Schüler in Sachsen: Höchste Zeit zum Umsteuern bei Lehrern und Schulinvestitionen

Minister sind in der Regel Steuerleute. Sie lassen sich die Zahlen zu den Entwicklungen in ihrem Ressort zuweisen, planen die Budgets und steuern auch um, wenn sich Gewichte verschieben. Die neuesten Zahlen zu Schülern in Sachsen sollten vielleicht den Kultusminister aus dem Tiefschlaf reißen. Denn "9.704 mehr Schüler an den allgemeinbildenden Schulen in Sachsen" ist eigentlich ein Wecksignal: Jetzt muss gehandelt werden.
Anzeige

Denn die globalen Zahlen sind das eine. Es sind die Details, die mittlerweile Arges schwanen lassen. Denn nur auf den ersten Blick sieht es positiv aus, wenn im Schuljahr 2011/12 wieder 318.950 Schülerinnen und Schüler an den 1.481 allgemeinbildenden Schulen in Sachsen gelernt haben. Nachdem seit 1995 bis 2009 die Schülerzahl an allgemeinbildenden Schulen von Jahr zu Jahr sank, stieg sie 2011 erneut um 9.704 bzw. 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr weiter an, so die Rechner aus dem Statistischen Landesamt.

Was – nach Adam Ries – auch bedeutet: Die Zeit der Schulschließungen ist eigentlich vorbei. Im Gegenteil: Es müssten wieder Schulen eröffnet werden. Doch die ganze Schrägheit der Diskussionen um das so genannte „Schulschließungsmoratorium“ zeigt: Die Botschaft ist nicht wirklich in Dresden angekommen. Mit dem Faktor „demografische Entwicklung“ kommt man in den Amtsstuben in der Hauptstadt erst recht nicht ins Reine. Mittlerweile kommt auch aus den Wirtschaftsverbänden die unüberhörbare Warnung, dass Infrastrukturen im ländlichen Raum nicht straflos immer weiter zurückgebaut werden können. Denn wo sie fehlen, ziehen zuallererst die jungen Familien fort, suchen schnellstens nach familiengerechten Infrastrukturen, wo Schulen, Kaufhallen, Ärzte und Behörden noch erreichbar sind.

Die Folge ist das, woran am Ende kein Minister in Dresden schuld gewesen sein will – ein akut sich verschärfender Fachkräftemangel in den Landkreisen. Und eine forcierte Wanderung der Sachsen vom Land in die drei Großstädte. Dort wachsen die Kinder- und Schülerzahlen, dort müssen (wie in Leipzig) neue Schulen eröffnet werden. Nur zu dumm: Städten wie Leipzig werden die nötigen Investivmittel dafür nicht zur Verfügung gestellt. Der Freistaat zeigt sich hochgradig desinteressiert daran, unter welchen Bedingungen die Kinder im Land lernen sollen. Vom blindlings organisierten Lehrermangel ganz zu schweigen. Auch das ist im Zahlenpaket nachlesbar.2011/2012 gibt es nun – im Vergleich zum Vorjahr – 5.563 Mittelschüler mehr und 3.014 Gymnasiasten. Auch an den Grundschulen hat sich die Schülerzahl um fast 1 Prozent (1.170) erhöht, dagegen wurden an den allgemeinbildenden Förderschulen 106 bzw. 0,6 Prozent Schüler weniger als im Vorjahr unterrichtet und betreut.

Wie das Statistische Landesamt weiter mitteilt, werden in diesem Schuljahr 123.033 Schüler an den 831 Grundschulen und 89.968 an den 335 Mittelschulen unterrichtet. 85 585 Gymnasiasten lernen mit dem Ziel, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben an den 152 Gymnasien des Freistaates.

Die 158 allgemeinbildenden Förderschulen verzeichnen 18.938 Schüler und die 5 Freien Waldorfschulen 1.426.

Wie sich das in den letzten zehn Jahren gedreht hat, zeigen zwei Zahlen: Im Sommer 2011 beendeten 21.816 Absolventen und Abgänger die allgemeinbildenden Schulen, zum Schuljahresbeginn 2011/12 begannen 32.419 ABC-Schützen ihre Schullaufbahn.

Was aber auch bedeutet: Mehr Schüler gleich mehr Lehrer. Der Freistaat müsste die Neuanstellung von Lehrern forcieren. Die Schülerinnen und Schüler an den allgemeinbildenden Schulen in Sachsen werden aktuell von 28.359 voll- und teilzeitbeschäftigten Lehrpersonen unterrichtet. Aber: Nur 11 Prozent dieser Lehrerinnen und Lehrer sind bis unter 40 Jahre alt, 57 Prozent sind 40 bis unter 55 Jahre alt. Und knapp 32 Prozent sind 55 Jahre und älter.

Die SPD hat dazu einmal ausgerechnet, was das bis 2020 bedeutet: In den nächsten acht Jahren gehen demnach 10.700 sächsische Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand. Das Kultusministerium hat sich die Zahlen mit 7.800 schön gerechnet. Aber selbst nach dieser Zahl müsste Sachsen jährlich 1.000 Plätze für angehende Lehrer bereithalten. Ab 2020 sogar noch deutlich mehr. Dann kommen ja die noch stark besetzten Jahrgänge unter 55 in das Pensionierungsalter.

Dass der Freistaat schon jetzt nicht in der Lage ist, den Abgang von Lehrern in den Ruhestand zu kompensieren, zeigt ein Vergleich. Während die Zahl der Schüler von 309.246 stieg, sank parallel die Zahl der Lehrer von 29.193 auf 28.359. Mit all den Effekten von zunehmendem Unterrichtsausfall in den Schulen.

Dasselbe Problem bei den Schulgebäuden selbst. Denn auch 2011 wurden weitere Schulen geschlossen. In der Regel in ländlichen Gebieten, wo die vom Kultusministerium vorgegebenen Soll-Stärken für die Klassen nicht erreicht wurden. Da half auch aller Protest von Eltern und lokaler Politik nichts – da entzog das Ministerium einfach ganz bürokratisch die Mitwirkung. So sank die Zahl der Mittelschulen von 339 auf 335 und die der Grundschulen von 838 auf 831. Die Zahl der Gymnasien erhöhte sich hingegen von 148 auf 152. Die Entwicklung war zweigeteilt – während Schulen in den Landkreisen geschlossen wurden, arbeiten Städte wie Dresden und Leipzig mit allen Kräften daran, die Schulkapazitäten zu erweitern. Und die zuständigen Dezernenten beißen sich jedes Mal wohl in den Allerwertesten, wenn die Landesregierung wieder allergnädigst Investitionsmittel frei gibt – aber wieder hübsch gleich über Land und Stadt verteilt. Völlig ausblendend, dass sich die Investitionsbedarfe im Schulbereich fast komplett in die Großstädte verschoben haben.


Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Lesung: Mächtige Gefühle – Ute Frevert im Gespräch mit Jana Simon
Lesen schafft die Grundlage für komplexes Denken. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Am Samstag, 24. Oktober, geht es um „Mächtige Gefühle“. Die Autorin Ute Frevert stellt in Lesung und im Gespräch mit Jana Simon ihr neues Buch über die Gefühlswelt der Deutschen im 20. Jahrhundert vor.
Dienstag, der 20. Oktober 2020: Zwischen Corona-Welle und erneuten Warnstreiks
Heute dürfen nur 999 Zuschauer/-innen in die RB-Arena. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDie Zahl der Corona-Fälle steigt weiterhin deutlich, aber immerhin nicht mehr ganz so stark wie noch am Wochenende. Für die Schulen in Sachsen soll es vorerst im Regelbetrieb weitergehen. Außerdem: Verdi fordert mehr Geld für die Beschäftigten von Bund und Kommunen – weshalb am Mittwoch unter anderem einige Kitas nicht öffnen werden. Die L-IZ fasst zusammen, was am Dienstag, den 20. Oktober 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
„Mehr Ausdruck fehlender Wertschätzung geht nicht!“: Erneut großflächige Streiks im öffentlichen Dienst
Auch für Mittwoch, den 21.Oktober, ruft die Gewerkschaft ver.di zu Warnstreiks im öffentlichen Dienst auf. Foto:L-IZ

Foto:L-IZ

Für alle LeserDie Gewerkschaft ver.di ruft am Mittwoch, den 21. Oktober, erneut zu Warnstreiks im öffentlichen Dienst auf. Einen Tag vor der dritten Tarifverhandlungsrunde zwischen der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und Gewerkschaften, die am Donnerstag und Freitag in Potsdam stattfinden soll, sind Beschäftigte in Kitas, Sparkassen, bei der Stadtreinigung, in der Stadtverwaltung, in Musikschulen und Co. angehalten, ihre Arbeit niederzulegen.
Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #49
Ab ins Säckchen ... Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserWahlkämpfe sind Zahlkämpfe. In den USA ganz besonders. Geschätzte 10,9 Milliarden Dollar werden dieses Mal für die Stimmenmache ausgegeben. Das entspricht dem Bruttosozialprodukt von Äquatorialguinea. Was irgendwie passt, schließlich bedeutet Äquator Gleichmacher. Wobei ich gleich mal noch ein anderes Thema aufmachen muss. Die oft vertretene Ansicht, die Wahlkämpfe würde immer teurer werden, stimmt nämlich nur bedingt.
Mobilfunkausbau der Telekom in Leipzig: Fast 100 Prozent Versorgung mit 4G und 5G im Leipziger Stadtgebiet
Mehr Bandbreite für den Mobilfunk. Foto: Telekom

Foto: Telekom

Für alle LeserEiner der Gründe, warum viele Unternehmen ihren Firmensitz in eine Großstadt verlegen, ist nun einmal auch ein harter Fakt: die Verfügbarkeit einer sicheren und leistungsfähigen Funkverbindung. Und was das betrifft, sticht Leipzig nun einmal auch im eher strukturschwachen deutschen Osten heraus. In den vergangenen Monaten hat auch die Telekom ihre Mobilfunk-Versorgung in Leipzig weiter ausgebaut.
Liebe Leser: Ausstellung wird am 3. November im Literaturhaus eröffnet
Literaturhaus / Haus des Buches in der Prager Straße. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDas Buch in seiner analogen Form – es ist im Jahr 20 des dritten Jahrtausends nicht überholt. In Zeiten von Digitalisierung und virtuellen Welten setzt der Leipziger Bibliophilen-Abend unverdrossen auf das gedruckte Buch: als Quelle des Wissens, aber auch als ein Kulturgut. Der Fokus liegt auf Inhalt und Form gleichermaßen. 1904 in Leipzig gegründet und 1933 aufgelöst, startete der Verein im Januar 1991 erneut durch. Deshalb ist Anfang 2021 ein Jubiläum zu feiern.
Corona-Hilfe: Wie setzt Leipzig die Unterstützung der Obdachlosen in der kalten Jahreszeit fort?
Wohnadresse: Parkhäuschen. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserWie geht Leipzig mit seinen Bürgern um, die aus den verschiedensten Gründen obdachlos geworden sind? Und die seit Ausbruch der Corona-Pandemie unter verschärften Bedingungen leben. Denn wo ist ihr Zuhause, wo sie bleiben können? Leipzig hat zwar auch in ihrem Sinn Hilfsmaßnahmen beschlossen. Aber ausgerechnet jetzt vorm Winter sind sie ausgelaufen.
BWE kritisiert Staatsminister: Sachsens Regionalministerium wird zum Bremsklotz der Energiewende
Strommasten und Windräder westlich vom BMW Werk Leipzig. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs wird noch scheppern in der schwarz-grün-roten Koalition in Sachsen. Denn sie ist mit einem Baufehler gestartet, der schon ein Jahr nach Start der Koalition zeigt, dass damit alle Modernisierungsversuche aus den kleineren Parteien abgeblockt werden können. Die Gründung eines Ministeriums für Regionalentwicklung war ein genialer Schachzug der CDU, könnte man sagen. Wenn es für Sachsens Klimazukunft nicht eine ausgemachte Katastrophe wäre. Das thematisiert einmal mehr der zunehmend frustrierte Landesverband WindEnergie.
Hase und Igel in der Luft: Die Stadt Leipzig hat keinen Einfluss auf die Polizeihubschraubereinsätze überm Stadtgebiet
Polizeihubschrauber im Einsatz. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserVielleicht ist es ja dank Corona etwas leiser geworden über der Stadt. Der EU-China-Gipfel wurde abgesagt, größere Demonstrationen gibt es nicht mehr und auch Fußballspiele finden mit kleinstem Publikum statt. Also müssen auch nicht ständig Polizeihubschrauber überm Stadtgebiet fliegen. Aber auch vor dem Shutdown im März war es nicht zu begreifen, warum gerade in den Nachtstunden schweres Gerät über Leipzig dröhnen musste. Kann die Stadt das nicht koordinieren? Eine mehr als hilflose Antwort auf eine Stadtratsanfrage.
Lesung: Was würdest du tun, wenn du plötzlich Grundeinkommen hättest?
Foto: Christian Stollberg

Foto: Christian Stollberg

Nicht wenige Menschen sehen das bedingungslose Grundeinkommen als Vision für eine Gesellschaft, die fair und gerecht den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet. Mein Grundeinkommen e.V. will wissen, was Grundeinkommen mit Menschen macht.
Eine Eselgie oder Das Tier in mir
© Frank Schletter

© Frank Schletter

Eine Eselgie ist … … wenn ein Esel so melancholisch wird, dass er sich zu träumen anschickt, zu sprechen beginnt, zudem noch einen Menschen sein Eigen nennt, dem er die Welt zeigt … oder war es umgekehrt, wer ist denn nun der Esel? Platero heißt jedenfalls einer von beiden, wahrscheinlich sind jedoch einer wie der andere Esel. Das ist ein Kompliment.
Semperoper Dresden: Erste Opernpremiere nach Lockdown
Semperoper in der Dämmerung © Matthias Creutziger

© Matthias Creutziger

Am 1. November 2020 feiert in der Semperoper Josef E. Köpplingers Neuinszenierung von Mozarts „Die Zauberflöte“ Premiere. Mit Omer Meir Wellber am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden und einer exquisiten Besetzung, u.a. mit René Pape als Sarastro und Nikola Hillebrand in ihrem Debüt als Königin der Nacht, erwartet das Dresdner Premierenpublikum wieder der gewohnte Operngenuss.
„Nach dem Eingesperrtsein“ – Lesung und Lieder mit Stephan Krawczyk und Utz Rachowski
Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Nachdem coroanabedingt die für den Welttag der politischen Gefangenen geplante Veranstaltung im Literaturhaus Leipzig nicht stattfinden konnte, gibt es nun „nach dem Eingesperrtsein“ einen neuen Termin. Dieser Termin gilt auch als ein Zeichen der Solidarität, um die durch die monatelange Schließung betroffenen Gastronomie zumindest partiell zu unterstützen.
Montag, der 19. Oktober 2020: Sachsen sieht rot
Der Leipziger Weihnachtsmarkt wird in diesem Jahr etwas anders aussehen. Archivfoto: L-IZ.de

Archivfoto: L-IZ.de

Für alle LeserIn Sachsen sind mittlerweile fünf Landkreise sogenannte Risikogebiete. Leipzig ist zwar noch im grünen Bereich, aber auch das könnte sich bald ändern. Für den Weihnachtsmarkt und das kommende Spiel von RB Leipzig haben die steigenden Zahlen bereits Konsequenzen. Außerdem: In Thüringen gibt es Diskussionen über den Termin für die nächste Landtagswahl. Die L-IZ fasst zusammen, was am Montag, den 19. Oktober 2020, in Leipzig und darüber hinaus wichtig war.
Vom Bürstenroboter zum Musikautomaten: Industriekultur interaktiv erleben
Ausstellung „WerkStadt Leipzig.200 Jahre im Takt der Maschinen“ © SGM, Julia Liebetraut

© SGM, Julia Liebetraut

Die aktuelle Sonderausstellung WerkStadt Leipzig. 200 Jahre im Takt der Maschinen im Haus Böttchergäßchen erzählt auf anschauliche Weise von Maschinen und Menschen in der vielgestaltigen Industriegeschichte Leipzigs. Im Herbstferienprogramm des Stadtgeschichtlichen Museums werden speziell Kinder und Familien angesprochen, Leipzig zur Zeit der Industrialisierung auf aktive Weise zu erkunden und dabei auch kreativ tätig zu werden.