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Vom Schwanentöter zum Bundesadler: Wagners „Parsifal“ im Museum Deutscher Geschichte

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    Bayreuth. Musiktakte, Vorhang auf, sofort 100 Prozent Handlung. In Stefan Herheims "Parsifal"-Inszenierung bekommt das Publikum viel zu sehen und zu deuten. Vorn ein Bett, Parsifals Lebensgeschichte, erst später erzählt, wird hier schon abgebildet. Geburt und Beschneidung. Im Bett rappelt es, Figuren verschwinden, tauchen auf. Immer wieder Wandel durch Raub oder Alter. Wie das Bett im Zentrum der Bühne ist auch ein Brunnen dahinter veränderlich, vom Springbrunnen bis zum Wasserbecken und zum Gral.

    Parsifal wird größer, erwachsen. Zentrum dieser Welt ist Richard Wagners Bayreuther Haus Wahnfried, abwechselnd von innen oder außen zu besichtigen. Wahnfried ist dann im zweiten Akt ein Lazarett zwischen den Weltkriegen, Krankenschwestern sorgen sich um Gesundheit und Amüsement!

    Im dritten Akt, nach dem Zweiten Weltkrieg, räumen die Trümmerfrauen die kaputte Welt auf. Demokratie entsteht neu, bis im Bundestag die Insassen vor Politiküberdrüssigkeit einschlafen…

    Von der Bühne auf die Leinwand und in die Glotze

    Zum fünften Male steht dieser „Parsifal“ auf Bayreuths Spielplan, und damit auch zum letzten Mal. Eine zunächst juristisch umstrittene Aufzeichnung kommt doch noch zustande, wird am 11. August in 100 Kinos übertragen und läuft live im Fernsehen.

    Im Jahre 1908 träumte man im Buch „Die Welt in 100 Jahren“ bereits von solchen Kinoübertragungen aus Theatern. Hatte zwischendurch jemand am Fortbestand des Theaters neben Kino und Fernsehen gezweifelt?

    Sound- und Hörgewohnheiten sind schon durch Tonkonserven programmiert. Nur im Bayreuther Festspielhaus selbst kann man noch die Ohren und die Augen justieren, wie Wagner sich das gedacht hat.
    Welt-Bühne Richard Wagner

    Die ganze Welt ist Bühne. Bei und um Richard Wagner sind das viele Bühnen. Seine private, auserwählte und sortierte Mythologie, seine private Sprache der Worte und der Musik. Dann noch Richards Aufführungswünsche zu Lebzeiten, Bühnenpraxis und Rezeption später und die Vereinnahmung im deutschen Faschismus. Herheim zeigt Wagners „Parsifal“ in Bildern aus deutscher Geschichte. „Bayreuth ist ein Ort, wie er deutscher nicht sein kann und er reflektiert die deutsche Geschichte vom Beginn seiner Existenz“, äußert sich die Kostümbildnerin Gesine Völlm im Festspiel-Almanach über die Arbeit, “ … für uns eine Verbeugung vor dem Ort, der uns natürlich auch zunächst eingeschüchtert hat.“

    Badewanne als Auge der Erde

    Regisseur Stefan Herheim lässt im Bühnenbild von Heike Scheele alles bedeutungsvoll sein. Ist das nur eine Metaebene, oder geht’s noch höher hinaus? In dieser Poesie der Überfülle, die ganz anders ist als beim vorangegangenen „Parsifals“ von Christoph Schlingensief, bei dem Bühneninstallation und Video noch weitaus mehr mögliche Aufmerksamkeit von Darstellern und Stimmen abzogen.

    Mehrere Bücher klären nun Interessenten über die Details auf. Bei Susanne Vill ist zum Beispiel die Badewanne, in der Amfortas seine Wunden kühlt, ikonografisch „ein domestizierter See“, aber auch „ein Symbol des Uterus“, „keltisch, ein heiliges Gewässer, die Augen der Erde“, „Ort der Wiedergeburt“.

    Wenn am Ende ein großer Spiegel aus dem Bühnenhimmel herunterfährt, soll das „ein kontemplativer Moment sein, in dem das aktuelle Publikum sich selbst begegnet…“ Wie schön doch Theater sein kann. „Wir riskieren immer die Havarie“ heißt es in einem Zeitungsinterview mit dem Regisseur, gemeint ist da die Bühnenbildmaschinerie.

    Klangwelt kontra Bilderflut

    Und die Musik? Philippe Jordan leitet in dieser fünften Saison das Festspielorchester. Unter dem früheren Dirigat von Danielle Gatti, so Stefan Herheim, soll der erste Akt schon mal 20 Minuten kürzer geworden sein, als üblich und geplant. Jordan achte anders auf Sprache, sagte der Regisseur, „weil er selbst deutsch spricht.“. Da wird dann manches geändert „was wir früher bewusst im Diffusen belassen haben“.

    Burkhard Fritz kommt als neuer Parsifal in die Inszenierung, in der Klingsor – gespielt und gesungen von Thomas Jesatko – ein Verführer in Strapsen is t… Beide stimmgewaltig, und Darsteller wie auch Sänger. Wie alle Protagonisten mit der Klangwelt erfolgreich gegen die kontinuierlich bewegliche Bilderflut ankämpfen. Dem gilt auch der einhellige und starke Publikumsapplaus einer Repertoirevorstellung im fünften Jahr der Produktion.
    Werkstatt Bayreuth

    Jedes Jahr gibt’s vor der Premiere Proben, Korrekturen, wie üblich und möglich in Bayreuth. Solch ein „Parsifal“ ließe sich unter heutigen Bayreuth-organisatorischen Bedingungen nicht mehr stemmen, meinte das Regieteam. Ein paar Änderungswünsche, zum Beispiel an Kostümen, hat man dem Team nach eigenem Bekunden auch nicht gestatten und finanzieren wollen.

    Vom Grünen und dem braunen Hügel

    Wer sich über Jahre mit Richard Wagners Lebenskrimi als einem überschaubaren Kosmos befasst, und die Bayreuther Festspielwelt als vermeintlich überschaubaren wirtschaftlichen Kosmos vermutet, wird Richards Tod im Jahr 1883 als Zäsur ansehen können.

    Streit um die Vergangenheit des Grünen Hügels, von dem dann schnell als „brauner Hügel“ die Rede war, hat andere Dimensionen. Ahnen und Erben, von vier Stämmen der Wagners spricht Richards Urenkelin Katharina. Sie selbst hat Familiendokumente Historikern übergeben, manches soll noch irgendwo liegen.
    Vor Ort, im Park des Festspielhauses, an Arno Brekers Richard-Wagner-Büste, eine temporäre Ausstellung zu machen, ist ein dokumentierender und aufarbeitender Anfang. „Verstummte Stimmen“ sind jene jüdischen Künstler, nun in Einzelschicksalen porträtiert, die die Wagnerwitwe Cosima als Festspieldirektorin systematisch ausgrenzen und fernhalten wollte.

    Einige Historiker streiten und verfolgen Ideen und Ideologien in Ahnentafeln zurück, und benennen Schuldige. Manfred Kühn, in Boston lebend, bezeichnete sogar Johann Gottlieb Fichte als einen der Vorväter des unseligen deutschen Nationalismus, der damit auch eine Rolle spielt in der Entstehung des Nationalsozialismus.

    Stephen Fry kennzeichnet in seinem Wagner-Film, den deutschen Untertiteln zufolge, Richard Wagner als Inspiration für König Ludwig II zum Schloss Neuschwanstein. Und dann sei Richard Wagner der Ideengeber für Adolf Hitlers Reichsparteitaggelände in Nürnberg. „Dieser Ort Bayreuth“, so Stephen Fry im Film, „kann nie neutral sein.“

    „Parsifal“-Regisseur Stefan Herheim projizierte jenes von den Wagners einst aufgehängte Schild ins Bühnenbild, dass man bitte, „von politischen Debatten jeder Art abzusehen, um den Verlauf der Festspiele nicht zu gefährden“.

    Freispruch für Richard Wagner?

    Bernd Weikl, ein künstlerisch erfahrener Wagner-Werktätiger, und Peter Bendixen haben jüngst das 372 Seiten-Buch „Freispruch für Richard Wagner – Eine historische Rekonstruktion“ herausgebracht, zur Verteidigung und zum Freispruch für Richard Wagner. Ein Plädoyer schließt sich den Recherchen an. Der Richterspruch bleibt offen.

    So geht die Debatte weiter.
    Die Zeit läuft ja, Tradition schweißt auch wieder zusammen. Katharina spricht von Gottfried Wagners Aufarbeitung der Familiengeschichte, selbst Katharina und Eva sollen sich bis vor ein paar Jahren auch nicht näher gekannt haben.

    Ins Museum?

    Das Versenk-Podium von Bett und Brunnen gehört ins Museum der Bayreuther Festspiele. Aber gibt’s das überhaupt? Und, wenn nein, warum denn nicht? Klar, im Haus Wahnfried-Keller wurden früher Bühnenbildmodelle und etwas Theaterzauber gezeigt. Wird das neue Museum rund um die Villa Wahnfried Festspiel-Theater hinter den Kulissen zeigen wollen und können?

    Sollte nicht in der Nähe des Festspielhauses, ergänzend zur Spielzeit, eine ganzjährig geöffnete Ausstellung über Werden und Wachsen, Schrecken und Freuden von Wagners Festspielidee informiert werden? Technische Raffinessen, von weitem brillant aussehende Illusionen aus einfachen Tricks eingeschlossen. Der letztes Jahr ausgewechselte Hauptvorhang soll schon mal für einen Souvenir-Interessenten abgeschnitten worden sein…

    Nächster „Parsifal“ 2016

    2016 wird der als bildender Künstler bekannt gewordene Jonathan Meese, 1970 geboren, in Bayreuth den nächsten „Parsifal“ inszenieren. Er hat sich selbst als „Ameise der Kunst“ bezeichnet. Und beinahe hätte er ein Richard-Wagner-Denkmal für Richard-Geburtsstadt Leipzig entworfen, wollte sich aber keinem Wettbewerb stellen wollte.

    Wolfgang Grupp, Chef der Textilfirma Trigema sprach als neuer Förderer der Festspiele und Lieferant des Souvenir-Shops zur Eröffnungspressekonferenz der 2012er Festspiele von deutschen Werte und deutschen Arbeitsplätzen. Für seine Firma bedeutet so ein deutscher Wert, dass ein Wagner-T-Shirt im Festspiel-Shop 39 bis 44 Euro kostet.

    Kino und TV:
    „Parsifal“ am 11.08., 16:00 Uhr in Bayreuth, aber auch auf den Leinwänden im Cinestar Leipzig und in den Light Cinemas Halle

    „Parsifal“ im Fernsehen, 11.08., 17:15 Uhr, art

    „Parsifal“ aus der Metropolitan Opera New York im Cinestar Leipzig am 2. März 2013, 18:00 Uhr.

    Literatur:
    Bernd Weikl / Peter Bendixen, „Freispruch für Richard Wagner?“, Leipziger Universitätsverlag, 2012.
    Susanne Vill, „Parsifal – Richard Wagners Bühnenweihfestspiel in Stefan Herheims Inszenierung“, printerwahnsinn Neudrossenfeld.

    Szenenfotos zu dieser, anderen Bayreuther Inszenierungen, Namen und Termine von Richard-Wagner-Werken weltweit:
    www.richard-wagner-werkstatt.com

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