Unbezahlbar für Leipzig: Rudolf Elvers schenkt seine Mendelssohn-Sammlung dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig

2009 - man hat's schon fast wieder vergessen - war Mendelssohn-Jahr. Auch Leipzig feierte den 200. Geburtstag des Komponisten. Das Stadtgeschichtliche Museum zeigte die Sonderausstellung "Der Leipziger Mendelssohn". Und einer besuchte sie gleich zwei Mal - und war so begeistert, dass er der Stadt jetzt seine komplette Mendelssohn-Sammlung schenkte.
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Am gestrigen Mittwoch, 30. März, hat das Stadtgeschichtliche Museum zur feierlichen Übergabe der Sammlung ins Alte Rathaus eingeladen. In den ehrwürdigen Festsaal. Festmusik gab’s auch mit dem Mendelssohn-Quartett, das sich sogar an einer möglichen Welt-Uraufführung probieren durfte: einem Kanon. Sekt gab es für die Festgäste. Die Presse durfte ein paar der Stücke sehen, die Dr. Rudolf Elvers dem Leipziger Museum vermacht hat, das damit eine der drei größten Mendelssohn-Sammlungen besitzt. Die anderen findet man in Oxford und im Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin, wo Rudolf Elvers 24 Jahre lang arbeitete. Das Archiv leitete er von 1967 bis 1988.

Seitdem hat er da weitergemacht, wo er 1967 aufhörte – anstandshalber: Objekte zu Felix Mendelssohn Bartholdy zu sammeln. Es ist ihm gelungen, wohl eine der größten Privatsammlungen zu Felix Mendelssohn Bartholdy aufzubauen. „Ich hatte die Wahl zwischen Mendelssohn und Berlioz“, erzählte er am Mittwoch in seiner putzmunteren Rede im Alten Rathaus. So putzmunter möchte so mancher wohl gern sein, wenn er einst auf die 90 zumarschiert. Vielleicht ist es die Leidenschaft, die einen studierten Musikwissenschaftler auch im hohen Alter noch umtreibt.Vor zwei Jahren war Elvers schon einmal nach Leipzig eingeladen. Damals vom bibliophilen Verein, in dessen Runde er einen Teil seiner Sammlung vorstellen durfte: die Bücher zu Mendelssohn. Im Anschluss daran machte er einen Abstecher in die Sonderausstellung „Der Leipziger Mendelssohn“, die er danach noch einmal besuchte, so fasziniert war er. Hier war es, dass er seinen Entschluss fasste, seine Sammlung an das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig zu geben. Wissend: Hier wird sie gut betreut, hier kommt sie zu weiteren Sammlungsstücken zu Mendelssohn. Und hier lebt auch die Begeisterung für den Komponisten und Gewandhauskapellmeister, der ja bekanntlich mit seinem Dienstantritt die halbe Stadt umkrempelte.

Er modernisierte das Gewandhausorchester, gründete das älteste Musikkonservatorium Deutschlands, sorgte für das Bach-Revival und starb 1847 völlig überarbeitet. Geschont hat sich der Viel-Begabte bis zum Schluss nicht. Und davon zeugt auch Manches, was jetzt mit Rudolf Elvers Sammlung nach Leipzig kam.

In Zahlen: Unter den mehr als 1.000 Objekten befinden sich sieben autographe Albumblätter und Kompositionsfragmente, 87 handschriftliche, zum Teil unveröffentlichte Briefe und Schriftstücke von Mendelssohn sowie über 200 Autographe aus dem familiären oder sozialen Umfeld des
Komponisten. Die Verfasser reichen von dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen über Johann Wolfgang von Goethe, Cécile Mendelssohn, Max Reger, Clara Schumann und Carl Maria von Weber bis zum Komponisten Anton Wilhelm von Zuckalmaglio.

Von besonderem Reiz sind mehrere, auch unbekannte Bilder von Mendelssohn, die den talentierten Zeichner ausweisen, außerdem ein unbekanntes Aquarell mit dem Bildnis seiner Frau Cécile sowie ein Familienalbum mit Zeichnungen der Ehefrau und der Kinder.

Ein paar besondere Fundstücke wurden am Mittwoch dem Publikum schon von Kerstin Sieblist, der Kuratorin für Musikgeschichte im Stadtgeschichtlichen Museum, gezeigt und erläutert. Und wenn schon Museumsdirektor Volker Rodekamp in seiner Dankesrede überschwänglich war, Kerstin Sieblist war unübersehbar begeistert von den Schätzen, die sie schon ein paar Tage länger in den Händen hat. Denn natürlich rollte am Mittwoch kein Auto mit den frisch verpackten Geschenken vor.Dem ganzen Akt gingen Wochen emsiger Verhandlungen voraus, denn Dr. Rudolf Elvers wollte zwar die Sammlung nicht für teures Geld auf dem Kunstmarkt „verkloppen“, wie Rodekamp es bezeichnete. Aber mit der Kulturstiftung der Länder, der Mercedes Benz Niederlassung Leipzig und dem Förderverein des Museums taten sich doch drei Geldgeber zusammen, die dem Sammler einen Kaufpreis für seine Sammlung bieten konnten. Fünf Prozent, so Rodekamp, steuerte dann auch noch das Stadtgeschichtliche Museum aus seinem knappen Budget bei.

Dafür holten die Museumsmitarbeiter um Kerstin Sieblist die kostbaren Sammelstücke auch selbst ab aus der Berliner Wohnung des Sammlers. Die rührendste Szene für Kerstin Sieblist: Wie Rudolf Elvers dem Museumsauto vom Balkon seiner Wohnung aus freundlich nachwinkte.

„Und dabei hatten wir sämtliche Regale geleert und die Wände kahl gemacht“, erzählt Kerstin Sieblist.

Und sie lernte dabei auch noch, dass ein Sammler auch dann nicht aufhören kann, wenn er eigentlich schon alles aus der Hand gegeben hat. Die Stücke, die er dem Stadtgeschichtlichen Museum übergeben hatte, waren alle fein säuberlich in drei Katalogen verzeichnet. „Was uns die Arbeit unerhört erleichterte“, so Sieblist.

Aber dann packte Elvers noch weitere Einzelstücke auf den Tisch. „Die stehen noch nicht im Katalog“, sagte er. Eine Dreingabe.

Die er am Mittwoch, nachdem er das Publikum mit einer sehr launigen und klugen Revue seines Sammlerlebens zum Lachen gebracht hatte, noch ergänzte. Aus einem Beutel zauberte er zwei Neuerwerbungen hervor, wie sie nur einer machen kann, der alle Aktionen und Sammlungen zu seinem Lieblingsfeld kennt. Ein Brief Alexander von Humboldts und ein Buch, das einen schmunzelnden Blick in das Leben des Komponisten erlaubt: Eine Ausgabe von Boccaccios „Dekamerone“ aus dem Jahr 1820, handlich, leicht in der Jackentasche unterzubringen. Vorn im Buch der Eintrag: Felix Mendelssohn Bartholdy.

Und da die Sammlungsstücke im Stadtgeschichtlichen Museum alle digitalisiert werden, ist das Geschenk der Sammlung „Elvers“ natürlich auch eine Bereicherung für die Forschergemeinschaft, wie Dr. Volker Rodekamp feststellte.

Die Leipziger Öffentlichkeit wird das Ganze von Mitte November 2011 bis Anfang Januar 2012 in einer Studioausstellung mit den schönsten Stücken aus der Sammlung zu sehen bekommen – die schönsten Zeichnungen, die spannendsten Briefe, die wertvollsten Bücher sowie die anrührendsten persönlichen Zeugnisse des Komponisten und seines familiären Umfeldes.


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