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Whistleblowing im nuklear-industriellen Komplex: Atomforscher Rainer Moormann geehrt

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    Der Whistleblowerpreis 2011 ging an Rainer Moormann. Der Atomforscher habe den Mythos von der Sicherheit von Hochtemperatur-Reaktoren erschüttert, auf einen im Dunkeln gehaltenen atomaren Störfall im niederrheinischen Jülich hingewiesen sowie Mängel der Atomaufsicht aufgezeigt, sagt Whistleblowing-Experte Dieter Deiseroth im L-IZ-Interview.

    Der Whistleblowerpreis wird alljährlich von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA) verliehen. Auf diesem Feld engagiert sich der Leipziger Bundesrichter Dr. Dieter Deiseroth. Er ist Mitherausgeber des Dokumentationsbandes zur Preisverleihung 2011. L-IZ traf Dieter Deiseroth zum Interview.

    Welchen Anliegen sieht sich der Whistleblowerpreis verpflichtet?

    Mit dem Preis sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die in ihrem Arbeitsumfeld oder persönlichen Wirkungskreis, also gleichsam als Insider, gravierende Missstände oder Straftaten aufgedeckt haben, die mit erheblichen Risiken oder Gefahren für Mensch und Gesellschaft, Umwelt oder Frieden verbunden sind.

    Mit der Preisverleihung und der anschließenden Buch-Dokumentation sollen nicht nur eine mutige Persönlichkeit und ihr beispielhaftes Verhalten herausgestellt werden und ihr so gleichsam ein augenfälliges „Denkmal“ gesetzt werden. Von besonderem Interesse ist auch, herauszuarbeiten und sichtbar zu machen, was an dem Fall verallgemeinerungsfähig ist und was sich daraus für künftige Konfliktlagen dieser Art exemplarisch lernen lässt.

    Ziel ist es dazu beizutragen, eine möglichst breite gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, wie wichtig Whistleblower sind. Ihre Kenntnisse als Insider oder ExpertInnen und ihre mutige Bereitschaft, uneigennützig Alarm zu schlagen, stellen häufig die einzige Möglichkeit dar, in staatlichen Bürokratien, in der Wirtschaft, in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, aber auch in den internationalen Beziehungen Straftaten, schwerwiegende Gesetzesbrüche und andere grobe Missstände aufzudecken.

    Der Whistleblowerpreis 2011 ging an den Atomforscher Rainer Moormann. Was gab den Ausschlag für die Ehrung?

    Doktor Moormann arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Kernforschungsanlage, dem heutigen Forschungszentrum in Jülich bei Aachen. Lange Zeit war er ein Befürworter der Atomenergienutzung.

    Vier Gesichtspunkte waren für die Preisverleihung von Bedeutung. Zum Einen: Doktor Moormann hat den Mythos der so genannten „inhärenten Sicherheit“ von nuklearen Hochtemperatur-Reaktoren (HTR) erschüttert.

    Außerdem hat er der Öffentlichkeit wichtige Informationen über einen augenscheinlich recht gefährlichen, vor der Öffentlichkeit jedoch weithin im Dunkeln gehaltenen Störfall aus dem Jahre 1978 im Jülicher Atomreaktor und dessen bis heute sich auswirkenden Folgen vermittelt.

    Sein preiswürdiges Whistleblowing belegt drittens auch begründete starke Zweifel an der Effektivität der staatlichen Atomaufsicht. Hinweisen auf viel zu hohe Temperaturen im Reaktorkern gingen weder der Betreiber der Anlage, noch die Atomaufsichtsbehörde in der gebotenen Weise nach.

    Schließlich ist es das Verdienst Doktor Moormanns, dass die Probleme und immensen Kosten der Entsorgung des 1988 stillgelegten und seitdem hoch verstrahlten Atomreaktors Jülich für Steuerzahler und Wähler nunmehr ins öffentliche Blickfeld geraten sind.

    Um welche Summe geht es dabei?

    Die entstehenden Entsorgungskosten sind zwischenzeitlich von 39 Millionen DM in den Prognosen aus den 1990er Jahren auf – vorläufig – 600 Millionen Euro explodiert. Diese sollen von den Steuerzahlern aufgebracht werden, denen dies aber verschleiert wird.
    Inwieweit haben die Bemühungen von Rainer Moormann das öffentliche Verständnis von den Gefahren der Kernenergie verändert und den „nuklear-industriellen Komplex“ zum Umdenken gezwungen?

    Doktor Moormann hat in den vergangenen Jahren mit wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen im In- und Ausland, vor allem aber mit Stellungnahmen und Interviews in den Medien maßgeblich zur Aufdeckung von gravierenden Gefahren und Risiken beigetragen, die mit nuklearen „Hochtemperatur-Reaktoren“, den HTR, verbunden sind.

    In der Fachwelt, in der Wirtschaft und in der Politik wird dieser Reaktortyp bis heute dafür gerühmt, dass er nach seiner Bau- und Arbeitsweise „inhärent sicher“ sei. Bei ihm bestehe, im Gegensatz etwa zu Leichtwasser-Reaktoren, nicht das Risiko einer Kernschmelze; nukleare Katastrophen seien damit nicht zu befürchten.

    Doktor Moormann hat demgegenüber aufgedeckt, dass mit dieser Technologie andere, nicht minder bedrohliche Störfallmöglichkeiten, Risiken und Gefahren mit potenziell katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt einhergehen, die meist verschleiert werden.

    Was ist der Hintergrund?

    Nach wie vor gibt es intensive Bestrebungen der „Atom-Lobby“, nach dem seit 2001 beschlossenen „Atom-Ausstieg“ Deutschlands das technologische Know-How wie auch Konstruktionselemente des HTR nunmehr zu exportieren. Doktor Moormanns publizierte Studien haben dazu beigetragen, dass zum Beispiel Südafrika vom dortigen Bau eines HTR Abstand genommen hat, obwohl bereits Milliarden-Beträge investiert worden waren.

    Andere Länder wie China und möglicherweise Polen halten an ihren HTR-Planungen zwar noch fest. Sie sind aber „bösgläubig“ geworden. Das heißt: Man weiß dort jetzt mehr von den spezifischen Risikopotenzialen dieses Reaktortyps.

    In Jülich hat die Leitung des Forschungszentrums nunmehr im Gefolge der von Doktor Moormann ausgelösten Debatten und – wie es in einer ihrer Verlautbarungen heißt – in „Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima“ ein Expertengremium zur Klärung des Jülicher Störfalls von 1978 und dessen bis heute andauernden Auswirkungen und Folgen einberufen. Dessen pluralistische Zusammensetzung, Arbeitsfähigkeit und wissenschaftliche Unabhängigkeit sind bislang allerdings nicht hinreichend gesichert.
    Was genau fiel 1978 in Jülich vor?

    Doktor Moormann hat öffentlich gemacht, dass der Versuchsatomreaktor in Jülich am 13. Mai 1978 nur knapp einem GAU mit den verheerenden Folgen einer weitflächigen radioaktiven Verseuchung der Umwelt entging. Ursache dafür war ein Haarriss in einem Dampferzeuger-Rohr, das sich über dem Reaktorkern befand und aus dem mehr als eine Woche erst Dampf und später flüssiges Wasser in den Reaktorbehälter gelangte, insgesamt circa 30 Tonnen.

    Wenn das Leck und damit die Wassereinbruchsrate größer gewesen und bei den typischerweise überhöhten Temperaturen noch größere Wassermengen in den Reaktorkern eingetreten wären, wäre, so Doktor Moormann, mit hoher Wahrscheinlichkeit in großem Umfang hochexplosives Gas – Wasserstoff plus Kohlenmonoxid – entstanden. Eine Katastrophe vom Typus Tschernobyl hätte ausgelöst werden können.

    Der Betreiber und die Aufsichtsbehörden haben diese offenbar sehr heikle Situation bisher weithin verschleiert. In der Folge des 1978 als „normaler Störfall“ eingestuften Wassereinbruchs gelangte zudem beim Abpumpen radioaktiv hoch kontaminiertes Wasser aus dem Reaktorbehälter ins Erdreich unter dem Reaktor und ins Grundwasser. Die konkreten Auswirkungen dieser Kontamination liegen bis heute im Dunkeln. Über damit verbundene Gesundheitsgefährdungen sowie einen möglichen Zusammenhang mit gehäuften Leukämieerkrankungen im Umland herrscht bisher Ungewissheit.

    Welche Konsequenzen sollten wir aus den Erfahrungen von Rainer Moormann mit dem „nuklear-industriellen Komplex“ ziehen?

    Whistleblower, die – wie Doktor Moormann – aus berufsethischer Verantwortung gravierende Missstände und Fehlentwicklungen aufdecken, verdienen große gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie sind keine „Nestbeschmutzer“ und „Störenfriede“, sondern erfüllen eine sehr wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie fördern Transparenz in einem sonst für Außenstehende und die Öffentlichkeit nur schwer durchschaubaren Bereich, in dem wissenschaftliche und wirtschaftliche Interessen vielfach verwoben und verschränkt sind.

    In ihrer beruflichen Stellung werden Whistleblower, wenn sie die „Alarmpfeife“ blasen, allerdings zur Zielscheibe. Sie müssen deshalb in unser aller Interesse wirksam gegen Diskriminierungen und Sanktionen geschützt werden.

    Immerhin: Erfahren Whistleblower durch eine wohlbegründete und öffentlichkeitswirksame Preisverleihung sowie durch eine entsprechende Berichterstattung in den Medien gesellschaftliche Anerkennung, hilft ihnen dies.

    Das zeigt das Beispiel von Doktor Moormann. Sie sind dann schwieriger mundtot zu machen. Ihre kritischen Hinweise und Fragen lösen weitere kritische Nachfragen aus und können bei Vielen dazu beitragen, Erkenntnisgewinne zu fördern. Das kann zu kritischen Kettenreaktionen führen.

    Buchtipp: Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) „Whistleblower im nuklear-industriellen Komplex. Preisverleihung 2011“.
    Das Buch dokumentiert zugleich verschiedene Stellungnahmen, Gutachten und Wortmeldungen zur Thematik der Hochtemperatur-Reaktoren. Es ist 2012 im Berliner Wissenschaftsverlag erschienen (Preis: 12,80 Euro).

    Whistleblower-Preis 2011: www.vdw-ev.de

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