Kommentar zum Vorrunden-Aus der Mannschaft

Hofmanns WM-Fazit: „Ich würde mit Löw weitermachen“

Für alle LeserGut denkbar, dass viele deutsche Fußballfans noch immer kopfschüttelnd vor dem Fernseher sitzen und hoffen, das gestrige 0:2 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Südkorea sei nur ein böser Traum gewesen. Enttäuschung hier - Schadenfreude da. L-IZ-Fußballexperte Marko Hofmann jedoch hat sich dem WM-Auftritt der Mannschaft mit rationalem Blick angenommen.

Große Erwartungen hatte ich nicht an das deutsche Team bei dieser Weltmeisterschaft. Jeder weiß, dass die letzten europäischen Weltmeister (Frankreich, Italien und Spanien) alle in der Vorrunde ausgeschieden sind. Seit der deutschen Mannschaft 1958 hat es kein europäischer Weltmeister im anschließenden Turnier wenigstens mal bis ins Halbfinale geschafft, und Italien war in einer ganz anderen Fußballwelt vor 80 Jahren der erste und einzige europäische Weltmeister, der den Titel verteidigen konnte.

Das Vorrunden-Aus ist ohne Frage bitter und einiges gehört auf den Prüfstand, auch das ist klar. Aber es muss sachlich und logisch sein. Dass die Hymnendiskussion immer noch geführt wird, ist mir absolut schleierhaft, auch die Diskussion über die Herkunft von Spieler-Eltern.

Die Nichtnominierung von Sané sehe ich nach wie vor nicht als Fehler. Er hat in der Nationalelf nie überzeugt. Warum sollte ihm das ausgerechnet bei der WM gelingen? Hätte Löw ihn nominiert und gebracht und es wäre schiefgegangen, hätte man ihm genau das auch bloß zum Vorwurf gemacht.

Ansonsten sehe ich keine Nominierungsfehler. Manuel Neuers Verletzung spielte am Ende keine Rolle, und der Kapitän hat nun mal eine Sonderrolle, das weiß jeder Trainer. Sicherlich hat die unsägliche Erdogan-Nummer die Vorbereitung nicht gerade verbessert, aber trotzdem gibt es noch 21 andere Spieler im Kader, der ja eigentlich so breit und gut gewesen sein soll.

Sieg des Confed-Cups vollkommen überhöht

Und da sind wir bei einem Problem, das für mich neben dem Druck des Weltmeisters – gegen den alle noch mal 5 Prozent mehr rausholen und der aus Gründen fehlender Gier oder hohem Erwartungsdruck selber nicht bei 100 Prozent ist – das Hauptproblem ist: Der Sieg des Confed-Cups im vergangenen Jahr wurde allseitig, auch medienseitig vollkommen überhöht.

Deutschland hätte zwei Mannschaften, die Weltmeister werden könnten, hieß es unter anderem. Zur Erinnerung: Deutschland schlug Australien (Gruppenletzter bei der WM) sowie Chile und Kamerun (beide nicht mal qualifiziert). Gegen Mexiko war es vor allem die Anfangsviertelstunde, die das Spiel entschied. Außerdem waren es viele junge Spieler, die ihre Chance nutzen wollten.

Was kann man Löw vorwerfen?

Zu lange an Özil, Müller und Khedira festgehalten zu haben? Na gut. Aber er hat 19 von 20 Feldspielern eingesetzt. Ich habe keinen gesehen, der tatsächlich besser war, und ich sehe auch keinen in Deutschland (siehe Sané), der unbedingt mitgemusst und geholfen hätte (ob Leno oder Trapp oder Tah statt Ginter ist vollkommen wurscht).

Holger Krauß sagte mir schon vor drei Wochen, dass der deutsche Ballbesitzfußball überholt sei. Da ist, wie man in 5 von 6 Halbzeiten sehen konnte, etwas dran. Aber hier ist natürlich auch die Frage: Welche Optionen hatte Löw? Jeder Favorit muss gegen die Kleinen Steine klopfen und kommt nicht so leicht zu Chancen.

Spanien, Portugal, Brasilien, Uruguay, selbst Frankreich (mit der auch von mir hochgelobten Offensive), Belgien (gegen ein defensives Panama) sowie England (gegen Tunesien): sie alle hatten ihre Probleme, weil der Gegner nur verteidigen und dann kontern wollte. Da musst du das Spiel machen, und das ist – wie man bei anderen Teams sieht – nicht so leicht.

Umso unerklärlicher, warum ausgerechnet der Weltmeister, bei dem vor vier Jahren so probaten Mittel der Standard-Tore, dieses Mal so schwach war, wo andere Teams so stark sind.

Deutschland hat keinen Unterschiedsspieler

Mich hat vor allem gestört, dass man vorn bei Ballverlust nicht gleich draufgegangen ist, um den Ball schnell zurückzuerobern. Aber Löw und seinem Stab taktische Schwächen vorzuwerfen, halte ich bei der Löw-Statistik für falsch. Löw hat England und Argentinien 2010 wunderbar ausgecoacht, dasselbe gilt für Brasilien und Portugal 2014 und Italien 2016.

Hat letztlich also Mehmet Scholl mit seiner Kritik Recht, dass es in Deutschland zu wenige kreative Spieler gibt? Teilweise. Es fehlt vor allem an Tempo und an Spielern, die ins 1 vs. 1 gehen können. Genau das hat Löw aber schon vor mehreren Jahren angemerkt und konnte das als Bundestrainer nicht ändern. Diejenigen im Kader, die das beherrschen – vor allem Reus und teilweise auch Werner – waren gegen Südkorea allerdings auch nicht dienlich, genau genommen hätte er Werner schon nach einer Stunde für Brandt runternehmen müssen.

Deutschland hat auch keinen sogenannten Unterschiedsspieler, aber den gab es 2014 auch nicht. „Die Mannschaft“ heißt nun mal auch so, weil sie viel als Mannschaft gelöst hat. Genau das war aber nicht möglich, auch weil viele Spieler nicht in Form waren. Müller, Kimmich und Hummels waren seit dem Bayern-Aus gegen Real zu keiner guten Leistung (auf ihrem Niveau) mehr fähig. Khedira und Özil hatten mehr mit sich selbst zu tun, Kroos ist keiner, der alleine Verantwortung übernehmen kann. Reus und Werner waren auch nicht da, wenn es darauf ankam.

Ende der neuen Blüte des deutschen Fußballs

Das Vorrunden-Aus markiert das Ende der neuen Blüte des deutschen Fußballs seit 2004 – und jeder, der die Zeit davor kennt, wird dankbar sein für diese 14 Jahre. Jogi Löw hat die Mannschaft als (Co-)Trainer in sieben aufeinanderfolgenden Turnieren immer mindestens bis ins Halbfinale geführt. Trotzdem gab es in dieser Phase immer mindestens 80 Millionen Bundestrainer, die es besser wussten.

Zum Vergleich: Brasilien ist in der Zeit zweimal im Viertel- und einmal im Halbfinale gescheitert. Die Niederlande waren zweimal nicht qualifiziert, Frankreich war einmal Vizeweltmeister, 2010 in der Vorrunde gescheitert, 2014 im Viertelfinale raus. Spanien? Achtelfinale, Weltmeister, Vorrunde. Italien? Weltmeister, Vorrunde, Vorrunde, nicht qualifiziert. England? Viertelfinale, Achtelfinale, Vorrunde.

Die Wertschätzung für diese Erfolge kann man erst aufbringen, wenn es mal nicht so läuft. Die Situation, als Weltmeister in eine WM zu gehen, kannten weder Löw noch die Spieler – und so einfach ist es ja auch nicht, wie man aus der Historie weiß.

Wer sollte denn Löw-Nachfolger werden?

Wie also weiter? Ein radikaler Umbruch wurde angekündigt. Wenn es nach der Turnierleistung geht, würden nicht viele übrigbleiben. Aus Altersgründen wird allenfalls Mario Gomez die Nationalelf verlassen. Die Weltmeister Khedira und Özil werden es in Zukunft schwer haben, auch ein Gündogan in dieser Form. Sané wird sicher eine neue Chance bekommen, aber Spieler von denen man Wunder erwarten kann, wird man so schnell nicht bekommen.

Die U-Mannschaften haben die letzten Jahre auch nicht mehr viel zustande gebracht, und die Bundesligisten bringen auch keine guten Nachwuchstalente hervor oder setzen nicht mehr so auf sie wie noch vor acht Jahren. Damals kamen unter anderem Müller und Badstuber neu in die Bayern-Elf, Hummels reifte in Dortmund heran. Weder in Dortmund, noch in München oder aber bei RB sehe ich Bestrebungen, mehr auf die Zukunft zu setzen.

Vielleicht ist es auch gut, dass diese ganze Mannschaft-Mania mal abebbt und sich mal wieder mehr auf den Sport konzentriert wird und nicht noch auf Frisuren oder Heiratspläne.

Ich würde übrigens mit Löw weitermachen, weil er in den 12 Jahren als Cheftrainer gezeigt hat, dass er aus Fehlern lernen und eine Mannschaft verändern kann. 2010 war der Verzicht auf Ballack richtig, auch aus der Halbfinal-Niederlage gegen Italien 2012 hat er gelernt.

Und auch wenn das kein Argument ist: Wer soll denn Nachfolger werden? Wenn ein guter Mann da wäre, wäre er zu den Bayern gegangen. Einen ausländischen Trainer muss man nicht an die deutsche Seitenlinie holen, und Otto Rehhagel wird in sechs Wochen 80.

* Kommentar *Fußball-WM
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