Auch "Jenseits der Dunkelwelt" ist ein Titel, der - wie so mancher gewagte Titel im fhl Verlag - den Leser verwirrt. Steigt der kleine feine Handlektüreverlag aus Leipzig nun gar auf Horror und Gothic Novel um? Werden wir bald Aleister Crowley und den Gespenstern des Hauses Usher begegnen? - Dabei geht alles los wie eine misslungene Gaunernovelle.

Karl Sandhauser arbeitet als Systemadministrator bei einer Bank, sein Blondinchen sitzt zu Hause und erzieht die hochbegabten Kinder. Karl verdient gut, aber nicht genug. Das Geld reicht nicht wirklich, um alle Wünsche seiner Familie zu erfüllen. Er lebt wie ein Hamster im Laufrad und hat für seinen eigenen Traum keine Zeit: Er will einen großen Bestseller schreiben.

Sein Weibchen – Viktoria heißt die Emanze der ganz speziellen Eigenheimart – weiß zwar, dass Schreiben seine Leidenschaft ist, freut sich auch für ihn, wenn er mal was schafft am Computer. Aber Zeit hat er trotzdem keine, sich mal in Ruhe hinzusetzen und zu schreiben. Fünf Jahre plant er dafür ein. Die könnte ihm ein gelungener Raubüberfall verschaffen. Man sieht: Karl kommt auf seltsame Gedanken, zieht sie dann auch mit der Perfektion eines Systemadministrators durch. Und es kommt dann doch anders als gedacht. Bis dahin könnte das eine sauber gedachte Räuber-Comedy werden. Denkbar selbst als Vorweihnachtsfilm im ZDF. Mit viel künstlichem Schnee und am Ende einer glücklichen Familie im Eigenheim. Nur dass oben im Zimmerchen, wenn sich alle “Gute Nacht” wünschen, nicht John Boy sitzt (“Gute Nacht, John Boy!”), sondern Karl …Wäre also ein hübsches Märchen für Mädchen geworden. Aber es steckt mehr drin. Denn wirklich will ja A. C. Schyboll da gar nicht hin. Ein Thema drängt sie viel mehr und wird dem Leser auch in langen Analysen und Betrachtungen nahe gebracht: Wie kommt der Mensch eigentlich an so einen Punkt? Bloß weil er ein Buch schreiben will? – Mit fast ärztlicher Genauigkeit erkundet Schyboll das, worunter der Held dieser obskuren Geschichte leidet. Denn dass er sich so jagen lässt, hat mit Liebe zu tun. Er liebt seine Viktoria und seine Kinder. Er würde alles für sie tun und weiß, dass er dem nur genügen kann, wenn er das Geld heranschafft. Das ist die Triebkraft unserer Gesellschaft. Ihre Hamster sind angefüllt mit den überbordenden Wünschen nach Erfolg, Besitz, Karriere. Wer nicht mithält, wer sich bescheidet, der ist nicht ehrgeizig genug. Die Wünsche sind immer größer als das Einkommen.

Seinem hübschen Frauchen Viktoria sind zwar auch ein paar Seiten gewidmet, auf denen sie erklären darf, was sie von Frauen hält, die in einem Beruf eine Bestätigung suchen. Was die Sache nicht besser macht. Ihr Karl muss jagen. Und als die Polizei ihm den Banküberfall nicht glauben will und er lediglich in der Klapsmühle landet, wäre das beinah seine Chance: Auf einmal ist er in jenem geschützten Raum, der ihm das Schreiben ermöglicht … Bis Viktoria dafür sorgt, dass er schleunigst entlassen wird. Was dann zwangsläufig den nächsten Plan erfordert, sich die benötigte Ruhe irgendwie zu organisieren.

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Das klingt nach Egon Olsen. Aber es ist wie ein kleines Alarmprogramm, das diesen Mann treibt, der sich nicht wohl fühlt mit der Jagd, seine Liebsten nicht enttäuschen will und trotzdem genau weiß: Diese Gesellschaft hat auch noch den letzten Rückzugsraum geflutet. Wirklich eine Chance, auch nur fünf Jahre Ruhe zu bekommen, sieht er nur im Knast … Werden sicher all jene, die tatsächlich hinter Gitter mussten, anders sehen. Aber auch diese Not gehört wohl dazu: Wohin geht einer, wenn er von der allgegenwärtigen Jagd einmal verschont sein will? Hat diese Gesellschaft überhaupt noch akzeptierte Rückzugsräume?

Da würde die zweite Geschichte stecken, eine echte Aussteigergeschichte, auf die auch alles zurollt, nachdem Karl kurzerhand – und wieder sauber durchgeplant – eine berühmte Sängerin entführt. Das Ganze drängt geradezu zu einem Road-Movie, in dem zwei Menschen den Ausstieg proben und den wilden Wind der Freiheit atmen. Stellenweise ist die Erzählung so dicht und atmosphärisch wie in den Romanen De Carlos. Die ja auch immer wieder von Fluchten erzählen aus einer völlig überdrehten Welt. Fluchten, die nicht immer gelingen. Denn der Zivilisationsmensch nimmt sich ja mit in die Wildnis, die ja bekanntlich auch längst nicht mehr das ist, was sie zu Coopers Zeiten mal war.Doch auch dahin wollte Schyboll nicht. Was schade ist. Weil genau das auf dem literarischen Angebot der Neuzeit fehlt. Es gibt zu viele Nicht-Fluchten, Immigrationen ins eigene Selbst, Mini-Dramen in Bürgerehen. Aber zu wenig Eskapismus. Zu wenig Mut, über die miesen Maßstäbe des üblichen Bürger-Ideals hinaus- und hinwegzudenken. Das wird leider bei viel zu vielen Autoren, wenn sie es denn versuchen, gleich esoterisch. Und auch Schyboll erwähnt nicht ohne Hintersinn ausgerechnet Castaneda, jenen von der New-Age-Bewegung so gern zitierten Autor, bei dem die Bewusstseinsänderung so wichtig ist.

Und so taucht hier – wie deus ex machina – am Ende auch noch ein dunkler Wanderer namens Miguel Angel auf, was wir jetzt einfach mal nicht übersetzen. Und natürlich taucht er genau an der Stelle aus der Dunkelheit auf, an der die beiden Flüchtenden am Lagerfeuer über Castaneda reden. Und so endet es dann auch. Oder endet es nicht. Denn Karl, den man am Ende nicht nur versteht, sondern dem man auch eine wirklich geglückte Flucht aus dem falschen Leben wünscht, steht nun erst recht ratlos da. So, wie man als Leser zumeist über Castaneda-Texten sitzt und nicht weiß: War das jetzt ernst gemeint oder ist es eine gewollte Irritation? Hervorgerufen durch zu starken Tee oder das eine oder andere Pilzchen?

Ein esoterisches Ende. Was dann irgendwie den Titel des Ganzen erklärt. Aber irgendwie will das Gefühl nicht weichen, dass eine Road-Story mit dem Titel “Karls Flucht” die spannendere Variante gewesen wäre. Selbst wenn Karl dabei in Ken Keseys “Kuckucksnest” gelandet wäre. Denn irgendwie will sich auch 40 Jahre nach New Age die Gewissheit nicht einstellen, dass Fluchten ins Jenseits der Dunkelwelt echte Fluchten sind.

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Jenseits der Dunkelwelt
A. Christine Schyboll, fhl Verlag 2012, 12,95 Euro

Auch nicht nach all dem, was sich Karl die ganze Zeit gedacht und überlegt hat. Aber vielleicht wünscht man sich das als Leser nur, dass mal zwei mit Mumm unterwegs sind und auch am Ende der Reise noch sagen: Ihr könnt uns mal. Denn dieses Ende hier ist auch ein fatalistisches, eines ganz so, wie es Jacques befürchten würde: Dies hier ist die beste aller Welten. Und zur Strafe, Karl, musst du wieder da hin zurück, wo du her kommst. “Verzweifelt schlug er mit seinen Fäusten auf die festgestampfte Erde, ließ seiner Traurigkeit freien Lauf und sank schluchzend in sich zusammen.”

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