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Wie sich die großen Medienkonzerne den Zugriff auf die Meinungsmacht sichern

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    Der Prozess, der die Medienlandschaft in der Bundesrepublik immer mehr zum faden Brei macht und Kreativen die simple Lebensgrundlage entzieht, hat mit dem großen deutschen Geld zu tun und den Verschiebungen in der Landschaft, die mit dem Wachsen einiger weniger, milliardenschwerer Medienkonzerne einher ging. Allen voran der Bertelsmann-Konzern, der nicht nur im Film und TV mitmischt, sondern auch im Verlagsgeschäft und in der Presse.

    Allein 500 Medienmarken hält die Verlagstochter Gruner + Jahr. Druckereien und IT-Dienstleistungen gehören ebenso zum Konzerngeschäft – darunter die jüngst glücklich in Leipzig gelandete Arvato, die die einstige SWL-Tochter Perdata gekauft hat.

    Wer Gruner + Jahr im Pressekiosk sucht, findet diese Bertelsmanntochter im Stern, in Geo, Gala, Brigitte. Aber auch in der Sächsischen Zeitung. Über 10 Milliarden Euro setzt allein Gruner + Jahr um. Marktmacht nennt man das. Aber warum sollte die im gedruckten Buch aufhören? Etwa gar im Riesen-Verlags-Konglomerat Penguin Random House, zu dem über 250 Verlage gehören mit einem Jahresgesamtumsatz von über 11 Milliarden Euro. Wenn die Buchhandlungen in Deutschland heute so aussehen, wie sie aussehen – mit riesigen Titelstapeln im Eingangsbereich mit immer wieder derselben erzählerischen Grundmelange, dann hat das auch mit Bertelsmann zu tun und seiner Macht, die Titel in den Verkauf zu drücken, die man in Massen verkaufen will.

    Ein Feld, dem Nicole Joens begegnete, als sie 2010 begann, sich auch als freie Buchautorin umzutun. Und sich zu fragen, warum – nach anfänglicher Euphorie – sich auch der Buchmarkt als ein ganz ähnlich verbogenes Metier entpuppte, wie es der Markt der freien Anbieter beim Rundfunk schon lange war. Versuchte sie hier nicht in einer Welt Fuß zu fassen, die auf den ersten Blick weniger korrumpiert war, weil hier der ÖRR eben kein Monopol hat zu entscheiden, wer produzieren darf und wer nicht?

    Dass aber die Vielzahl der kleinen Verlage genauso am Hungertuch nagt, wie es die im Preis gedrückten freien Mitarbeiter der Rundfunkanstalten oft tun, ist das eigentliche Phänomen auf einem Buchmarkt, auf dem die Werbebudgets und die ausgehandelten Kontrakte der Großen bestimmen, welche Bücher tatsächlich zu Bestsellern werden und damit die Kassen klingeln lassen. Und weil Geldverdienen ein paar einfache Regeln hat, bezweifelt Nicole Joens wohl zu recht, dass auf dem deutschen Buchmarkt Qualität wirklich eine Chance hat. Das Beispiel, das ihr während der Arbeit an diesem Buch unterkam, war just auch ein Bertelsmann-Titel, eingekauft für teuer Geld und mit Millionen in den Markt gedrückt: die Trilogie „Fifty Shades of Grey“.

    Und da sie als Autorin auch weiß, dass zumindest frühere Bundesregierungen mal wussten, dass Künstler Unterstützung brauchen gerade da, wo es um die Verwertung ihrer Urheberrechte geht, hat sie sich auch ein bisschen mit den deutschen Verwertungsgesellschaften beschäftigt. „Wer verwertet hier wen“ heißt das Kapitel, bei dem sie – nach dem ÖRR nun schon wieder – in einer Welt von Gesellschaften landet, die zwar das Recht bekommen haben, Pauschalabgaben von allen in Deutschland verkauften Speichermedien einzusammeln – nur erwies sich im Lauf der Recherche weder die zentrale Einsammelstelle, die Zentrale für private Überspielungsrechte (ZPÜ), noch eine Verwertungsgesellschaft wie die VG Wort als transparent. Da werden zwar Millionen eingesammelt, werden aufgeblähte Verwaltungsapparate bezahlt mit hoch bezahlten Geschäftsführern und völlig überforderten Pressestellen. Aber wieviel Geld tatsächlich an die Künstler, denen es zusteht, ausgeschüttet wird und wieviel Geld ihnen tatsächlich auch zusteht, ist nicht herauszufinden.

    Und das eigentlich zur Kontrolle eingesetzte Deutsche Patent- und Markenamt hat entweder nicht die Ressourcen oder keine Lust, den ganzen Laden zu kontrollieren. Das Ergebnis: Auch hier werden mit höchster Wahrscheinlichkeit Gelder, die eigentlich den Kreativen im Land zustehen, in teuren Apparaten versenkt. Niemand kontrolliert. Das Tor für Korruption ist sperrangelweit geöffnet.

    Mit der Filmförderlandschaft geht es weiter. Und es hört auch nicht bei den großen „Bollwerken der Demokratie“ auf, die das Publikum in letzter Zeit ja nur noch durch wilde Personal-Rochaden unterhalten. Und durch mehr als seltsame Personalien, die auf einmal Haudegen aus Boulevard-Blättern und Hauspostillen zu den neuen Stars in den einst seriösen Nachrichtenmagazinen gemacht haben. Auch beim „Spiegel“, der immer öfter auch ins Kreuzfeuer seiner Leser gerät, die ja nun wirklich nicht die Blöden im Land sind und von früher her wissen, was Nachrichtenqualität ist. Und die nachlesbar wütend auf Beiträge reagieren, in denen eine völlig andere Weltsicht auftaucht, als sie einst einmal Rudolf Augstein geprägt hatte. Was kein Zufall ist, denn auch beim „Spiegel“ sitzt Gruner + Jahr mit im Boot.

    Geld macht nicht nur Politik im Land, es verändert auch die Medienlandschaft in seinem Sinne, sorgt dafür, dass sich die Schwerpunkte von Journalismus verlagern, Meinungen ausgefiltert werden. Das Ergebnis: Eine geradezu fade und gleichförmige Meinungsmelange in fast allen großen Blättern der Nation, Chefredakteure, die mit unübersehbarer Ignoranz Weltbilder verkünden, die mit dem realen Erleben der Leser nichts mehr zu tun haben. Die aber verraten, in welcher Welt diese hoch bezahlten Leute zu Hause sind – und wem sie zu Munde schreiben.

    Wess‘ Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing.

    Da hatte Nicole Joens nun gehofft, aus der ärgerlichen Amigo-Welt des ÖRR einfach heraustreten zu können. Stattdessen findet sie andere Medienwelten vor, in denen es fast genauso zugeht, in denen die Kreativen kurzgehalten (oder gleich ganz rausgeschmissen) werden, Inhalte regelrecht gekauft werden und damit auch Meinungen gemacht werden. Denn wirkmächtig sind die Platzhirsche ja, wenn sie bestimmen, was die Endnutzer tatsächlich zu sehen bekommen und welche Botschaften der Stoff vermittelt. Ob das nun die Heile-Welt-Geschichten aus dem Vorabend-Programm sind (mit ihrem geradezu himmelschreiend urtümlichen und verachtenden Frauenbild), ob das die Gewaltorgien in diversen Dauer-Krimi-Schleifen sind oder die systematische Heroisierung der jüngeren deutschen Vergangenheit (als Blockbuster gern produziert in den Filmstudios des Bertelsmann-Imperiums). Oder ob es die von „Experten“ zelebrierten Weltsichten in TV oder Print sind, die Tag für Tag nicht müßig werden, Griechen, Ukrainern und anderen Unmündigen zu erklären, dass sie dem Diktat der Märkte oder der Troika bitteschön zu gehorchen haben.

    Nicole Joens hat sich mit diesem Buch viel vorgenommen. Aber gerade weil sie in verschiedenen Medienwelten einmal genauer hingeschaut hat, wird auch deutlich, dass nicht nur der (eigentlich  unabhängig gedachte) Öffentlich-Rechtliche Rundfunk unter Amigo-Seilschaften, möglicher Misswirtschaft und einem wachsenden Einfluss privater Medienkonzerne leidet (und einen tatsächlich völlig unsinnigen Quotenwettlauf mit dem Privatfernsehen gestartet hat), sondern dass die unabhängige Medienlandschaft auch anderswo beschädigt, verzerrt und der Korruption preisgegeben ist. Mit dem für Kreative schlicht erschreckenden Fazit: Ihre Aufträge und Honorare verschwinden einfach in zunehmend undurchschaubaren Firmengeflechten und Kooperationsfilzen, ihre Lage wird zunehmend prekärer. Während die Kanäle gefüllt sind mit Mittelmaß, immer dem selben charakterlosen Schund, den selben falschen Welt- und Menschenbildern.

    Dafür, so Joens Fazit, dürfe eigentlich niemand zu einer Zwangsabgabe verdonnert werden. Damit erfüllt der ÖRR seinen Rundfunkauftrag nicht. Das können die Privaten besser. Der ÖRR gehört gründlich reformiert. Und sie macht im Buch einige Vorschläge dafür. Auch in der Hoffnung, dass der Unmut der Zuschauer so groß ist, das auch die Politik endlich umdenkt. Denn was verloren geht durch die derzeit gepflegte Amigo-Wirtschaft und die miefige Nähe zur hohen Politik, ist schlicht spannendes, kluges, kreatives Fernsehen – mit exzellenten Dokumentationen (die heute kaum noch eine Chance haben ins Programm zu kommen), jungen, lebensnahen Filmen oder auch mal Serien, die nicht das alte weltfremde Gedudel der 1950er Jahre in immer neuen Aufgüssen wiederholen.

    Jedes einzelne Thema lohnt sich, extra beleuchtet zu werden. Es ist an der Zeit. So eine Medienwelt, wie sie uns derzeit vorgesetzt wird von den Rundfunkanstalten und von den großen Privaten, hat dieses Land nicht verdient.

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