Florian Mausbach ist ein deutscher Stadtplaner. Von 1995 bis 2009 war er Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Im Berliner Tagesspiegel nimmt der 68-Jährige regelmäßig Stellung zur modernen Stadtentwicklung. Am 24. Januar veröffentlichte er dort einen Offenen Brief an Oberbürgermeister Burkhard Jung und die Leipziger Stadträte.

“Der Wettbewerb für das Einheitsdenkmal ist im ersten Anlauf gescheitert. Das ist schade, aber kein Unglück”, heißt es gleich im ersten Ansatz seines Briefes. “Es wäre ein Zeichen von Souveränität, wenn die Stadt den Wettbewerb durch Ratsbeschluss aufhebt und Lehren für einen zweiten Anlauf zieht.”

Das Verblüffende an diesem Brief eines Mannes, der sich auch schon intensiv mit dem Scheitern des ersten Wettbewerbs um das Berliner Einheits- und Freiheitsdenkmal beschäftigt hat, ist: Jeder Kritikpunkt, den das Stadtforum und auch die L-IZ schon bei der Formulierung der Wettbewerbsbedingungen vorgebracht haben, taucht darin auf. So falsch können die Leipziger Kritiker also gar nicht gelegen haben. Die Wettbewerbsteilnehmer haben versucht, sich an die Vorgaben zu halten. Aber selbst den Besten ist es nicht gelungen, aus der verwaschenen Vorgabe etwa Sinnvolles zu machen.

Mausbach: “Vor allem aber ist das Scheitern des Wettbewerbs einer irreführenden Auslobung geschuldet. Sie erlaubte ‘eine flächige Ausdehnung’ des Denkmals ‘innerhalb der Grenzen des Wettbewerbsgebiets’. Das verführte die Teilnehmer zu Flächenkunstwerken und unbenutzbaren Plätzen.”

Noch folgenreicher: “Laut Auslobung ‘soll’ (nicht kann!) das Denkmal ‘den tradierten Formen der Denkmalkunst früherer Epochen eine neue Formensprache entgegensetzen’. Warum kann man die Jahrtausende alte Denkmalkunst nicht in zeitgemäßer Weise fortentwickeln, statt ihr krampfhaft etwas entgegenzusetzen?”, fragt Mausbach zu recht.

Und das haben auch wir immer wieder gefragt – aber nicht einmal die siegreichen Künstler konnten es beantworten.
Mausbach: “Bestärkt wurde dies durch die Forderung: ‘Das Kunstwerk sollte mit zeitgenössischen formalen und ästhetischen Mitteln arbeiten.’ Diese einschränkende Verpflichtung auf Noch-nicht-Da-Gewesenes schließt Künstler mit anderen Ansätzen von vornherein aus. Vollends in die Irre führt die Aufmunterung, ‘auch konzeptuelle Kunst und partizipatorische Ansätze’ zu liefern. Historische Denkmäler, die ja auf Dauer angelegt sind, eignen sich nicht für unfertige Konzepte und modische Mitmach-Spielereien.”

Und dann wird er – für einen Mann, der Jahrzehnte lang mit dem sensiblen Völkchen der Landschaftsplaner und Architekten zu tun hatte, sehr deutlich: “Diese Forderungen haben aus dem Wettbewerb für ein historisches Denkmal einen Wettbewerb für experimentelle Kunst gemacht, mit der Kunstszene als Adressat.”

Aber die Vorgabe des “flächigen Denkmals” wurde auch durch eine direkte Empfehlung in der Ausschreibung untermauert – die Mausbach nicht extra anführt: “Die Ausloberin empfiehlt den Künstlern/-innen, sofern das Kunstwerk es erfordert, bereits im Wettbewerbsverfahren Arbeitsgemeinschaften mit mindestens einem/einer bauvorlageberechtigten Architekten/-in, Landschaftsarchitekten/-in oder Ingenieur/-in einzugehen, um eine hohe Ausführungsqualität sowie eine termin- und kostengerechte Umsetzung der Entwurfsidee sicherzustellen.”

Das Ergebnis war: Leipzig bekam im Grunde lauter Landschaftsarchitekturentwürfe, die mit dem vorhandenen, völlig konturlosen Platz, alles Mögliche anstellten, um ihn irgendwie mit Bedeutung aufzuladen. Konzeptionskunst eben.

Für Mausbach ist klar: Der 1. Wettbewerb zum Denkmal ist auch in Leipzig gescheitert. Das, was am Ende mit Preisen versehen wurde, hat weder städtebauliche Qualitäten für einen Platz, auf dem man sich gerne aufhält, noch ist irgendwo auch nur die Idee eines über Generationen wirksamen Denkmals zu greifen.

Der OBM hat die drei Erstplatzierten zwar gebeten, ihre Entwürfe zu überarbeiten. Dann wird auch die technische Umsetzbarkeit geprüft. Aber eigentlich sagt selbst der nicht ganz so gesunde Menschenverstand an so einer Stelle: Wenn ich für so ein Denkmal nicht wirklich eine überzeugende künstlerische Lösung geboten bekommen, blase ich ihn ab. Oder ich starte den Wettbewerb völlig neu und lerne was aus den gemachten Fehlern.

Aber ist das gewollt? Der komplette Satz mit der Formensprache in der Ausschreibung lautet ja so: “Das Denkmal soll sich in differenzierter und sensibler Art und Weise der Herausforderung stellen, die Friedliche Revolution als ein Kernstück des zustimmungsfähigen Stranges der deutschen Geschichte zu thematisieren und den tradierten und affirmativen Formen der Denkmalkunst früherer Epochen eine neue Formensprache entgegensetzen.”

Künstler, die diese in sich verschachtelten (und größtenteils unsinnigen) Bedingungen erfüllen wollen, liefern am besten ein Weißes Quadrat auf Weißem Grund ab. Mit dem Warnhinweis auf weißem Grund: Vorsicht! Weißes Quadrat.

Der Offene Brief im “Tagesspiegel”:
www.tagesspiegel.de/kultur/offener-brief-schreibt-das-leipziger-einheitsdenkmal-neu-aus/7678076.html
Die Ausschreibung als PDF zum download.

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