Ballett-Company sucht sich Gebäude, alte Häuser finden neue Nutzer

Ballett – aber nicht im Opernhaus. Ohne große Extra-Dekoration, ohne Aufsehen. Drinnen sieht man eine opernvertraute Abendkassiererin und Kartenkontrolleuse. Ballett-Disponent Remy Fichet weist mit schwungvollem Arm das Publikum die Treppe hinauf, es ist eng, kaum Platz für Tanz. Stepptanz mit temperamentvollen Rufen geht auch auf der Treppe zwischen einer Wartegemeinschaft.
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Rund 100 Leute sind gekommen am Freitagabend zum „Tanz in den Häusern der Stadt“. Als Ballettchef Mario Schröder bei Amtsantritt davon erzählte, hielt man es für eine Werbe-Idee kurzer Dauer. Daraus wurde eine Serie. Nun hat man das Geschwister-Scholl-Haus erobert.

Versteckte Moderne

Am Nikolaikirchhof fällt der Eingang mit drei Türen zwar auf, macht aber nicht den einladenden Eindruck wie vergleichsweise Passagen. Einst für die Handelshochschule erbaut, residiert hier nun die Kunstpädagogik der Universität. Im Innern verblüffen Gebäudeformen, metallene Leuchter, kleinteilige Ornamente. Eine kleine Tafel im Flur der ersten Ebene klärt auf über die Werkbund-Architektur von Fritz Schumacher, 1908 bis 1910 erbaut. Georg Wrba hatte den Bauschmuck entworfen, der auch Hugo Lichts moderne Burg des Neuen Rathauses zu einer Skulpturengalerie gemacht und im teils romanischen Wurzner Dom Christusgeschichte sachlich abbildete. Wer so was in Auftrag gibt, hat Mut.

Tafelrunde in Aufruhr

Musik, Geräusche, gesprochene Literatur aus Ghettoblastern und Tänzer ziehen die Voyeure weiter hinauf, ins Foyer zu einer gar nicht braven Tafelrunde in Aufruhr, in der Kunst und Künstler über den Tisch gezogen werden und die „Kunstzeitung“ verarbeitet wird, sogar zu Wurfgeschossen und Fliegern. Ein rotes Band geht über Tisch, Leiber, Fußboden und zieht sich  stückweise verteilt durch alle Szenen.

Tafelrunde im Geschwister-Scholl-Haus. Foto: Karsten Pietsch

Tafelrunde im Geschwister-Scholl-Haus. Foto: Karsten Pietsch

Über zwei Etagen und diverse Räume sind 30 Tänzer in vollem Einsatz, vorhandene Video- und Tonanlagen werden zur Live-Übertragung und Videoeinspiel mitbenutzt. Mario Schröder hat für diese Räume und Requisiten choreografiert, zuerst natürlich für seine Tänzerinnen und Tänzer.

Tanzendes Skelett, bemalter Tänzer

Hinter und unter Bilderrahmen-Aufstellern wird getanzt, zwischen Glaswänden, am Zeichenblock wird der Kollege porträtiert, der größte Tisch ist mit einer Papier-Bahn belegt und wird in Handtechnik und Laufschritt bearbeitet, ein Ballettschuh dient als Pinsel, im Hörsaal tanzt ein Skelett förmlich mit und Oliver Preiß’ wird grün angemalt… So geht Kunst unter Künstlern auch. Oder Fremdgehen unter Künstlern. Wer nicht loslacht, kichert in sich hinein.

Beim Tanz in den Häusern der Stadt kommt einmal mehr zum Ausdruck, dass das Zentrum allen Theaters nach wie vor der agierende Mensch ist. Und der, der seinetwegen unterwegs ist.

Action im Hörsaal

Eine gute Stunde, prall voll mit Bewegung und Veränderung, Sehen und Erleben. Zum Schluss wird das Theater umgedreht, Tänzer in den Sitzreihen des Hörsaals, Zuschauer stehen rundum. Aus Tanzimprovisationen wird Szene, Gruppe und Ensemble. Hier holt auch der Scheinwerfer ein Pas de deux ab. Wie auf der Bühne. Es klingelt wie in der Schule, Black out. Schwungvoller Applaus und mehrere Verbeuge-Runden, so wie immer. Da stehen unten schon die Ghetto-Bluster transportbereit. Nun haben die Kunstpädagogen ihr Haus wieder für sich.

Tanzen in schöner Verbindung mit der bildenden Kunst. Foto: Kartsten Pietsch

Tanzen in schöner Verbindung mit der bildenden Kunst. Foto: Kartsten Pietsch

Doch wenn in Leipzig Räume für eine Werkbund-Reform-Architektur-Dauerschau gesucht würden, wäre das Gebäude eine schöne Adresse. Aber das würde der Universitäts-Kunstpädagogik jetzt nur Angst machen. War da nicht mal was, dass der Dresdner Georg Wrba im Auftrag des Wurzner und später Dresdner Hermann Iltgen auch an der alten Leipziger Universitätskirche umgestalten sollte…? Ein anderes Kapitel Leipziger Kunst- und Künstlergeschichte.

Freilich muss man nicht als Gast im Hause der Kunstpädagogik einen Stapel der „Kunstzeitung“ über Museen und Ausstellungen bildender Kunst zerrupfen. Das ist derselbe Missbrauch, wie auf einer Bühne Schallplatten zu zerbrechen, Fußbälle zu zerschneiden oder mehr als eine Torte zu werfen…

Meinungen

„Ich bin 50 Jahre in Leipzig, hier drin war ich nie!“ – „Toll, sachlicher Baustil, Folklore-Ornamente, Jugendstil an den Lampen!“ – „Und so alte Gegenstände, das Pult! Die alten Staffeleien!“ – „Solche Sachen hat doch das Ballett draußen früher gar nicht gemacht.“

 

Nächste Ballettvorstellungen außerhalb des Opernhauses

Tanz in den Häusern der Stadt: 17. April, 20.00 Uhr, Panorama-Tower

„Intershop“: 25. und 26. April, 20.00 Uhr, Westbad

Ballett
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