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Hieb- und Stichfest: Die gedruckte Erinnerung an einen legendären Sonett-Streit anno 1995

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    Der kleine Leipziger Verlag Reinecke & Voß widmet sich den etwas ungewöhnlichen Seiten der Literatur. Oder sollte man sagen: den etwas anspruchsvolleren? Denn Literatur ist ja nicht nur Spannung, Action, Lesefutter. Es ist - wenn sie gut gemacht ist - auch geistiger Spaß, Freude an geschliffener Form, sauberer Arbeit, inhaltlicher Brillanz. Gibt es auch noch. Wenn man sich auf Entdeckungen einlassen mag.

    Der Klassiker: das Sonett. Manchem ist es in der Schule begegnet als die wohl strengste Gedichtform. So wie in Sachen Prosa die Novelle. Aber beides ist nicht wirklich notwendiger Bestandteil der Allgemeinbildung. Die Lyrikbücher der Vergangenheit sind voller Sonette, die man auch beim hundertsten Lesen nicht versteht. Es gibt auch die Sonette, die bis heute faszinieren, weil der Autor – zum Beispiel einer, der unter dem Namen Shakespeare veröffentliche – es geschafft hat, seine Gefühle, Leidenschaften, Sehnsüchte und Zweifel in 14 Zeilen zu packen. Mit Beachtung des Reimschemas, der Strophenordnung und des markanten thematischen Bruchs nach den ersten beiden Versen.

    Muss sich der Leser auch nicht merken. Darf er aber bemerken in guten Sonetten, die eben nicht nur stilistische Maßarbeit sind, sondern auch in der Lage, den Leser zu überraschen.

    Weil die jüngere Lyrikszene sich mit derlei Dingen kaum noch beschäftigt, begegnen auch Lyrikfreunde dem Sonett eher seltener. Außer, sie verirren sich auf Websites wie fulgura.de, wo Sonette und andere literarische Skurrilitäten gepflegt werden. Da stolpert er auch über ein paar Autoren, die sich zeitlebens mit dem Sonett als Möglichkeit der literarischen Finesse beschäftigt haben. Ältere zumeist.

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    Er trifft sie auch in diesem Büchlein, das sich einer kleinen Anzettelei aus dem Jahr 1995 widmet. So etwas zettelt freilich nur an, wer so eine seltene Spezies wie das Sonett mag. Etwa einer wie Herbert Laschet Toussaint (HEL, heute 55), der 1995 eine Vortragsreihe zum Sonett startete. Und Kollege Lothar Klünner (80) schrieb ein Sonett darüber, das sowas gar nicht mehr ginge. Und Klaus M. Rarisch (76) antwortete mit einem Sonett, das wieder ein Sonett herausforderte – und am Ende beschlossen Klünner und Rarisch einander ein Frühjahr lang mit Sonetten, in denen es auch heftig zur Sache ging, weil echte Sonettisten natürlich sofort sehen, wenn andere zwar so tun, als könnten sie Sonette schreiben – aber die strengen Regeln nicht einhalten.

    Zwischenbemerkung: Nach den strengen Regeln der Sonett-Kunst sind einige der schönsten Sonette der Weltliteratur auch keine Sonette.

    Was gar nichts macht, auch wenn die beiden in diesem Sonett-Dialog, den sie Tenzone nennen, einander fast die Köpfe abzureißen scheinen. Wobei augenscheinlich auch die „Tenzone“ nicht ganz hinhaut, denn anfangs geben sie sich gar nicht die Mühe, die Endverse ihres Kontrahenten aufzugreifen, um damit ihr eigenes Sonett zu beginnen.Ja, auch die Tenzone ist streng definiert. Die Coda nicht, heißt ja auch einfach „Schwanz“. In diesem Fall eine Art Nachtrag mit weiteren Sonetten zum Sonettenstreit von Klünner und Rarisch, in dem sich weitere hochkarätige Dichter der strengen Form widmen, sich instrumental einmischen, eigene Motive formulieren und – natürlich die Sonettform kräftig demontieren.

    Im Sommer 1995 fand dieses lustige Treiben unter hochbegabten deutschen Dichtern dann ein versöhnliches Ende, Lothar Klünner schrieb ein kleines Postscriptum, zu dem Rarisch noch einen kleinen Aufsatz gesetzt hat, der die Poetik des Sonetts einmal aus der Sicht des erfahrenen Meisters schildert. Womit dann auch der Leser dieses kleines Buches, das den hieb- und stichfesten Sonett-Streit von 1995 gedruckt bietet, erfährt, wie schwer es eigentlich sein sollte, ein richtiges Sonett zu schreiben.

    Zwischenbemerkung: Gute Sonette sind – siehe oben – leichter. Der Autor muss sich nicht in die perfekte Form prügeln, sondern darf damit spielen.

    Womit man eigentlich beim wirklichen Spaß dieses Büchleins ist, das eben gerade durch das Streithafte zeigt, wie sehr Lyrik vom Spiel und von der Abweichung von der Norm lebt.

    Das aber – nächste Zwischenbemerkung – ist dann wieder schwer. Was besonders die jüngeren Dichter im Land zumeist noch nicht wissen. Denn sie wollen gern zum guten Ergebnis kommen, ohne die schwierige Zwischenphase. Man hat es einfach eilig. Das Ergebnis ist dementsprechend – zumeist flach.

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    Hieb- und Stichfest
    Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al., Reinecke & Voß, 8,00 Euro

    Kann zwar eine berühmte Zeitung für sich als Werbespruch formulieren: „Guter Journalismus darf auch mal flach sein.“ Aber in der Literatur gilt das nicht. Wirklich nicht. Zwar ist 90 Prozent dessen, was gedruckt wird, flach. Entsprechend kurz ist auch die Halbwertszeit. In der Eile liegt die Oberflächlichkeit. Für das, was Bestand hat und auch noch nach 100, 500 oder 2.000 Jahren anrührt, haben sie sich immer geschunden, die Literaten. Nur dann und wann haben sie sich eine Spielzeit genommen und einander mit geschliffenen Versen attackiert. Wie die hier versammelten sieben Autorinnen und Autoren 1995. Das ist auch schon wieder lange her. Aber man merkt es den Texten nicht an. Man merkt es erst, wenn man die kleinen Biographien im Anhang liest.

    www.fulgura.de

    www.reinecke-voss.de

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