Verlust von Lebensräumen schadet der Artenvielfalt doppelt

Salzlacken in Österreich: Wenn die Leerstellen zwischen den Lebensinseln nicht mehr zu überbrücken sind

Für alle LeserEs wird keine Entschuldigung geben, für keinen einzigen der heutigen Umweltminister. Denn keiner von ihnen kann sagen, er hätte es nicht gewusst oder man hätte die Sache ja auch anders betrachten können. Das Artensterben in Europa ist längst mit so vielen Studien untersetzt, dass es nach Handeln schreit. Und die Forscher des iDiV können jetzt auch zeigen, wie die Zerstörung einzelner Lebensräume ganze Verlustketten nach sich zieht.

Sie streiten schon lange nicht mehr darüber, dass die Monotonie in unseren Landschaften eine wesentliche Ursache für den Artenschwund ist. Auch wenn sie lieber nach China oder Österreich fahren, um dafür Belege zu finden.

Vielleicht, weil sie den in Mitteldeutschland residierenden Umweltministern nicht gar zu deutlich zeigen wollen, was sie von deren Wasch-mir-den-Pelz-Politik halten.

Der Verlust und die Fragmentierung von Lebensräumen zählen zu den wichtigsten Ursachen, warum an vielen Orten weltweit der Artenreichtum zurückgeht. Jetzt hat ein Forscherteam unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) nachgewiesen, dass sich die Zerstörung von Lebensräumen sogar doppelt auswirkt: Wenn Lebensräume verloren gehen, verschwinden nicht nur die dort lebenden Arten – auch in benachbarten Lebensräumen sinkt die Artenzahl. Ursache seien die zu großen räumlichen Abstände zwischen den noch verbliebenen Lebensräumen, schreiben die Forscher im Fachblatt „Ecology Letters“.

Wie Landwirtschaft den Artenreichtum der Salzlacken dezimierte

Wissenschaftler vom Forschungszentrum iDiv, der Uni Halle und dem Forschungszentrum WasserCluster Lunz in Österreich nutzten für ihre Studie Langzeitdaten zu sogenannten Salzlacken in der Region Seewinkel im Osten Österreichs. In diesen Lacken wurde das Vorkommen von wirbellosem Zooplankton wie kleinen Krebstierchen und Rädertierchen erfasst.

Die Salzlacken in der Region Seewinkel (Österreich) sind besonders wertvolle Lebensräume. Foto: Zsófia Horváth

Die Salzlacken in der Region Seewinkel (Österreich) sind besonders wertvolle Lebensräume. Foto: Zsófia Horváth

Lacken sind sehr seichte, von Niederschlägen und Grundwasser gespeiste und immer wieder austrocknende Kleingewässer von meist weniger als einem Quadratkilometer Fläche, die im Seewinkel zum Teil einen sehr hohen Salzgehalt erreichen. In dem 270 Quadratkilometer großen Untersuchungsgebiet gab es in den 1950er Jahren noch mehr als 110 Lacken. Infolge der landwirtschaftlichen Intensivierung schwand deren Zahl bis auf etwa 30 im Jahr 2010 – ein Rückgang von rund 70 Prozent innerhalb von sechs Jahrzehnten. Entsprechend ging auch die Artenzahl zurück: Fanden die Ökologen 1957 noch 64 Arten, waren es 2010 noch 47 – ein Minus von 17 Arten.

Was waren die Ursachen, dass in den Salzlacken so viele Planktonarten verschwanden? Lag es nur daran, dass deren Lebensraum verloren ging oder gab es noch einen anderen Effekt?

Tatsächlich fanden die Forscher anhand von Modellierungen heraus, dass der Rückgang der Salzlacken von einst 110 auf 30 nur ein Aussterben von vier Zooplanktonarten zur Folge hätte haben dürfen.

„Selbst wenn wir nicht die Anzahl der Lacken, sondern stattdessen die Flächen der Lacken berücksichtigen, hätten wir nur ein Rückgang von neun Arten erwartet“, sagt Prof. Jonathan Chase, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätssynthese bei iDiv und Uni Halle und Letztautor der Studie. Stattdessen seien aber 17 Arten in der Region ausgestorben. Die Forscher konnten jedoch ausschließen, dass für dieses zusätzliche Minus Verschlechterungen in der Qualität der Lebensräume eine Rolle spielten – etwa die Veränderung des Salzgehalts, Schwankungen des Nährstoffgehalts, wechselnde Wasserstände oder Trübungen der Tümpel.

Diese kleinen Krebstierchen gehören zum Zooplankton, das in der Studie untersucht wurde. Auf dem Bild ist ein Feenkrebs (Branchinecta orientalis, 3 - 4 cm groß) zu sehen sowie mehrere Wasserflöhe (Daphnia magna, bis 0,5 cm groß). Foto: Imre Potyó

Diese kleinen Krebstierchen gehören zum Zooplankton, das in der Studie untersucht wurde. Auf dem Bild ist ein Feenkrebs (Branchinecta orientalis, 3 – 4 cm groß) zu sehen sowie mehrere Wasserflöhe (Daphnia magna, bis 0,5 cm groß). Foto: Imre Potyó

„Es muss also noch einen anderen Effekt auf Landschaftsebene geben, der für das Aussterben der Arten in der Region verantwortlich ist“, sagt Erstautorin Dr. Zsófia Horváth. Sie hat die Studie am WasserCluster Lunz in Österreich sowie beim Forschungszentrum iDiv und der Uni Halle durchgeführt.

Wenn die Räume zwischen den Lebensräumen zum Überwinden zu groß werden

Räumliche Prozesse können den starken Rückgang der Artenzahl erklären: Wenn viele Salzlacken verschwinden, sind die Abstände zwischen den verbleibenden Lacken relativ groß. Für das Zooplankton wird es damit immer schwieriger, neue Lebensräume zu besiedeln – etwa durch die passive Ausbreitung der Eier über Wind oder als „blinder Passagier“ an Amphibien oder Vögeln.

„Dass Arten lokal verschwinden, kommt immer wieder vor. Problematisch wird es, wenn diese Arten Lebensräume nicht mehr wiederbesiedeln können“, sagt Jonathan Chase. Gebe es weniger Salzlacken, in denen eine bestimmte Art von Zooplankton vorkommt, und seien die verbleibenden Lacken weit voneinander entfernt, sinke die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Art erneut ausbreiten kann. Dies bedeutet, dass ein lokales Aussterben in einer Salzlacke nicht mehr durch eine Neubesiedelung von anderen Lacken in der Region aufgefangen werden kann.

In sogenannten Meta-Gemeinschaften, also ökologischen Gemeinschaften von Lebewesen, die sich auf verschiedene Standorte verteilen und potenziell miteinander verbunden sind, gibt es also neben dem lokalen Aussterbe-Effekt einen zusätzlichen Effekt auf regionaler Ebene. Dies wurde schon länger vermutet, aber bislang selten nachgewiesen, weil es wenig Langzeitstudien gibt. Dank der Daten zu den Salzlacken in der Region Seewinkel konnte diese Wissenslücke nun geschlossen werden.

„Das ist wichtig, weil dieser Effekt künftig in der Modellierung stärker berücksichtigt werden kann – zum Beispiel wenn es darum geht abzuschätzen, wie sich der Verlust von Lebensraum auf die Biodiversität auswirkt“, bilanziert Chase.

Originalpublikation: Horváth, Zsófia; Ptacnik, Robert; Vad, Csaba; Chase, Jonathan (online erschienen am 1. April 2019): Habitat loss over six decades accelerates regional and local biodiversity loss via changing landscape connectance. Ecology Letters. https://doi.org/10.1111/ele.13260

ArtensterbenDeutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung
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