Fünfjährige warnen Gleichaltrige vor Spielverderbern, aber wann wird daraus Klatsch und Tratsch?

Wer hätte das gedacht. Diese Biester. Oder ist das sogar eine echte positive Kompetenz, die da schon Kindergartenkinder beherrschen, wenn sie über ihre Altersgenossen erzählen? Die Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sind da jedenfalls rigoros, wenn sie titeln: „Fünfjährige beeinflussen den Ruf anderer mit Klatsch und Tratsch“.

Tratschende kleine Kinder? Oder halten „Tratsch und Klatsch“ unsere Gesellschaft erst zusammen wie ein klebriger Kitt? – Manches deutet darauf hin. Denn irgendwie müssen Menschen ja zusammenfinden zu funktionierenden Sozialverbänden. Partnerschaftsbörsen und Arbeitszeugnisse sind dafür völlig ungeeignete Werkzeuge. Aber Wasserbrunnen, Spinnstuben und Spielplätze sind dafür ideal. Wobei eine Grundbedingung wohl auch ist: Man muss sich in die Augen schauen können dabei, wissen, ob auch der Tratschpartner ehrlich und ernst zu nehmen ist.

Weshalb Tratsch und Klatsch im Internet ziemlich zwangsläufig entarten muss, weil man nicht sehen kann, ob der (unsichtbare) Tratschpartner ein Troll, ein Pädophiler oder gar von der NSA ist. Oder nur ein braver PR-Heini, der für irgendein dubioses Unternehmen oder eine obskure Partei bezahlte Propaganda macht.

Aber ist jetzt Zeit, die Sache mit dem Tratsch positiv zu bewerten?

Möglicherweise.

Denn: Bei der Wahl eines Kooperationspartners können Informationen über dessen Ruf nützlich sein, zum Beispiel als ein großzügiger oder ein geiziger Mensch. Viele Tierarten bewerten die Kooperationsbereitschaft ihrer Artgenossen, aber nur Menschen geben bewertende soziale Informationen über andere weiter, sie „tratschen“ über ihre Mitmenschen, schreiben die Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die nun belegen können, dass Fünfjährige bereits tratschen, Dreijährige aber nicht.

„Tratschen“ ist also schon das Ergebnis von Sozialisation. Kinder haben gelernt, dass andere Kinder nicht alle gleich tolle Spielgefährten sind. Und dass man manchmal auch eine gute Tat vollbringt, wenn man andere Kinder vor den Störenfrieden im Sandkasten warnt.

Wertende Informationen über andere Menschen, die uns in Form von Klatsch und Tratsch erreichen, können mitunter nützlich sein, wenn es zum Beispiel darum geht, kooperative Partner ausfindig zu machen und unkooperative zu meiden. „Bisher war nicht wissenschaftlich belegt, dass Kinder unter zehn Jahren tratschen“, sagt Esther Herrmann aus der Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. „Das hat uns überrascht, denn Vorschulkinder scheinen in vielen Situationen über den Ruf anderer zu urteilen.“

Um herauszufinden, ob drei- oder fünfjährige Kinder bereits tratschen, luden die Forscher sie zu einem Spiel ein. Dieses bestand aus einer Schachtel mit Spielsteinen und zwei Rohren, über die Spielsteine mit einem Gegenüber geteilt werden konnten. Drei- oder fünfjährige Kinder spielten das Spiel zweimal, jedes Mal mit einer anderen Puppe. In insgesamt drei Runden pro Spiel sollten die Kinder so viele Spielsteine wie möglich sammeln, dabei aber in jeder Runde wenigstens vier Steine an den Spielgefährten, die Puppe, abgeben. Während eine Puppe diese Regel beachtete, gab die andere pro Runde immer nur einen Spielstein heraus, viel weniger als erwartet. In einer alternativen Spielsituation gab eine der Puppen sieben Steine pro Runde heraus, viel mehr als erwartet.

Und: Verraten Kinder anderen Kindern, wenn sie Altersgefährten beim Schummeln ertappen?

Nachdem das Kind mit jeder Puppe drei Runden gespielt hatte, verließ es den Raum. Ein zweites etwa gleichaltriges Kind trat ein. Unter dem Vorwand, dass nicht genug Zeit vorhanden war, um mit beiden Puppen zu spielen, musste sich das zweite Kind für eine Puppe entscheiden. Die Forscher dokumentierten, ob die Kinder, die zuvor mit beiden Puppen gespielt hatten, wertende Informationen über das Verhalten der Puppen an die Teilnehmer der zweiten Runde weitergaben, ob sie also tratschten.

„Fünfjährige gaben spontan und wertend Auskunft über das vergangene Verhalten des Spielpartners, um einem anderen Kind bei der Auswahl eines geeigneten Spielpartners weiterzuhelfen“, sagt Jan Engelmann. „Dreijährige Kinder waren ebenfalls bereit, mit Informationen weiterzuhelfen, ohne aber eine Wertung vorzunehmen.“

Und was die Dreijährigen noch nicht konnten, das taten die Fünfjährigen: Sie warnten das zweite Kind vor dem nicht kooperativen Verhalten der „geizigen“ Puppe und begründeten, warum es mit dieser Puppe nicht spielen sollte.

Zumindest dieses Fazit ziehen die Forscher aus diesem kleinen Experiment: Die Ergebnisse der aktuellen Studie ergänzen bisherige Arbeiten dazu, dass Kinder ihr eigenes Image pflegen und belegen darüber hinaus, dass Vorschulkinder durch das Tratschen auch beeinflussen, wie Menschen von anderen wahrgenommen werden. Das für Erwachsene so typische und oft kritisierte Tratschen beginnt in der Entwicklung von Kindern also schon relativ frühzeitig.

Und dann taucht die große Frage auf, warum das Tratschen in höherem Alter dann so entartet und statt vor Tricksern, Täuschern und Betrügern zu warnen, der Tratsch sich bei vielen Erwachsenen ausgerechnet gegen schwächere Gruppenmitglieder richtet. Sozial ist das ja nicht mehr wirklich.

Wann also kippt das um? Oder leben wir in einer Gesellschaft, die unsoziales Verhalten belohnt und den ursprünglichen Sinn von „Tratsch und Klatsch“ ins Gegenteil verkehrt?

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MPI für Evolutionäre AnthropologieSozialverhalten
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