Nicht nur am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften beschäftigt man sich mit der Frage, wie Kinder lernen. Auch am Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung der Uni Leipzig ist das ein zentrales Thema. Denn so langsam hat sich ja herumgesprochen, dass Menschen vor allem durch einen Prozess lernen: Sie beobachten ihre Umgebung. Da lernen sie dann all das, was ihnen andere vormachen. Denn das kindliche Bedürfnis, alles richtig zu machen, ist ja riesengroß.

Nur haben Generationen von Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern völlig unterschätzt, welche Rolle dieses Beobachten und dieses Abgucken spielen. Und wer die ganzen PISA-Prozesse und die damit zusammenhängenden Bildungsreformen beobachtet, sieht, dass derzeit Leute das Sagen haben, die davon erst recht keine Ahnung haben. Sie leben alle in der Lern-Baustein-Welt, die kindliche Köpfe als Steckbaukasten betrachtet, in den nur die richtigen Module eingestöpselt werden müssen.

Oder mal so zugespitzt: Sie betrachten Kinder schon lange als Roboter, die nur richtig programmiert werden müssen. Eigentlich würde man schon längst geharnischte Protestnoten aus sämtlichen pädagogischen Instituten erwarten.

Aber vielleicht traut man sich ja nicht. Denn die Geldgeber denken ja so: Menschen sind programmierbare Roboter.

Aber: Kinder lernen, indem sie ihre Umwelt beobachten. Sie stehen vor der enormen Aufgabe, sich in die spezifischen sozialen und ökologischen Gegebenheiten vor Ort einzufügen. Was kann ich essen? Wie muss ich sprechen? Wie muss ich mich verhalten?

Eine von mehreren parallelen Lern-Strategien ist es, sich an der Mehrheit zu orientieren. Wissenschaftler der Universität Leipzig haben jetzt untersucht, inwieweit sich Kinder verschiedener Kulturen im Laufe ihrer Entwicklung ihre Welt durch diese Art des Lernens, also durch das Abschauen bei der Mehrheit, erschließen. Ihre Erkenntnisse haben sie jetzt in dem renommierten Online-Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.

Das Team um Prof. Dr. Daniel Haun vom Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung hat dabei zwei Hauptaspekte der sozialen Informationsnutzung gemessen: das Grundvertrauen in die sozialen Umgebungsinformationen und die Einflüsse der Mehrheit.

Es ist der alte Spannungsbogen zwischen zumeist familiär prägendem Umfeld (Vertrauen) und dem für die Kinder zunehmend wahrnehmbaren Erwartungsschema der Gesellschaft, in der sie leben. Und je älter sie werden, umso mehr orientieren sie sich ja an den Mustern der Gesellschaft, werden von außerfamiliären Einflüssen geprägt. Oft zur Verzweiflung der Eltern.

Inwiefern soziales Lernen bei Kindern über kulturelle Kontexte hinweg stabil oder aber kontextabhängig ist, untersuchten die Forscher bei Kindern aus sieben verschiedenen Kulturen.

Was wurde in der Studie gemacht?

Erhoben wurde die Entwicklung der sozialen Informationsnutzung bei insgesamt 605 Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren. Dabei erhielten Kinder aus Brasilien, Deutschland, Indonesien, Kenia, Namibia, Sambia und der Zentralafrikanischen Republik eine standardisierte Lernaufgabe.

Die Studie zeige, teilt nun die Uni Leipzig mit: „Das Ausmaß, in dem sich Kinder auf soziale Informationen verlassen, hängt von ihrem kulturellen Hintergrund ab. Die Stärke der Orientierung an der Mehrheit variiert ebenfalls interkulturell. Die Forschungsergebnisse zeigen neben der Vielfalt im Bereich des menschlichen sozialen Lernens, aber auch kulturelle Kontinuität. Die Studie deutet außerdem darauf hin, dass die Mehrheitsorientierung eine der Grundfesten menschlichen sozialen Lernens ist.“

Nicht ganz.

Die Studie ist viel besser, sie zeigt nämlich, dass Kinder auch beim sozialen Lernen unterschiedliche Strategien verfolgen. Sie lernen ja dazu. Und während sie in den frühen Jahren vor allem durch vertrauensvolle Interaktion mit ihren nächsten Angehörigen lernen, kommt im Lauf der Jahre immer öfter ein Programm von „trial and error“ zum Tragen. Sie beginnen, andere Menschen und ihre Verhaltensweisen zu imitieren und sich in verschiedene gesellschaftliche Rollen einzuüben.

Und dabei spielt augenscheinlich ein gewisses Kosten-Nutzen-Denken eine Rolle: Es verstärken sich jene Verhaltensweisen, die ohne vermehrte Anstrengungen (Kosten) ein erhöhtes gesellschaftliches Benefit ergeben – also Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft oder die Peergroup, zu der das Kind gern gehören möchte.

Und dann ist das Ergebnis fast einleuchtend.

„In manchen Gesellschaften verlassen sich Kinder mit dem Alter immer stärker auf soziale Vorbilder, das heißt gleichaltrige Kinder, in anderen nimmt deren Einfluss mit dem Alter ab“, sagt Prof. Dr. Daniel Haun. Der Einfluss der Mehrheit unterscheide sich zwar von Ort zu Ort, aber der Entwicklungsverlauf der Mehrheitsorientierung sei auf der ganzen Welt scheinbar gleich.

„Während sich Kinder in jungen Jahren von 4 bis 6 und die älteren Kinder in unserer Stichprobe von 10 bis 14 relativ stark an der Mehrheit orientieren, berücksichtigen Kinder im Alter von 7 bis 9 die Mehrheit wesentlich seltener als jüngere und ältere Kinder ihrer Gemeinschaft. Warum das so ist, ist noch nicht klar.“

Da gibt es also noch was zu erforschen.

Zum Beispiel verlassen sich deutsche Kinder zwischen 4 und 14 Jahren mit zunehmendem Alter immer weniger auf das soziale Lernen.

„Dies trifft nicht auf Kinder aus allen Gesellschaften zu“, erläutert Haun. „Dennoch zeigen auch die deutschen Kinder den scheinbar universalen Entwicklungsverlauf, dass sich die jüngsten und ältesten Kinder am stärksten nach der Mehrheit orientieren.“

Außerhalb dieses geteilten Entwicklungsverlaufes verhalten sich Kinder in den verschiedenen Gesellschaften ausgesprochen unterschiedlich. „Wenn man die Kinder einer Altersgruppe in den verschiedenen Gesellschaften ansieht, zeigen sich in der Regel große Unterschiede in der Nutzung der sozialen Information und in der Mehrheitsorientierung.“

Ein Blick in die Studie zeigt, dass die Forscher hier vor allem den unterschiedlichen ökonomischen Standard in den untersuchten Ländern als Ursache vermuten. Man darf nicht vergessen: Wir haben es hier mit Kindern zu tun, die schon in die Welt der „social media“ und all der Unterhaltungsspielzeuge bis hin zum Fernsehen hineingeboren wurden, die die Mehrheitsorientierung der Kinder immer stärker prägen und deformieren. Es erziehen also immer mehr diverse Medien mit, die die Kinder schon von klein auf konsumieren.

Gibt es noch Hoffnung?

Aber die Forscher wissen es ja: Gerade die deutschen Kinder der Stichprobe sind im Alter von 4 bis 6 in einer Entwicklungsphase, die von einer starken Prägung durch ihre Umgebung ausgezeichnet wird. Hier lernen sie durch Beobachten, Erkunden und Ausprobieren ihre wichtigsten gesellschaftlichen Verhaltensweisen – und zwar an den Menschen, mit denen sie jeden Tag zu tun haben.

„Das heißt, dass sich jetzt viele der Vorlieben und Eigenschaften des sozialen Umfeldes auf die Kinder übertragen“, erklärt Haun. „Wir sollten uns also der Verantwortung bewusst sein, ihnen gerade in dieser Entwicklungsphase ein Umfeld voller guter Vorbilder zu bieten.“

Aber genauso sei es wichtig, in einer zunehmend kulturell diversen Gesellschaft, Gleichberechtigung nicht mit Gleichheit zu verwechseln, wird die Universität gar moralisch.

„Kinder, die in unterschiedlichen sozialen Gefügen aufgewachsen sind, haben im Zweifelsfall sehr unterschiedliche Erwartungen und Strategien in sozialen Interaktionen und vor allem auch in Lehr- und Lernsituationen“, sagt Haun. „Es ist wichtig, diese Variationen kindlicher Erwartungen in unseren frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu berücksichtigen und zu lernen, sie zu allerseitigem Vorteil zu nutzen.“

Aber es geht gar nicht um den abstrakten Begriff von Gleichheit. Denn die Studie stellt sehr schön fest, dass Kinder in dem Alter eben nicht nur lernen, wie man Teil der größeren Gruppe wird und Anerkennung findet, sondern auch, wie man Differenzen wahrnimmt. Und vor allem: Wie die Gesellschaft mit Differenzen umgeht. Wofür besonders die us-amerikanischen Teile der Studie interessant sind, die belegen, dass Kinder sehr wohl lernen, welches gesellschaftliche Verhalten belohnt oder toleriert wird. Und welches mit Anerkennungsentzug bestraft wird.

Wenn die Kinder dann in der Pubertät sind, ist eh Hopfen und Malz verloren. Dann sind die Muster von Bestrafung und Ausgrenzung längst fest eingespeichert. Gerade die Vorschulzeit ist also ein sehr sensibler Zeitabschnitt, in dem wichtige Weichen gestellt werden für die gesellschaftliche Selbst-Verortung des Kindes.

Und augenscheinlich spielt dabei der kulturelle bzw. ökonomische Hintergrund eine wesentliche Rolle. Was dann den Unterschied zwischen den verschiedenen Ländern erklärt.

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