Importeur‘ von Landflächen. Das meiste davon geht auf das Konto der intensiven Fleischproduktion, für die wir gigantische Mengen Futtermittel aus Ländern des globalen Südens importieren. Das Resultat ist, dass Kleinbauern und mittlere Betriebe zunehmend ihr Land und damit ihre Nahrungs- und Existenzgrundlage verlieren“, so Unmüßig. „Jeder EU-Bürger verbraucht im Jahr 1,3 Hektar Land – das sind zwei ganze Fußballfelder und sechsmal so viel wie der Flächenverbrauch eines Einwohners von Bangladesch. Das widerspricht angesichts der Ernährungssituation in vielen Ländern jedem Sinn für Gerechtigkeit und ist auch ökologisch unhaltbar. Hier ist nicht nur der europäische Verbraucher mit verantwortungsvolleren Konsumgewohnheiten gefragt, sondern vor allem die Politik: Die EU und Deutschland müssen ihre Agrarpolitik umsteuern und sich schrittweise von der Massentierhaltung verabschieden.“

    Deutschlands intensive Bodennutzung über die eigenen Landesgrenzen hinaus wirke sich gravierend auf globale Ökosysteme aus, sagte Prof. Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des Nachhaltigkeits-Instituts IASS in Potsdam und Mitherausgeber des Bodenatlas. Und – zur Erinnerung – von 1987 bis 1994 war er auch mal Bundesumweltminister.

    Und die Art der Nahrungsproduktion, die besonders den „Hunger“ der reichen Nationen bedient, ist auch wesentlicher Teil der weltweiten Klima-Problematik.

    Die Freisetzung von Kohlendioxid aus Böden durch nicht nachhaltige Bewirtschaftung sei nur ein Beispiel für die komplexen Folgen unseres Umgangs mit den Böden, so Töpfer. „Die Zerstörung der Böden ist ein großes Problem in Deutschland“, warnte Töpfer. „Wir müssen die neuen globalen Ziele der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung deswegen auch für die Verbesserung des Bodenschutzes in Deutschland nutzen. 2015 bietet sich die Chance dazu.“

    „Im internationalen Jahr des Bodens 2015 muss die Bundesregierung alles dafür tun, damit der Bodenschutz endlich gesetzlich besser geregelt wird“, sagte am 8. Januar der BUND-Vorsitzende Prof. Hubert Weiger. „Immer mehr Flächen an fruchtbaren Böden in Europa werden durch schwere landwirtschaftliche Maschinen verdichtet, degradiert oder zerstört. Der fortschreitenden Überbauung, Erosion und dem Humusverlust muss Einhalt geboten werden.“

    Nachteilig wirke sich auch die einseitige Agrarförderpolitik der EU und Deutschlands aus. Sie fördere vor allem das Wachstum landwirtschaftlicher Großbetriebe und die Konzentration des Landbesitzes in den Händen weniger. Dies gelte insbesondere für den Osten Deutschlands und Europas. Eine Folge dieser Landkonzentration sei auch der Anstieg der Preise für Ackerland. So habe sich der Bodenpreis in Deutschland innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. In Rumänien seien die Preise für Ackerland im selben Zeitraum sogar um 1.800 Prozent gestiegen. „Kleinbetriebe und Kleinbauern müssen oft aufgeben, weil sie nicht mehr konkurrieren können“, sagte Weiger. „Vorschub wird vor allem der Tendenz zur Konzentration landwirtschaftlicher Flächen in den Händen großer Konzerne und auch Staaten geleistet.“

    Die Herausgeber des Bodenatlas 2015 wollen im UN-Jahr der Böden zeigen, warum der Schutz der Böden uns alle angeht und wie besserer Bodenschutz gelingen kann. Eine gerechte und nachhaltige Land- und Bodenpolitik lohnt sich. Dazu können auch Verbraucher beitragen, wenn sie beim täglichen Einkauf an den Schutz der Böden denken.

    Der „Bodenatlas“ geht auch am Rande darauf ein, dass der Zugriff auf die Böden der ärmeren Nationen auch dazu führt, dass soziale Konflikte weltweit zunehmen. „Europas gewaltiger Bedarf an Land wirkt sich negativ auf die Umwelt, das Sozialwesen und die Wirtschaft der Regionen aus, aus denen es kommt.“ Und „Land-Grabbing“ sei mittlerweile eines der akutesten Probleme in diesen Ländern.

    Und eine Frage darf durchaus gestellt werden: Was machen eigentlich Menschen, die landlos geworden sind?

    Quelle: www.boell.de

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