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In Grünau muss man weiter investieren: Pfarrer Matthias Möbius im Gespräch

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    "Die Außensicht auf Grünau ist brutal anders als die Innensicht", sagt Pfarrer Matthias Möbius. Die Außensicht, gefärbt durch Nachrichten über weiteren Abriss, prägt überregionale Entscheidungen, sorgt sich der Geistliche der Evangelisch-Lutherischen Paulusgemeinde. Die Grünauer erwarten ein Bekenntnis zum Stadtteil, so Möbius.

    Pfarrer Matthias Möbius engagiert sich für seinen Stadtteil. Der Grünauer Quartiersrat ist einer der Orte, an denen der evangelische Geistliche von der Pauluskirchgemeinde präsent ist.

    Und Pfarrer Möbius sorgt sich um seinen Stadtteil, in dem er seit 1985 lebt und wirkt. „Das Eis ist auch kirchlich in Grünau dünner, weil es hier keine über Generationen gewachsenen Strukturen gibt.“

    Strukturen gibt es in Grünau erst seit gut eineinhalb Generationen. Am 1. Juni 1976 wurde unweit der heutigen Brünner Straße der Grundstein für das sozialistische Wohnungsbauprojekt gelegt.

    Eine neue Stadt für neue Menschen sollte es werden. Glauben und Kirche waren darin als Relikte einer schon überwundenen beziehungsweise noch zu überwindenden Epoche überhaupt nicht vorgesehen. Friedhöfe aber auch nicht, so als führte das Leben in der neuen Stadt zu ewiger Jugend und ewigem Leben. Selbst ein Krankenhaus fand erst später Eingang in die Planungen, wurde aber – jedenfalls in der geplanten Form – nicht verwirklicht.

    Doch es kam anders. Als die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg den stark kriegsbeschädigten Dom im Zentrum der geteilten Hauptstadt aus Kostengründen aufgeben wollte, bestand die DDR-Führung auf dessen Erhalt, erzählt Pfarrer Möbius.

    Denn der Abbruch des Gotteshauses im Spreebogen hätte die Statik der anliegenden Großbauten gefährdet, einschließlich des Palastes der Republik gegenüber. Als Gegenleistung ließ sich die Kirchenleitung die Erlaubnis zum Bau von zehn „Neuen Kirchen für neue Städte“ zusichern. Neue Städte wie Dresden-Prohlis, das Fritz-Heckert-Gebiet in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), Schwerin-Großer Dreesch und eben Leipzig-Grünau.Realisiert wurden die Gotteshäuser als so genannter Inlandexport. Inlandexport: „Sie galten dem Staat also als Exportleistung der DDR“, unterstreicht Möbius. Ein Buchhalterischer Akt mit einer klaren Botschaft, der etwas darüber aussagt, wie die staatliche Seite „Kirche im Sozialismus“ verstand. Irgendwie eben doch als Ausland.

    Die Evangelische Kirche in Deutschland (West) überwies zehn Millionen D-Mark in den Osten, die aber die staatlichen Devisenbeschaffer einbehielten, erzählt Möbius. Für 10 Millionen DDR-Mark errichteten die regionalen Bau- und Montagekombinate der DDR (BMK) die Kirchen. Für zehn Kirchen eine sehr überschaubare Gesamtbausumme. Ohne umfängliche Eigenleistungen der Gemeindeglieder und weitere Spenden westdeutscher Partnergemeinden wären die Kirchen deshalb nicht das geworden, was sie heute sind.

    Die Weihe der Grünauer Pauluskirche erfolgte 1983, die Gemeinde war 1978 gegründet worden.

    Doch wie lief die Gemeindegründung damals ab? Männer der ersten Stunde wie Pfarrer Klaus Fritsche gingen von Haus zu Haus. Deren Ziel war es, an jeder Wohnungstür einmal zu klingeln.

    „Falls Sie oder jemand anders aus Ihrer Familie der Kirche angehören, würden wir Sie gern einmal besuchen“, lautete die rechtlich und politisch unbedenkliche Einstiegsfrage an der Wohnungstür. Zuerst wurde zugehört, dann Netzwerke aufgebaut und praktische Nachbarschaftshilfe organisiert. Von Anfang an ganz ökumenisch, wie Pfarrer Möbius erzählt. Im Februar 1985 kam er als dritter Pfarrer hinzu.

    Möbius erzählt von der Mischung, die Grünau ausgemacht habe. Von den Menschen aus den umliegenden Dörfern, die der Braunkohle weichen mussten. Von den Menschen aus den Abrissgebieten Leipzigs. Von ganz normalen Leuten, die lange um eine Neubauwohnung gekämpft hatten. Und von den „Leistungsträgern der DDR“, wie er sie nennt.

    Städtebau und Stadterweiterungen sind eben immer mit Migration verbunden, mit zumeist nicht planbaren Ergebnissen. „Nach wenigen Jahren war in Grünau die damals größte Kirchgemeinde in Sachsen – und zugleich in der ganzen DDR – entstanden“, führt Möbius eine Aufbaubilanz an, die die politischen Lenker des komplexen Wohnungsbaus ganz sicher nicht mit auf das Plansoll setzten.In Grünau habe sich jeder neu finden und neu entscheiden müssen, so Möbius. Auch Kirchenmitglieder hätten nach dem Umzug in das Neubaugebiet schließlich einfach „abtauchen“ können.

    Gerade über den Kirchenbau habe die Gemeinde sich gefunden, sei schon damals das gewesen, was man heute „Beteiligungsgemeinde“ nennt. Als „sehr selbstbewusst“ und „sehr auf die Menschen zugehend“ beschreibt der Geistliche seinen Sprengel in der neuen Stadt. Vor allem aber: Die Gemeinde war und ist im Stadtteil bekannt, auch unter Atheisten und Kirchenfernen. Seit 2003 wird der Grünauer Kultursommer alljährlich in der Pauluskirche eröffnet.

    Daraus speise sich auch heute noch ein „weitgehend gutes Miteinander“ im Kiez, so Möbius. Insbesondere dann, wenn es um die Belange Grünaus geht. Im Quartiersrat und anderswo.

    Alle Akteure erwarten ein Bekenntnis der Politik, aber auch der Kirche zu dem Stadtteil. Grünau habe eben andere Gesetzmäßigkeiten als gewachsene Stadtteile. Möbius spürt mitunter Verzweiflung über die Außenansichten zu Grünau, die von Leuten transportiert würden, die noch nie da gewesen seien.

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    „Hier muss man weiter investieren, sonst kippt’s wirklich weg“, sagt Möbius zur Lage im Stadtteil. „Die Außensicht auf Grünau ist brutal anders als die Innensicht“, fährt er fort. Doch die Außensicht, gefärbt von Nachrichten beispielsweise über weiteren Abriss und Bevölkerungsrückgang, präge die Entscheidungen, die andernorts über Grünau getroffen würden.

    Damit meint er Politik und Verwaltung, aber auch seine Landeskirche. Konkret geht es um die für Anfang 2014 vorgesehene Streichung der zweiten Pfarrstelle. Nach dem für Großstädte gültigen Schlüssel wären 3.000 Gemeindegliedern eineinhalb Pfarrstellen zuzuordnen.

    Doch es soll in knapp eineinhalb Jahren nur noch eine Pfarrstelle geben. Da wird ein weiteres Schrumpfen unterstellt, der besondere Betreuungsaufwand in der Gemeinde mit vielen alten Menschen nicht berücksichtigt.

    Zwangsläufig müssten dann Angebote eingeschränkt werden, sagt der Geistliche voraus. Eine Perspektive, die auch Grünauer ohne Kirchenbindung umtreibt. Möbius ist sich sicher: „Die Leute honorieren, wenn die Kirche sagt: Wir bleiben.“

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