2.4 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Traut sich Sachsens Regierung, einmal eine belastbare Artenschutz-Politik zu beginnen?

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Nicht nur die Grünen haben im Sächsischen Landtag ihre Sorge um das massive Insektensterben in unserer Landschaft zum Ausdruck gebracht. Nur scheinbar gab's Ruhe im Landtag, nachdem Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) auf den Grünen-Antrag für ein sächsisches Insektenmonitoring geantwortet hatte, dass ihn das eigentlich nichts angehe. Die Linksfraktion reagierte auf diese amtliche Nichtverantwortlichkeit noch im Dezember mit dem Antrag "Ursachen des Insektensterbens in Sachsen untersuchen und Gegenmaßnahmen in die Wege leiten".

    Denn wo der Minister behauptet, man wisse ja eigentlich nicht so richtig, ob die Messergebnisse zum Insektenschwund überhaupt belastbar sind und was denn die Ursache dafür sei, gibt es längst Berge von Forschungsergebnissen.

    Die zeigen zwar nicht die Ausmaße des gesamten Insektensterbens – gehen aber auf viele einzelne Phänomene der schwindenden Biodiversität ein. Das Bienensterben ist seit 2010 Thema auf internationaler Ebene. Fliegen, Schmetterlinge, Motten und Käfer nahm man da noch nicht so ernst, obwohl nicht nur Bienen wichtige Bestäuber in der Landschaft sind.

    „Die Ursachen für den Rückgang sind unklar und können dennoch eingegrenzt werden“, stellt die Linksfraktion in ihrem Antrag fest. „Intensive Landwirtschaft und Pflanzenschutzmittel (PSM) stehen im Verdacht, ursächlich zu sein, da die Schutzgebiete häufig von landwirtschaftlich genutzter Fläche umgeben sind – aber auch falsch durchgeführte Pflegemaßnahmen in den Schutzgebieten und andere Faktoren sind als weitere Ursachen für den Rückgang der Gesamtbiomasse an fliegenden Insekten nicht auszuschließen. Insekten sind Indikatoren für eine intakte Umwelt – ihr Rückgang ist ein ernstzunehmendes Problem, das gesamte Ökosystem ist von Insekten abhängig, die anderen Tieren als Nahrung dienen und als Bestäuber wirken.“

    Heißt im Klartext: Der arbeitsscheue Minister hätte nur alle mit dem Thema beschäftigten Forschungseinrichtungen anrufen und einen Arbeitsstand zum Thema einfordern müssen – angefangen beim Umweltforschungszentrum in Leipzig und dem Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), in das das UFZ auch eingebunden ist.

    Dort beschäftigt man sich seit Jahren mit der Stabilität (oder Instabilität) von Lebensgemeinschaften und der intensiven Abhängigkeit sämtlicher Organismen in einem Habitat – alle sind voneinander abhängig. Der eine zersetzt die Abfälle des Anderen, eines ist Nahrung fürs Andere. Und wenn die Nahrungskette irgendwo dauerhaft zerstört wird (zum Beispiel durch Monokultur), dann gerät das ganze Bio-System ins Rutschen.

    Verschwinden die Insekten, gehen auch die Vögel verloren.

    „Parallel ist ein drastischer Vogelschwund in Deutschland zu verzeichnen – als Ursache wird auch hier die allgemeine Intensivierung der Landwirtschaft benannt, deren negative Effekte offenbar nicht durch das bestehende Netz der Schutzgebiete aufgehalten werden kann“,  heißt es im Linke-Antrag. „Als weitere Ursache hierfür wird der Rückgang der Insekten diskutiert, die den Vögeln als Nahrungsgrundlage dienen.“

    Dass das sächsische Netz der Schutzgebiete tatsächlich nur ein Flickenteppich ist, bei dem wichtige Übergänge und Verbindungen fehlen, ist auch nicht neu.

    Ein bundesweites Insektenmonitoring, wie es Schmidt wünscht, würde nur bestätigen, was hunderte Forschungsbefunde längst zeigen. Und was eigentlich auch in den alten Naturschutzversprechungen des Freistaats steckt – die nur einfach nicht umgesetzt werden, weil nicht der Umweltminister Poltik macht, sondern der Agrarminister.

    Die Linke beantragt jetzt ein sehr konkretes Programm für ein Pilotprojekt „Insektenmonitoring“ in Sachsen, das die für 2019 geplanten Empfehlungen der Umweltministerkonferenz ergänzen soll. Denn das Insektensterben in Sachsen hat seine Ursache in Sachsen. Hier sind die Biotope planiert worden. Hier braucht man – und zwar ziemlich schnell – Veränderungen zum Besseren.

    Das Problem bringt übrigens auch iDiV-Direktor Christian Wirth auf den Punkt: „Das zentrale Problem bei der Erfassung biologischer Vielfalt ist, dass wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben. Und während wir inventarisieren, werden gleichzeitig schon die Regale leergeräumt.“

    Für Forscher eigentlich ein Zustand zum Verzweifeln: Während man gerade begonnen hat die hochklomplexe Vielfalt unserer Landschaft zu erfassen und zu begreifen, sind die hochtechnisierten Flotten der Agrar-Betriebe unterwegs und zerstören diese Vielfalt systematisch und ohne Einlenken. Obwohl die Wichtigkeit von Feldrainen, Blühwiesen und Dauerweiden seit Jahren bekannt ist.

    Logisch, dass es in Berlin zur Agrarministerkonferenz massive Proteste gab. Diese Sturheit, die das Thema immer nur über den Profit betrachtet, macht unsere Umwelt kaputt. Besonders der BUND hat in Berlin einen deutlichen Umbau der Landwirtschaft gefordert.

    Der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger: „Allein in Deutschland werden zurzeit Jahr für Jahr fast 50.000 Tonnen Pestizidwirkstoffe in der Landwirtschaft eingesetzt und landen dann in Böden und Gewässern. Das hat dramatische Konsequenzen, unter anderem für die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft. So hat sich die Biomasse der Fluginsekten um 75 Prozent verringert und die Zahl der Vögel geht zurück, da die Nahrung knapp wird. Um das Insektensterben zu stoppen und die Artenvielfalt nicht noch weiter zu gefährden, muss die nächste Bundesregierung ein Komplettverbot von Glyphosat und der besonders gefährlichen Neonikotinoide auf den Weg bringen. Nach dem skandalösen Glyphosat-Alleingang von CSU-Agrarminister Schmidt ist ein nationaler Ausstiegsplan aus der Anwendung des Totalherbizids das Mindeste, was die nächste Bundesregierung liefern muss. Außerdem muss sich die künftige Regierung endlich zu einem ambitionierten Programm zur generellen Reduzierung des Pestizideinsatzes durchringen.“

    Natürlich ist das komplex. Und die Bauern der Zukunft werden ohne ein solches grundlegendes Wissen um die Wirkungsweise komplexer Biotope nicht mehr herumkommen. Die Zeit, dass Bauern reine Agraringenieure sind, geht vorbei.

    Aber ob Schmidt der richtige Mann ist, diese zwingend notwendigen Veränderungen in der sächsischen Agrarpolitik zu gestalten, darf bezweifelt werden.

    Der Linke-Antrag. Drs. 11500

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige