Lessing, Leibniz, Münchhausen: Jede Menge Gründe für einen Besuch in Wolfenbüttel

Noch ein literarischer Stadtbesuch gefällig? Dann nichts wie rein in die Reisekluft und auf nach Wolfenbüttel. Hier sind es einmal nicht die Märchen, die neugierig machen, auch keine Märchen mit Wölfen drin. Dafür schlägt hier das Herz der Aufklärung. Begraben ist es im nahen Braunschweig, denn Lessing starb 52-jährig nicht an seinem Wirkungsort Wolfenbüttel, sondern in der nahen Residenzstadt.
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Wer ihm ein Gebinde spendieren will, kann also vor der Weiterfahrt nach Wolfenbüttel in Braunschweig einen Zwischenstopp auf dem Magnifriedhof einlegen. Und dann ab in den Zug. Zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel verkehrt er auf historischer Strecke. Denn hier wurde 1838 die erste deutsche Staatseisenbahn eingeweiht. Klingt mächtig gewaltig, war aber immerhin 12 Kilometer lang. Die erste „richtige“ Ferneisenbahn wurde ja bekanntlich erst ein Jahr später fertig zwischen Leipzig und Dresden. In Wolfenbüttel kommt man dafür an einem Bahnhof aus dem Jahr 1850 an, den die einstigen Residenzstädter inzwischen zum „Kulturbahnhof“ gemacht haben. Residenzstadt ist Wolfenbüttel seit 1753 nicht mehr. Damals zogen die Herzöge wieder zurück nach Braunschweig. 300 Jahre hatten sie es in Wolfenbüttel ausgehalten. Das sieht man der kleinen Stadt an der Oker bis heute an. Denn von Kriegszerstörung verschont, sind hier noch einige Schönheiten zu besichtigen, die sich die Braunschweiger Herzöge eins gönnten.Natürlich gehört das prächtige Residenzschloss mit Schlossmuseum dazu. So prächtig, dass es dem Betrachter gesagt werden muss, dass dahinter eigentlich der im Harzvorland übliche Fachwerkbau steckt. Holz war preiswert, Stein teuer. Und das herzogliche Schloss ist nicht das einzige, das von außen wie ein barocker Steinbau aussieht, hinter dessen Fassade sich das Fachwerk versteckt. Ein Prachtstück zum Bewundern ist natürlich auch die Herzog August Bibliothek, eine dieser fürstlichen Prachtbibliotheken, wie sie in Weimar die Anna Amalia Bibliothek ist. Der Bau, den man bewundern kann, stammt zwar von 1883/1887. Aber es ist trotzdem jene Bibliothek, in der einst der Dichter Gotthold Ephraim Lessing sein Auskommen fand. Als Bibliothekar. Nicht als Dichter. Wer allzu kritisch ist mit seiner Gänsefeder, der wird dafür nie fürstlich bezahlt. Aber als herzoglicher Hofbibliothekar von 1770 hatte Lessing nicht nur endlich die Muße, seinen berühmten „Nathan der Weise“ zu schreiben, er konnte sich auch endlich den Wunsch nach einer Familie erfüllen – auch wenn er seine geliebte Eva schon 1777 verlor.

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Wunderbarerweise überlebt hat das Gebäude, in dem er wohnte, einst für den herzoglichen Oberkammerdiener gebaut, heute Lessinghaus und natürlich zu besichtigen. Für den anderen weltberühmten Wolfenbütteler Bibliothekar freilich fehlen solche Erinnerungsstätten: Der in Leipzig geborene Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war von 1676 bis zu seinem Tod 1716 Bibliothekar in der herzoglichen Bibliothek. Aber sowohl die Bibliotheksrotunde, in der er und Lessing arbeiteten, als auch sein Wohnhaus sind verschwunden. Und während Lessing heute in Braunschweig begraben liegt, liegt Leibniz in Hannover.

Dafür nimmt die herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel heute ein ganzes Bibliotheksquartier ein. Dort findet man auch das Meißnerhaus, in dem Lessing mit seiner Eva einst „das glücklichste Jahr meines Lebens“ erlebt hat. Die wirklichen Liebesgeschichten sind meist viel verstörender als die ausgedachten. Was kann man da tun? – Weiterspazieren. Denn jetzt kommt das Wolfenbüttel der emsigen Einwohner in den Blick – mit den Krambuden und dem letzten Rest von „Klein Venedig“. Denn im 16. Jahrhundert hatten die Herzöge ihr Wolfenbüttel vom Niederländer Hans Vredemann de Vries mit lauter vom Wasser der Oker gespeisten Grachten durchstechen lassen. Die meisten wurden dann später wegen der Geruchsbelästigung wieder zugeschüttet. Aber da und dort kann man doch noch sehen, wie schnuckelig es ausschaut, wenn Fachwerkhäuser direkt an einem Kanal stehen. Man lernt den Stadtmarkt kennen mit dem eindrucksvollen Rathaus, das seine Herkunft als Mehrzweckbau für Rat, Zünfte, Gericht und Ratswaage nicht verleugnen kann.Davor steht ein Denkmal mit Seltenheitswert: ein Herzog mit Pferd. Nur dass er diesmal nicht kühn auf dem Ross reitet (wie der Goldene August in Dresden), sondern bescheiden daneben steht. Ein Friedensfürst, wie er im Buche steht. Julius heißt er. Er hat die berühmte Bibliothek gegründet.

In Wolfenbüttel begegnet man auch jenem Burschen wieder, der sich 1772 in Wetzlar aus Liebeskummer erschoss und damit zum Vorbild für Goethes „Werther“ wurde: Karl Wilhelm Jerusalem. Hier lebt er noch, denn hier wurde er als Sohn des Hofkaplans Jerusalem geboren, bevor er in Leipzig Jura studierte und sich dann aus lauter Liebeskummer selbst meuchelte. Und noch ein paar Schritte weiter, in der Kanzleistraße, trifft man einen gewissen Theodor Steinweg, einen der Begründer der New Yorker Klavierbauer-Dynastie Steinway & Sons.

Wer mag, kann sich auch mit den unterschiedlichen herzoglichen Siedlungsgründungen beschäftigen, die erst 1747 zur Stadt Wolfenbüttel zusammengefasst wurden. Auch ein bekannter Kräuterlikör zog von Wolfenbüttel hinaus in die Welt. Und Casanova war auch mal da – 1764 verunsicherte er die Wolfenbütteler Damenwelt. Und ein Autor darf nicht vergessen werden, der hier in Wolfenbüttel seine Laufbahn begann: Wilhelm Raabe. Genug der Literatur? – Denkste.

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Wolfenbüttel an einem Tag
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Am herzoglichen Hof diente auch mal ein Page, der später als „Lügenbaron“ Münchhausen zu Ruhm kommen sollte. Wobei zu diesem Ruhm natürlich ein Profi-Autor gebraucht wurde, der aus Münchhausens Geschichten erst einmal literarischen Stoff machte: Gottfried August Bürger. Aber den sucht man auf dem Wolfenbütteler Stadtrundgang vergeblich, der war nicht hier.

Dafür kann man von Wolfenbüttel aus romantische Kahnpartien auf der Oker machen oder mal schnell nach Schöppenstedt rüber fahren, wo ein gewisser Eulenspiegel geboren ward. Das alles steckt wieder in einem handlichen Heft mit 26 Stationen zum Beschauen, Stadtkarte und Stadtchronik sind dabei. Die beschauliche Kulisse der sanierten Altstadt gibt es quasi als Dreingabe.


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