Was ist wichtig? Das fragte sich der Leipziger Journalist Oliver Schröter schon, als er den Band "111 Orte in Leipzig, die man gesehen haben muss" zusammentrug. Schon da passte nicht alles rein, was man sich so vielleicht denken könnte als Leipziger. Und was bleibt übrig, wenn man Leipzig und Dresden aus Sachsen wegdenkt? Schröter selbst fallen, wie er im Vorwort erklärt, locker 200 Orte ein, die in ein solches Buch gehören.

Immerhin gibt es auch schon einen Band mit “111 Orte in Dresden …” 800 sächsische Schlösser und Burgen allein würden das Buch schon sprengen. Dazu kommen eindrucksvolle Industriedenkmale, Dutzende kleinerer und mittlerer Städte, die ihre mittelalterliche oder barocke Schönheit bis heute bewahrt haben, ausgefallene Museen, Naturwunder wie das Elbsandsteingebirge.

Natürlich ist so ein Band ideal dazu geeignet, einmal abzuweichen von den üblichen Touristenpfaden, wieder zu zeigen, dass die Landschaften, die da von der Politik so kläglich preisgegeben werden, tatsächlich noch immer reiche Landschaften sind, eindrucksvolle Städte, in die heute sogar noch ein paar Züge fahren. Manche aufs engste verbunden mit weltberühmten Sachsen – so wie Radebeul mit Karl May und Annaberg-Buchholz mit Adam Ries. Was das betrifft, vermisst man eigentlich nur noch Kamenz. Aber bis zu Lessing hat es Schröter dann doch nicht mehr geschafft.Mehrere Karten im Anhang zeigen, was er alles in seiner Recherche unterbringen konnte. Das reicht von Plauen bis Torgau, von Görlitz bis Zwickau. Immer wieder mischt er – zwischen die großen Sensationen wie dem Frohnauer Hammer oder dem Fürst-Pückler-Park – die kleinen Dinge, die es zu entdecken gilt. Auch für die Sachsen selbst, die längst nicht mehr so reiselustig sind in eigenen Landen, seit ihnen die weite Welt bis Hawaii wieder offen steht. Manches freilich kann man auch erst besuchen (ohne drin bleiben zu müssen), seit die Welt wieder offen ist – die Gedenkstätte Bautzen etwa, den Stasi-Bunker bei Machern oder die Festung Sonnenschein in Pirna.

Anderes konnte erst entstehen, weil wieder kreatives Selbertun möglich war – wie die Kulturinsel Einsiedel. Anderes wieder zeugt von den tief greifenden Veränderungen der letzten Jahre – wie “das tietz” in Chemnitz oder Immendorfs “Elbquelle” in Riesa. Oder die Emmauskirche in Borna, die noch vor wenigen Jahren in Heuersdorf stand und dann in einem gewaltigen Kraftakt in die Kreisstadt versetzt wurde. Übrigens der einzige Punkt, an dem der Leipziger Südraum ins Bild rückt. Wenn man Schröter eines nicht vorwerfen kann, dann ist es, dass er die nähere Umgebung seiner Heimatstadt bevorteilt hätte.

Erst in Grimma ist er gleich mehrfach fündig geworden, in Torgau sowieso, wo die Geschichte sich mit der Elbbrücke, an der sich US-Amerikaner und Russen 1945 trafen, dem Schloss Hartenfels oder dem einstigen Jugendwerkhof gleich mehrfach trifft. Ein Knotenpunkt der sächsischen Geschichte – so wie Freiberg, Meißen und Bautzen auf ganz andere Art. Der sächsische Lebkuchenort Pulsnitz wird natürlich genauso wenig weggelassen wie das weltberühmte Herrnhut mit seinen unverwechselbaren Weihnachtssternen.

Wer nicht drin vorkommt, wird sich ärgern. Aber die großen Löcher lassen natürlich ahnen, wieviele Entdeckungs-Bücher man eigentlich zu Sachsen noch schreiben kann – und muss. Wohl eher Letzteres. Denn wenn das Zeitalter der sinnlos breiten und schnellen Autobahnen einem Denken weicht, das wieder gut vernetzte Regionen stärkt, dann wird sich auch die Art des Reisens wieder ändern. Dann strömen die Massen nicht mehr nur zu den wenigen, noch gut erreichbaren Hot Spots, dann wird auch das Fahren und Wandern in den stilleren Regionen wieder interessant.

So gesehen ist auch dieses Entdeckerbuch eine Anregung, einfach mal wieder abzuweichen von den üblichen Routen, sich auf die kleineren Schönheiten im Land einzulassen. Auf Pirna, Mockrehna oder die Weberhäuser in Plauen. Dass Leipzig am Ende doch noch mit drei Tipps hineingerutscht ist ins Buch, verblüfft eher. Da hat wohl doch nicht alles in die “111 Orte in Leipzig …” hineingepasst. Was dann wohl auch der Lohn des Autors ist, dass er beim Erkunden immer noch was Neues entdeckt. Es ist ein reiches Fleckchen Erde, dem man auch einen Wälzer “1001 Orte in Sachsen …” widmen kann. Und ist dann immer noch nicht durch.

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