Für Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, geht es nur ums Verkaufen. Hat Leipzig ein Thema, das Touristen an die Pleiße zieht, geht es in den Verkauf, wird auf Messen damit geworben und in Flyern und Broschüren. 2013 gibt es ja gleich zwei Themen: Wagner und Völkerschlacht. Der Mai gehört Richard Wagner. Und einem Burschen namens Schwarwel.

Das ist der flotte Zeichner, der bis zur Papstwahl fleißig Karikaturen für die L-IZ gezeichnet hat. Seitdem hat er anderes zu tun, das ihn in Atem hält. Zeichnen kann er. Schnell ist er auch. Aber dann hatte er die Idee, einen Wagner-Trickfilm zu zeichnen. Auch das kann er. Es ist nicht sein erster Film. Nur der erste, der ein unverrückbares Fertigstellungsdatum hat: den 22. Mai. Das ist nun mal der Geburtstag des Burschen namens Richard. Leipzig hat extra eine Wagner-Festwoche aufgelegt. Die Stadt wird voller Wagner-Hungriger und Wagner-Satter sein. Das Wagner-Denkmal wird enthüllt und der Wagner-Geburtstag auf dem neuen Wagner-Platz gefeiert.

Und am Freitag, 24. Mai, um 18 Uhr wird Premiere sein für Schwarwels Wagner-Film. Ein Film für alle, die Wagner einmal nicht in fünf Stunden aussitzen wollen, sondern in rockigen 7:36 Minuten erleben. Sein ganzes Leben im Walkürenritt. Und das von einem Künstler, der vor fünf, sechs Jahren noch nichts am Hut hatte mit Richard Wagner.

“Irgendwo ist der Faden zwischen den Generationen gerissen”, sagt Thomas Krakow, Vorsitzender des Leipziger Wagner-Verbandes und Wagner-Beauftragter der Stadt Leipzig. Eigentlich wollte er an diesem 8. Mai zur Pressekonferenz im Zeitgeschichtlichen Forum nur versuchen zu erklären, warum so lange nichts lief im Fall Wagner. Leipzig feierte Bach, Mendelssohn und ein bisschen Schumann. Wagner war immer der Stein des Anstoßes. Erst recht durch seine posthume Einvernahme durch allerlei politische Möchtegerne und den Wagnerkult in Bayreuth. Das mag Politikern gefallen, die da Kunst zelebrieren auf dem Roten Teppich. Junge Leute schreckte dieser Wagner ab.

Und der andere auch: Fünf Stunden ernsthafte Nibelungentreue im Opernhaus? – Schön, dass die Eltern und Großeltern schwärmten vom Wagner-Ring von Joachim Herz im Opernhaus. Aber das ist lange her. Seither wurde am Opernhaus auch viel politisch herumexperimentiert. Und das Wagner-Jubiläum hätte man beinah verpasst. Dass Schwarwel über den Musiker stolperte, hatte mit der Tatsache zu tun, dass kein junger Mensch 2008 in Leipzig mehr was mit Wagner anfangen konnte. “Aber gerade das hat mich gereizt”, sagt Schwarwel. “Ich wollte einfach mal einen ‘Wagner für Dumme’ ausprobieren.” Also hat er sich dem Burschen von der Seite genähert, mit einer Menge Tinte, jeder Menge Misstrauen, Schabernack und Herausforderung.
Denn eines gefiel ihm an dem Kerl denn doch: Dieses rotzige “Ich bin ein Genie! Für mich gelten andere Regeln!” des Zwölfjährigen. Sowas kennt auch ein Punk des 21. Jahrhunderts. So fordert man die Alten heraus, lässt Schulrektoren austicken, Eltern verzweifeln und Professoren erblassen. Auch wenn man noch nichts geleistet hat. Das kann schief gehen. Und bei den Meisten geht das auch schief. Weil sie die Kurve nicht kriegen und wirklich an sich arbeiten, dass aus dem Genie auch ein Arbeiter wird. Auch Richard hat herumgeeiert in seiner Jugend, die Nikolaischule genauso ruhmlos verlassen wie die Thomasschule. Und bei Manchem muss man sich auf seine Autobiographie verlassen, wo er natürlich einiges zurechtgeschwindelt und hingebogen hat, damit es zu seinem Selbstbild passte.

Mit 16, schreibt er, sei es Beethovens “Fidelio” gewesen, der ihn auf den Weg gebracht hatte, den er fortan gehen wollte. Und ging. Den einen Lehrmeister brachte er zur Verzweiflung, beim Thomaskantor fand er einen, der mit ihm umzugehen wusste. Und so kann Thomas Krakow an diesem Mittwoch wieder betonen, was Leipzig im Jahr 2013 wohl so besonders macht unter den Wagner-Städten: “Hier hat er sein Rüstzeug erworben, in dieser Stadt.”

Bekanntlich wollte er hier auch berühmt werden. Aber man kann nicht immer alles haben. Aber dass Leipzig und Dresden sich 2013 so vehement zu Wort melden, scheint die Wagner-Gemeinde zu beeindrucken. Für die gab es in der Vergangenheit meist nur Bayreuth und München und Venedig.
Mit Venedig fing der kleine Clip auch an, den die Journalisten am Mittwoch sehen durften, ein kleiner Ausschnitt des Schwarwel-Films “Richard – Im Walkürenritt durch Wagners Leben”. Oder war es die Villa Wahnfried? Noch blieb das skizzenhaft. Mit Walküren im weiteren Sinn hat es der altgewordene Komponist schon zu tun: Er träumt von seiner Muse, denkt über das Weibliche in der Musik nach – und erweckt bei seiner Cosima ein Feuerwerk der Eifersucht. Was ihn dann in einen Strudel der Erinnerungen und Begegnungen stürzt. Aber auch in das, was Schwarwel an dem Kerl fasziniert. Denn mit seiner Haltung war Richard auch anders als andere gefeierte Komponisten seiner Zeit, modernen Künstlern näher, eine Art Rocker. Der dann auch so seine Sorgen mit dem Geld und mit den Verehrerinnen hatte.

Was dann 2008 in der Moritzbastei zu sehen war, hat auch Thomas Krakow fasziniert. Da wurde auch für Leipzig erst mal sichtbar, dass auch auf Wagner junge, frische und anspruchsvolle Sichtweisen möglich sind, die das Kritische nicht aussparen. Und das, so deutet Krakow an, sei wohl das Eigentliche, was Leipzig ausmacht. Hier musste sich der Bursche stellen – hier wurde er nicht einfach angehimmelt.

Das Erste, was Schwarwel freilich machte, als er die Idee mit dem Wagner-Film hatte, war nicht der Anruf im Opernhaus oder im Gewandhaus, sondern einer in Berlin. “Bei meinem guten alten Freund Gary Schmalzl.” Der hatte mit seiner Band Speedmöik 2008 auch die Wagner-Ausstellung in der MB musikalisch aufgemischt. Und einen Wagner-Titel hatte der Gitarrist auch schon im Programm: den Walkürenritt auf der E-Gitarre. Der wird den Wagner-Film untermalen. So dass schon jetzt klar ist, dass dieser Film rockig wird.

Fertig werden soll er auch rechtzeitig, verspricht Schwarwel. Rund 5.500 Zeichnungen sind schon angefertigt. “Alles mit der Hand”, so Schwawel. “Aber die Schallmauer 6.000 werden wir auch noch knacken.” Gearbeitet wird auch bis spät in die Nacht. 96.000 Euro Förderung gibt es. Der MDR hat dabei geholfen, das Projekt bei der Mitteldeutschen Medienförderung durchzusetzen. Im Programm des MDR ist der 7-Minuten-Film auch mehrfach in der Wagner-Woche eingeplant, verspricht Winifred König, Redaktionsleiterin von MDR Fernsehen.

Thomas Krakow wünscht sich den Film natürlich auf DVD, damit ihn sich alle (jungen) Wagner-Verehrer mit nach Hause nehmen können. Und die Stadt wird voll. Das Leipziger Experiment, Wagner vom alten Bombast zu befreien und in jungen frischen Ansätzen zu inszenieren, geht auf. Der “Ring für Kinder” ist ausverkauft.

Volker Bremer rechnet allein wegen des Wagner-Jahres mit 100.000 zusätzlichen Besuchern in Leipzig. Auch die überregionale Presse ist hellwach, wie es scheint. “Über 500 Beiträge zu unserem Wagner haben wir schon”, freut sich der Marketing-Mann. Und wenn natürlich überregionale Magazine und Zeitungen von dem besonderen Wagner in Leipzig berichten, dann animiert das durchaus einige Reiselustige.

Und auch das mit der Wagner-Geburtstagsfeier auf dem Richard-Wagner-Platz scheint zu klappen, trotz des Verzugs durch den Winter.

Aber wer einen wirklich rockigen Wagner sehen will, der kann sich den 24. Mai vormerken: Um 18 Uhr ist Filmpremiere für “Richard – Im Walkürenritt durch Wagners Leben” im Zeitgeschichtlichen Forum.
www.richard-wagner-film.com

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