Vier Brutpaare im schönsten Eisvogel-Revier des Leipziger Auwalds

Die Eisvögel einfach umsiedeln aus dem Floßgraben, das wird nicht gelingen. Man kann ihm künstliche Brutröhren anbieten an anderen Fließgewässern. Aber die Eisvogel-Kartierung von Dr. Bert Meister zeigte auch 2015: In andere Reviere weicht der Eisvogel nur aus, wenn es im Vogelschutzgebiet Südlicher Auwald zu eng wird. Und der Floßgraben ist eindeutig das Lieblingsrevier des blau schillernden Vogels.
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Das untermauern auch die Gutachten von Jens Kipping, Diplom-Ingenieur (FH) für Naturschutz, von der Firma BioCart. Er ist seit zwei Jahren beauftragt, die Eisvogelpopulation direkt am Floßgraben zu beobachten. Dazu ist er von März bis August jeden dritten Tag mit Kamera und Fernglas ins Revier marschiert und hat über 100 Stunden Beobachtungszeit investiert, um herauszufinden, wie der Eisvogel tatsächlich auf die Störungen durch den Menschen reagiert.

Dabei brachte er sogar das Kunststück fertig, mehrere Brutpaare gleichzeitig zu beobachten, indem er vor den Brutröhren eine Kamera postierte, die alle Aktivitäten aufnahm, während er selbst beim nächsten Brutpaar auf der Lauer lag. Er hat in diesem Sommer vier brütende Eisvogelpaare am Floßgraben gezählt, zwei Paare in der Nähe des Klärwerks Markkleeberg sogar in weniger als 100 Meter Abstand.

„Was ungewöhnlich ist“, sagt er. Denn der Eisvogel braucht ein ausreichend großes Jagdrevier. Der kurze Abstand spräche dafür, dass die Jagdbedingungen am Floßgraben gut sind. Trotz Bootsdurchfahrten.

Was ja gerade in Bezug auf die Sondererlaubnis für das gewässerangepasste LeipzigBoot immer wieder Diskussionsstoff ist. Wirbelt die Bootsschraube die Sedimente im Floßgraben so auf, dass die Sicht für den blauen Jäger bis zu einer dreiviertel Stunde getrübt ist?

„Das kann ich so nicht bestätigen“, sagt Kipping. „Zu Aufwirbelungen kommt es in der Regel nur bei Richtungsänderungen – etwa in den Mäandern des Floßgrabens. Und getrübt ist das Wasser dann meist nur in der Mitte der Fahrrinne, eigentlich nie an den Rändern, wo der Eisvogel in der Regel jagt.“ Und länger als 20 Minuten sei auch keine von ihm beobachtete Eintrübung gewesen.

Aber wie ist es dann mit Störungen? Gerade an Wochenenden herrschte ja immer wieder Hochbetrieb im Floßgraben.

Da hat er sogar extra Boote gezählt und ganze Statistiken erstellt, die zeigen, wie die Bootsbewegungen im Floßgraben tatsächlich anschwollen, wenn die Allgemeinverfügung die Durchfahrt erlaubte. In den Zeitfenstern dazwischen kehrte tatsächlich Ruhe ein. Die meisten Bootsfahrer haben die Verfügung auch 2015 respektiert. Das muss vielleicht auch einfach mal erzählt werden, dass im Floßgraben nicht die Rücksichtslosen die Mehrheit haben, sondern jene Leipziger, die sehr wohl akzeptieren, dass der Eisvogel ein paar Ruhezeiten braucht und Pausen, in denen er jagen und die Brut versorgen kann.

„Und genau so war es auch zu beobachten“, sagt Kipping. „Wenn Ruhe einkehrte, wurden die Eisvögel richtig betriebsam und haben ihre Brut versorgt. Und das scheint auch gut geklappt zu haben.“

Aber kann denn der Eisvogel sich an den intensiven Betrieb gewöhnen? „Übers Jahr ganz bestimmt nicht“, sagt Kipping. „Aber während der Saison schon.“ Es sei regelrecht zu beobachten, wie der Eisvogel sich anpasse und lerne, mit den Zeitfenstern im Bootsbetrieb umzugehen. So gesehen sei auch die Schaffung von drei Zeitfenstern für die Bootsdurchfahrt mit den entsprechenden Pausen dazwischen eine richtige Entscheidung gewesen.

Zwei Mal ist es ihm auch gelungen, Aufnahmen aus den Bruthöhlen zu machen, wo er in einem Fall fünf junge Eisvögel zählte, im anderen sieben. Es könnten auch mehr gewesen sein, sagt der Gutachter. Bis zu acht Vögel könne es in einer Brut geben.

Insgesamt haben die vier Brutpaare im Floßgraben acht Bruten großgezogen. Es hätte sogar noch eine mehr sein können. Doch eine Bruthöhle hatte zu leicht erreichbar für einen der im Auwald heimischen Räuber gelegen – einen Waschbären, vermutet Kipping. Diese Jungvögel wurden also Opfer der prekären Lage. In diesem Zusammenhang ging Jens Kipping auch auf die so wichtigen Bedingungen ein, die der Eisvogel braucht, um ungestört brüten zu können. Das Steilufer muss hoch genug sein, dass die Höhle nicht von oben her erreicht werden kann. Es muss möglichst senkrecht sein, damit Räuber nicht hinauf- oder hinunterklettern können. Es muss auch hoch genug sein, damit die Bruthöhle nicht zu nah am Wasser ist.

Der Ornithologe Dr. Bert Meister berichtete am Donnerstag beim Pressetermin im Amt für Umweltschutz von einer Eisvogelbrut an der Parthe, die Opfer eines Starkregens wurde. Ihre Bruthöhle hatte zu niedrig über dem Wasser gelegen. Was übrigens ein Alleinstellungsmerkmal für den Floßgraben ist: Er ist sehr selten von Hochwassern betroffen.

Jens Kipping registrierte aber auch alle Verstöße gegen die Allgemeinverfügung der Stadt. Denn obwohl die Mehrheit der Nutzer des Floßgrabens sich an die Regeln hält, haben 2015 einige Verstöße deutlich zugenommen. Es wurde gegrillt und geangelt im Floßgraben, manche Bootsnutzer legten am Ufer an. Motorboote waren ohne Genehmigung unterwegs, sogar Drachenboote wurden gesichtet oder – 2015 eine völlig neue Masche – Gruppenfahrten mit großen Schlauchbooten mit bis zu 10 Personen. „Wenn die kamen, wurde es richtig laut im Floßgraben“, erzählt Kipping.

Doch sie haben dem Leipziger Eisvogel sein wichtigstes Revier nicht verleidet. Nicht nur die Hochufer kommen dem Höhlenbrüter entgegen. Der Floßgraben hat – trotz aller Diskussionen um Aufwirbelungen – ein erstaunlich klares Wasser, gerade in den Uferbereichen, wo der kleine Jäger auf Ästen sitzt und auf schwimmende Beute lauert. Und der Floßgraben ist augenscheinlich reich an kleinen Fischen, die der blaue Vogel jagt. So ein gutes Revier verlässt man nicht, auch wenn der Mensch lärmt und manchmal mit Absicht stört.

Was dann wieder die Frage aufwirft: Wie geht die Stadt nun mit den Störern um? Oder ist das egal?

Dazu gleich mehr an dieser Stelle.

FloßgrabenEisvogelMotorboote
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