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Schwarwels neuer Film „1989. Unsere Heimat …“ oder warum der friedliche Herbst ohne Vorgeschichte keinen Sinn ergibt

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    Ein Film über 1989 kann doch nur ein Film über die Friedliche Revolution werden, oder? Über Friedensglanz auf den Gesichtern stolzer Revolutionäre, unterlegt mit salbungsvoller Zufriedenheit später Gewinner, die das Ganze am liebsten in ein vergoldetes Denkmal gießen würden. Aber wer am 9. November den neuen Film von Schwarwel im MDR-Programm gesehen hat oder kurz vorher im Zeitgeschichtlichen Forum, der weiß mittlerweile wieder: Vom Ende her erzählt funktioniert diese Geschichte nicht.

    Und auch aus der Perspektive der Sieger ist sie nicht wirklich erzählbar, auch wenn sie die Geschichtsbücher jetzt umschreiben, aussortieren und glätten, bis alles einen güldenen Glanz erhält. Es ist ein bisschen wie in Terry Pratchetts „Nachtwache“: Wer nicht dabei war, kann eigentlich nicht mitreden. Es ist so einfach. Trotzdem hält sich keiner dran. Die großen Reden halten Leute, die nicht dabei waren. Und die, die dabei waren, fühlen sich wie damals: fremd in einer Welt der Lautsprecher, Rechthaber und Besseren Revolutionäre.

    Da hilft auch alles Beschwören der 70.000 nicht. Sie sind kein Alibi. Für nichts. Da hilft auch keine Verklärung wie in einer ganzen Reihe von Büchern, die die Ereignisse von 1989 in fröhliche, gut verfilmbare Familienkomödien verwandeln.

    Schwarwel ist den L-IZ-Lesern ja schon seit einigen Jahren bestens bekannt durch seine Cartoons, die die Widersprüche des Tages pointiert ins Bild setzen. Manchmal staunt man, wie wenig der Bursche aus Leipzig braucht, um die Situation völlig umzukrempeln und die Puppenspieler sichtbar zu machen hinter den Kulissen und Masken der Gegenwart. Kann er doch. Ist er doch Profi, denkt man. Und ahnt doch zumindest, dass so eine Genauigkeit auch den besten Karikaturisten nicht in die Wiege gelegt ist.

    In „1989. Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ zeigt Schwarwel nun ein bisschen, woher das kommt. Und woher das bei ihm selbst kommt. Das ist die Vorgeschichte, die miterzählt werden muss. So lange, bis die großen alten Männer endlich einmal den Mund halten und aufhören, sich für mutiger zu halten als ihre Kinder und Enkel. Denn es stimmt zwar, dass der Herbst 1989 nicht denkbar ist ohne 1953, 1956, 1961 und 1968. Aber es stimmt nicht, dass die Helden dieser Jahrgänge auch die Helden des friedlichen Herbstes waren. Denn die da 1989 auf die Straßen gingen und in die Kirchen und auf den Ring, das waren die Kinder. Das waren die „im Sozialismus“ Aufgewachsenen, die im Grunde nichts anderes kannten. Und die allesamt erlebt hatten, wie dieses seltsame Land von Stalins Gnaden funktionierte.Und Schwarwel holt weit aus, zeigt in einer grimmigen Kürze, wie Deutschland erst geteilt und dann vermauert wurde, wie sich beide Länder und Systeme abriegelten und bewaffneten. Auch das vergisst man ja so gern, wenn heute in pastoralen Tönen über die eingesperrten „Brüder und Schwestern“ im Osten geschwafelt wird: dass hier zwei Großmächte aufeinander prallten und 40 Jahre lang ihren Kalten Krieg auf heißer Flamme kochten, hochgerüstet bis an die Zähne. Ohne diesen Grabenkrieg ist die lange betonierte Existenz der DDR nicht denkbar. Und auch nicht der Versuch, die Bürger zu „neuen Menschen“ umerziehen zu wollen.

    Auch das zeigt Schwarwel, der es ja selbst miterlebt hat. Es ist seine Geschichte, die er hier in Bilder setzt. Seine beiden Protagonisten werden als Kinder in diese Welt geworfen und erleben alles mit, all die Reifegrade, die für den „neuen Menschen“ vorgesehen waren – von der Einschulung über die ganzen Metamorphosen über Junge Pioniere, Thälmannpioniere, FDJler, alles gelenkt und geleitet von oben irgendwie, von gewaltigen Händen, die das Kind formen, einkleiden und dann die Köpfe füllen mit Phrasen, Bildern und Plaketten, dem ganzen Firlefanz der Anpassung und Staatstreue. Zu dem auch das zum Titel erkorene Pionierlied „Unsere Heimat“ von Hans Naumilkat zu zählen ist, das zum Liedrepertoire in den Schulen und bei den Appellen gehörte, während ja bekanntlich die Nationalhymne, Eislers „Auferstanden aus Ruinen“, am Ende nur noch aus Musik bestand, weil die Becherschen Strophen nicht mehr opportun waren.Beide Lieder rockig eingespielt als Untermalung. Der Film ist eine echte Team-Arbeit. Der Pop- und Gospelchor der Kirchgemeinde Holzhausen kommt genauso zum Einsatz wie Mikrowelle, Joey A. Vaising und Liam Meitsch. Es braucht ja auch eine helle, klare Stimme, die dieses herzergreifende „Meine Heimat“ singt. Zumindest der Versuch war ja da, den jungen Nachwuchs des Kommunismus emotional zu binden an ein wunderschönes Land. Dumm nur, dass es ummauert war, von hohen Betontürmen und kleinen finsteren Männern bewacht, die sofort in Aktion traten, wenn einer anfing, das in seinen Kopf Geschüttete zu sortieren, auszusortieren und zu hinterfragen. „Der vormundschaftliche Staat“ (Rolf Henrich) war überall. Und darum ging es ja: Der kleine Pawel Kortschagin saß im Kopf, jeder ein tapferer Timur.

    Es sieht zwar lustig aus, wie Schwarwels kleine Helden so gründlich abgefüllt werden als kleine sozialistische Staatsbürger. Aber Glück ist das nicht. Der Mensch ist kein passiver Staatsbürger, der einfach schluckt und funktioniert. Das merkten auch die Hager und Co. spätestens ab 1987, als die Welt im großen Sowjetreich in Bewegung kam – Abrüstungsvertrag, Glasnost, Perestroika. Und ein Betonkopf, der im „Stern“ vom Tapezieren schwadronierte, als wäre nicht ein ganzes Land längst in Unruhe versetzt. Weil die Unruhe auch über die Bildschirme flammte. Die Bilder kamen aus Polen, aus Peking, aus Leipzig. Es gibt zwar ein paar eindrucksvolle – und eindrucksvoll stille – Szenen von den Leipziger Herbstdemos in diesem Film. Aber sie erscheinen als das, was sie tatsächlich waren: als Finale einer langen und für die, die es erlebt haben, auch zermürbenden, beklemmenden und beängstigenden Zeit.

    Und als Schwarwels beide Helden am 9. Oktober die Goethestraße hinaufschleichen und sich zaghaft an den Händen fassen, wissen sie noch nicht, ob das alles gut ausgeht. Und die finster dreinschauenden Uniformierten an den Armeefahrzeugen wissen es auch noch nicht.

    Und am Ende hat man dieses Pionierlied im Ohr und fängt noch einmal an darüber nachzudenken, was eigentlich Heimat ist – und was andere Leute immer wieder damit anstellen, weil sie glauben, das Recht der Geschichte dazu zu haben. Und man sieht, woher dieser Mut kam 1989, der sehr viel mit Demut zu tun hatte. Denn den Meisten ging es wie dem jungen Mann und der jungen Frau, die da fast verschämt zur wichtigsten aller Demonstrationen laufen. Demokratie steht zwar groß auf dem Plakat. Und „Keine Gewalt!“ wird gerufen. Aber eigentlich ging es immer und von Anfang an um Menschenwürde, um den Wunsch junger Menschen, zu dem Leben und dem Land stehen zu können, das sie als Heimat bezeichnen. Um dieses Mehr, das die ganze Zeit mitklingt.

    Übrigens nicht das erste Mal, dass gerade dieses Lied von einem Künstler genutzt wird, um Schein und Sein der hingeschwundenen DDR an ihren eigenen Maßstäben zu messen. Just 1989 tauchte es schon im DEFA-Film „Die Architekten“ auf, ebenfalls 1989 auf der Langspielplatte „Heimat“ von Angelika Weiz (die damals zurückgezogen wurde) und 2003 dann in „Good Bye, Lenin!“

    Bei Schwarwel laufen die Demonstranten noch mit eingezogenem Kopf – sie wissen noch nicht, was ihnen blüht. Alles ist offen. Niemand weiß, wie das endet. Aber eines steht schon fest: Dieser noch von Beklemmung begleitete Mut wird alles ändern.

    „1989. Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“, ein Trickfilm von Schwarwel. Glücklicher Montag, Leipzig 2014.

    www.1989-film.de

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