Es hätte ein kluges Buch werden können. Es ist ein Mädchenbuch geworden. Wer im bevorstehenden All-inclusive-Urlaub Lektüre sucht, in der nichts Schlimmes passiert, der kann sich Lena in den Koffer stecken. Wenn noch Platz drin ist. Die Beastie Boys auf den Stick, dann hat man auch Lenas Musik. Und dann auf nach Kreta.

Oder wo immer die Paketreise hingeht. Das Ziel ist eigentlich egal. Die Ressort-Welt, in der Lena mit ihrer Mama, deren recht umfangreicher Freundin Elke und deren pubertierender Tochter Sabrina landet, könnte auch auf Jamaika oder am Indischen Ozean liegen – mit Swimming Pool, grantigen alten Leute, die ihre Liegen verteidigen, üppigen Buffets und Bars und smarten Animateuren. Das eigentliche Kreta sieht Lena nur kurz bei der An- und Abreise vom Flughafen zum Hotel-Ressort.

Der Rest sind sieben Tage zwischen Strand, Bungalow und Buffet. Da kann man sich hängen lassen, Meer und Sonne genießen, auf die Seeigel aufpassen und auf einer wilden Banane reiten. Man kann auch überraschende Begegnungen haben. Denn wenn frau schon mal unterwegs ist, sind natürlich auch alle Sinne auf das Eigentliche fixiert: schöne Männer. Naja. Und eine gute Figur. Was zwangsläufig zu fortgesetzten Dramen am reichen Buffet führt, Dramen bei der Kleiderwahl und niederdrückenden Betrachtungen der Pfündchen und Speckröllchen. Denn frau will ja gefallen.Eigentlich ist die Heldin Lena Studentin einiger exotischer Fächer, die erst einmal für ein paar Jahre verhindern, dass sie sich mit der Frage beschäftigen muss, was sie im Leben mal werden will. Sie lebt in Wien – doch mit ihrer Heimat verbindet sie augenscheinlich eine Frust-Liebe. Vielleicht geht’s ihr da wie vielen anderen Altersgenossen, denen die bunte Seifenwerbung eingebläut hat, andernorts sei das Leben aufregender, interessanter und nicht so kleinkariert.

Die Werbung wirkt. Auf junge Frauen augenscheinlich umso mehr. Oder wie kann man sich das Phänomen erklären, dass sie jederzeit damit beschäftigt sind, ihre eigene Figur kritisch zu beäugen, vor Kleiderschränken zu verzweifeln, die Gesichtsbemalung und den Kleiderstil anderer Frauen abzuschätzen und schrecklich zu finden und jede Situation darauf hin zu beäugen, wie peinlich sie ist?

Vielleicht löst die Betrachtungsweise aber auch ein paar Rätsel, die entstehen, wenn Männer versuchen, Frauen als rationale Wesen zu begreifen. Ist ja nicht das erste Buch dieser Art, das seine Leser in ein Wirbelwassser der weiblichen Nöte hineinzieht, die augenscheinlich alle nur damit zusammenhängen, jederzeit bella figura zu machen und den richtigen Bewerber für den Platz an ihrer Seite zu bekommen. Dabei immer im heftigsten Wettbewerb mit allem anderen, was da im Rock herumläuft. Manchmal auch mit sonnengebräunten Animateuren, die selber auf Partnerschau sind.

Und da sie nun einmal schon so heftigst damit beschäftigt ist, peinliche Situationen (stehen alle in den einschlägigen bunten Ratgebern und Zeitschriften) zu vermeiden, gerät Lena natürlich zwangsläufig in wirklich peinliche Situationen – landet mit Felix, mit dem sie eigentlich gar nichts mehr zu tun haben will, da, wo sie eigentlich mit einem Mann gar nicht landen wollte, erlebt eine Fahrt auf der aufgeblasenen Banane als beeindruckende Begegnung mit einer höschenlosen Masse Fett und darf dann auch noch das Kinder-Sitten übernehmen, weil Lena bei allem Stolz nicht fertigbringt, auch mal “Nein!” zu sagen.

Innerlich schon. Ihre inneren Dialoge sind reinste Frust-Dialoge. Aber mal kühn auch der quälenden Mitwelt zu sagen, dass es ihr nun reiche, bringt Lena nicht fertig. Oder noch schöner: Diese Art Frust darf ihr neuer Prinz erleben.

Der sie trotzdem anhimmelt. Irgendwie sind Männer dann wohl doch so, dass sie diese hübschen Biester besonders attraktiv finden, je mehr sie biestig sind.

Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

Eine Woche Kreta. All inclusive.
Lisa Jäger, Einbuch Verlag 2012, 12,90 Euro

Es kommt auch ein bisschen Romantik drin vor. Noch ein letzter Blick auf die Eingeborenen aus dem Fenster des Flughafenbusses. Und ab geht’s wieder nach Hause. Ohne Prinz. Der kommt dann nach. Das Handlungsfeld Kreta beschränkt sich auf die beiden Blicke aus dem Busfenster. Das stimmt – bei allem Sonnenschein – bedenklich. Denn wenn wir tatsächlich so in die Welt reisen, all wir Schönen und Gutgenährten, dann erzählt das auch was von unserer Wahrnehmung der Welt. Die ist da draußen, jenseits der Fenster unserer klimatisierten Busse und Flugzeuge, jenseits unserer All-inclusive-Ressorts, mit denen wir alle Urlaube zu einem Urlaub machen. In einer Oase des Immer-Gleichen. Mit smarten Animateuren und Strandmusik aus der Konserve.

Ein Lena-Buch für Mädchen wie Lena. Nur die Flip-Flops sollte man nicht vergessen. Wegen der Seeigel am Strand.

www.einbuch-leipzig.de

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar