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Ein Buch über das Schweigen der Gefühle und die Grausamkeit der Farbe Grau

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    Auch wenn groß "Grün" auf dem Umschlag steht, ist es kein Buch über eine farbenfrohe politische Bewegung. Aber um Farbe geht es tatsächlich. Und darum, wie wichtig Farbe in unserem Leben ist und wie sehr unsere Gefühle die Welt in Farben tauchen. Oder in Grau, die Nicht-Farbe unserer Alpträume. Das kennt jeder, wie die Welt ihre Farbe verliert, wenn wir seelisch in Not sind.

    Dazu hat der Einbuch-Verlag schon einige Bücher veröffentlicht, Debüt-Geschichten in der Regel, Manuskripte, die andere und größere Verlage schon lange nicht mehr bringen, weil sie nicht in die üblichen Erzählraster passen. Dass auf über 90 Prozent dessen, was sich auf den Präsentiertischen der Buchhandlungen stapelt, der Stempel „Verlogen und eingebildet“ stehen könnte, ist vielen Viellesern vielleicht noch unterschwellig bewusst. Sie kaufen das Zeug trotzdem, lesen die immer gleiche sahnige Brühe in immer neuen Varianten (auch den professoralen, die dann in Deutschland die Buchpreise bekommen) und haben vielleicht noch vage das Gefühl, dass eigentlich das Wichtigste unerzählt bleibt, das Leben, wie es die meisten selbst erleben. In aller Rauheit, Verworrenheit und Schärfe.

    Gibt es aber in Deutschland überhaupt noch Spannendes zu erzählen?

    Wenn sich Autoren trauen zu erzählen, dann schon. Jedes Leben ist ein Drama – auch wenn die meisten Leute alles dafür tun, diesem Drama zu entkommen, indem sie sich in eine Welt von Phrasen, Rüschen und Lügen einspinnen.

    Dabei sind auch die Dramen der Familie noch genauso präsent wie in fernsehlosen Vorzeiten. Väter verzweifeln an ihren Rollen, hadern mit alten Bildern vom Starksein, Mütter trauern den verpassten Chancen ihrer goldenen Jugend nach, fühlen sich unverwirklicht und von Haushalt und Kindern unterdrückt, Jugendliche rebellieren gegen den heimischen Ordnungs- und Kontrollwahn und sind trotzdem ratlos der eigenen Zukunft gegenüber. Der Alltag hält die Rituale am Laufen, in die sich alle zwängen, auch wenn sie – für sich allein – fluchen: Was für eine beschissene Familie.

    Und dabei war doch am Anfang alles so schön, so hochzeitlich und lebensfroh. Auch bei Nicole Weiligmann ist das so: Für Birgit und Joachim war ihr Leben anfangs auch mal eine Rebellion gegen strenge Eltern, die nicht loslassen wollten und die falschen Erwartungen hatten. Und noch immer haben. Wer das in seiner kleinen, so mühsam aufgebauten Partnerschaft erlebt, der weiß, was das für Dramen in die Beziehung bringt. Das glimmt vor sich hin und jeder Besuch bei den Alten wird zu einer Tragödie. Irgendwann lässt man das dann.

    Familie Götz lebt irgendwo in der Provinz. Wo, ist eigentlich egal. Wenn man nicht wüsste, dass Nicole Weiligmann in Münster geboren wurde und in München lebt, dann könnte man sich die Geschichte in Dessau genauso gut vorstellen wie in Erfurt, Neubrandenburg oder Hoyerswerda. Joachim ist Maler (und sucht seinen Ausgleich im Fitnesscenter), Birgit arbeitet im Supermarkt, Sohn Jonas geht noch zur Schule, hat aber keine Lust mehr dazu, Tochter Sofia hat (gegen den Willen der Eltern) Abitur gemacht und studiert Jura, weit weg natürlich in einer anderen Stadt. Und dann ist da noch Marie, das Nesthäkchen, der Nachkömmling, als Joachim und Birgit eigentlich keine Kinder mehr haben wollten. Damit hadern die beiden. Und lassen es das Kind auch spüren. Es ist jene grauenvolle Mischung aus Liebe und Verzweiflung, die viele Kinder kennenlernen, wenn ihre eigenen Eltern noch immer nicht erwachsen sind.

    Und das sind weder Joachim noch Birgit, auch wenn sie oft genug dasitzen und „völlig fertig“ sind mit sich und ihrem Leben. Und wenn ein Kind dann das Falsche sagt, gibt’s kurzerhand ein gebrülltes „Halt’s Maul“. Oder Joachim schlägt gleich zu.

    Und als es ihm wieder einmal passiert, hat das Folgen: Marie verliert ihre Stimme. Fortan schweigt sie und sucht ihren Trost draußen im Park bei den Bäumen. Und sie ist die Erste, die entdeckt, dass die Bäume im Frühjahr nicht grünen wollen. Die Blumen blühen nicht. Die Vögel singen nicht. Und so langsam kommt eine ganz seltsame Stimmung auf in dem Gebiet, in dem in diesem Jahr der Frühling ausbleibt. Und ziemlich bald ist klar: Die kleine Stadt mit der Familie Götz und der stummen Marie ist mittendrin in diesem Gebiet, das von den Politikern und Amtswaltern ganz schnell mit Argusaugen betrachtet wird. Und ziemlich schnell machen sie eine Sperrzone draus, riegeln es ab und planen die Vernichtung des gemutmaßten Krankheitskeims, der die Natur am Erwachen hindert.

    Logisch, dass das ziemlich schnell bürgerkriegsähnliche Zustände nach sich zieht. Man fühlt sich an die politischen Eskapaden der Gegenwart erinnert. Aber um die geht es eigentlich nicht, auch wenn Birgit und Joachim durch die Umstände gezwungen werden, über sich selbst, ihre Arbeit und ihr Verhältnis zueinander neu nachzudenken. Erst recht, als auch Jonas beginnt aufzubegehren. Gespickt ist der Text mit vielen kleinen Dialogen, bei denen man anfangs nicht so recht weiß, wer sich da eigentlich unterhält über das Glücklichsein, das Wichtigsein, das Bösesein, die Einsamkeit und die Angst. Am Ende weiß man es dann.

    Denn der Kern der Geschichte ist ja nicht – wie der Buchdeckel suggeriert – eine „fantastische Utopie“, auch nicht die ergraute, farblose Welt, die eigentlich das beste Zeug hätte, in eine dieser quälenden Dystopien von J. G. Ballard abzugleiten. Der Kern ist tatsächlich diese kleine Familie, die eigentlich festgefahren scheint in ihren Ängsten, Überforderungen, Wortlosigkeiten. Und da man bald spürt, dass diese Unfähigkeit, zu vertrauen und zu lieben, etwas zu tun haben muss mit der grauen Landschaft draußen, wird die Geschichte zu einem Spiel auf Hoffnung: Schaffen es die in ihrer Wortlosigkeit Eingesperrten, die Barrieren zu überwinden?

    Das ist ja die eigentliche Utopie, die die meisten Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, nie erleben. Eher enden solche Dramen in Entsetzen und neuen Verletzungen, die in die nächste Generation weitergegeben werden.

    Und einfach macht es die Autorin ihren Helden auch nicht. Sie verzagen, verzweifeln, haben Momente der  Nachdenklichkeit, werden dann aber doch wieder mitgerissen von den Zwängen des Tages.

    Eigentlich ist es erst die Ausnahmesituation, die sie zu Veränderungen zwingt, zum Innehalten und Überprüfen der eigenen Gefühle. Was die meisten Menschen in der Regel nicht tun, wenn sie glauben, fertig zu sein, will heißen: erwachsen. Was ja für Viele meist nur bedeutet, „keine Zeit“ mehr zu haben – für sich, ihre Träume, ihre Kinder, ihre Nächsten. Natürlich ist die Fabel auch ein wenig Erlösung, so, wie sich Menschen gern Erlösung wünschen aus einem festgefahrenen und schiefgelaufenen Leben. Aber Erlösung passiert nicht „von oben“. Die muss man sich schon selbst erarbeiten, wieder sehen, fühlen und verstehen lernen.

    Und natürlich ist genau so etwas gemeint, wenn in der Bibel was zur Nächstenliebe steht. Man kann den Nächsten oder Übernächsten nicht lieben, wenn man sich selbst nicht versteht und achtet. Ist das nun eine christliche Geschichte? – Eigentlich nicht. Eine allzumenschliche eher, eine, die zu Herzen geht, weil man sich als Leser eigentlich mit Marie identifiziert und ahnt, warum sie nicht mehr sprechen kann. Und auch, warum sie nicht die Erste sein wird, die wieder sprechen darf. Zuerst müssen andere ihre Stimme finden. Und das ist schwer. Denn die Welt, die Nicole Weiligmann hier beschreibt, ist ja nicht so, dass das ein akzeptiertes Sprechen wäre. Es ist eine sehr vertraute Welt. Und man versteht nur zu gut, warum junge Menschen in so einer Welt nicht mehr leben möchten und fliehen. Ins eigene Zimmer, wo sie die Musik bis zum Anschlag aufdrehen, oder weit, weit weg zum Studium.

    Das Dumme ist nur: Die Menschen, die so verlernt haben, mit ihrer eigenen Stimme zu sprechen, die würden solche Bücher nicht lesen. Höchstens die dicken Liebesromane, die auch Birgit im Bett liest, bis sie irgendwann merkt, dass diese falschen Geschichten sie eigentlich anöden.

    Es gibt eine Menge Menschen, die nicht einmal mehr merken, dass es in ihrer Welt keinen Frühling mehr gibt und die Grün und Vögel und Bäume (und Eisvögel) für Quatsch halten. „Mumpitz“, wie es der graue Ebeneezer Scrooge so gern formulierte. Und sie merken auch nicht, was passiert, wenn sie keine eigene Stimme mehr haben, und was sie damit ihren Nächsten und Übernächsten antun.

    In diesem Buch ist es zwangsläufig Marie, die zum Katalysator wird. Und deswegen steht da auch das Wort Utopie. Denn in der richtigen Welt passiert das eher selten, dass die Sprachlosigkeit der Kinder die Eltern zum Nachdenken bringt. Man freut sich über den Ausgang der Geschichte, weiß hinterher aber erst richtig, dass das Grau im Leben vieler Menschen doch regiert und klebt und Gefühle macht, die niemand aushalten kann, der noch ein paar Träume hat im Leben.

    Nicole Weiligmann „Grün“, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,40 Euro.

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