Heidrun und Rosi scharren im Gras. Paula und Ruby verfolgen eine fette Fliege. Im Hinterhof der Vereinigten Leipziger Wohnungsgenossenschaft (VLW) fühlen sie sich wohl: Morgens ist es sonnig, nachmittags schattig, der Rasen ist sattgrün und immer mal wieder schaut einer der Mitarbeiter vorbei. Die Vier sind Hühner. Doch kein gewöhnliches Federvieh, denn man kann sie ausleihen. "Nimm 4" heißt die Aktion des Stadtpflanzer-Vereins.

Wer die Hühner leiht und sich um sie kümmert, der behält ihre Eier als Lohn. Die Idee dahinter: Das Leben mit den Tieren soll an die Selbstversorgerzeiten erinnern. Auch in Leipzig gehörten Hühner früher naturgemäß zum Stadtbild. Viele Häuser waren mit Gärten und Ställen angelegt. Damals kam das Ei nicht aus dem Supermarkt, sondern oftmals von der eigenen Henne. Und so soll “Nimm 4” wieder ins Bewusstsein rücken, dass Tiere viele unsere Nahrungsmittel erzeugen, und soll zum Nachdenken über Nachhaltigkeit anregen.

Inspirieren ließen sich die Stadtpflanzer dazu von einer Aktion der Künstlerin Ursula Achternkamp. Sie hatte im vergangenen Jahr bereits vier Leih-Hühner auf Tour durch Dessau geschickt. “Chicks on Speed” hat sie das genannt und damit die Selbstversorgung mitnehmbar gemacht. In der heutigen Zeit, in der Arbeitnehmer öfter umziehen, in der man nicht unbedingt sein ganzes Leben in demselben Haus wohnen bleibt, hat sie gezeigt, dass Selbstversorgung trotzdem möglich ist. Es gibt nun nicht mehr nur den Kaffee zum Mitnehmen, sondern eben auch Hühner. Achternkamp verbindet geschickt die Mikrowellen-Kultur, in der alles schnell und alles sofort verfügbar sein muss, mit dem Nachhaltigkeitsgedanken.Die Künstlerin wiederum ließ sich von Walter Gropius inspirieren. Der Architektur-Großmeister der Bauhauszeit hatte unter anderem von 1926 bis 1928 die Siedlung Dessau-Törten entworfen, mit dem Ziel, erschwinglichen Wohnraum mit Gärten für die Selbstversorgung zu schaffen. Zu Gropius’ Zeiten scheint Nachhaltigkeit ebenso im Trend gelegen zu haben wie heute. In Großstädten wie New York und Los Angeles soll es inzwischen wieder hipp sein, eigene Hühner zu halten. Und die Stadtpflanzer bringen den neuen, alten Selbstversorgergedanken zurück nach Leipzig.

Bei der VLW hat das gesamte Team mit Silvia Richter an der Spitze die Betreuung des gefiederten Damen-Quartetts übernommen. “Hühner sind recht pflegeleicht”, stellt sie fest. “Morgens lässt man sie aus dem Ställchen, füttert sie und abends gehen sie von allein wieder rein.” Zumindest drei der vier. Nur Ruby büxt immer mal aus. “Wenn die anderen drei schon drin hocken, überlegt sie es sich dann doch noch.”Dann macht Richter die Klappe des Ställchens zu und sichert sie mit einem Vorhängeschloss. Das ist bitter nötig, denn auch in der Stadt gibt es Füchse und andere kleine Raubtiere, die gerne Hühnchen essen. Und für die stellen die grünen Netze und Zäune, mit denen der Hühnerplatz gesichert wurde, kein Hindernis dar. Nur in das Ställchen kommen sie nicht rein. Es ist eine Extra-Anfertigung von den Stadtpflanzern. “Und wurde mit einem Lastenfahrrad gebracht”, erzählt Silvia Richter.

Heidrun, Rosi, Paula und Ruby zanken sich auch mal. “Eigentlich bräuchten sie einen Hahn, der für Ordnung sorgt”, sagt Richter. Doch dann wäre das Federvieh nicht mehr so leicht zu bändigen. Der Hahn verteidigt seine Hennen nämlich – auch gegen fütternde Menschen. Ohne Hahn sind die Hennen ihren Fütternden gegenüber ganz verträglich. Silvia Richters Liebling ist Heidrun, weil sie sich auch mal auf den Arm nehmen lässt. Ihre Federn fassen sich seidenweich an. Auf Richters Arm gackert sie leise vor sich hin. “Bei den Hühnern zu sein, beruhigt ungemein. Es reicht schon, wenn man ein paar Minuten hier steht und ihnen zusieht”, beschreibt Richter.

Die VLW unterstützte die Stadtpflanzer von Beginn an bei der Leih-Hühner-Aktion. Das Thema nachhaltiges Wohnen ist schließlich das Grundanliegen einer Wohnungsgenossenschaft. Und so machten Heidrun, Rosi, Paula und Ruby auch ein paar Wochen Halt beim Sitz der VLW in der Hartzstraße. Die Tiere sind durchgeimpft und werden regelmäßig vom Arzt untersucht. Getauft wurden sie bei der Auftaktveranstaltung im Chausseehaus von Schulkindern. Heidrun gehört zur Sorte der Blausperber-Hühner. Und sie hätte auch Sissi oder Dora heißen können. Für alle Vier hatten die Kleinen schöne Vorschläge, über die dann abgestimmt wurde. Und nun heißt die Blausperberin eben Heidrun. Die weiße Henne der Sorte Sussex heißt Ruby, das Bovan-Huhn ist eine Paula geworden und die Isa Braun-Henne wurde Rosi getauft.

Mittlerweile war das Lastenfahrrad wieder im Einsatz und die Gackernden sind weitergezogen zu einer Hausgemeinschaft in Plagwitz. “Dort wird sich abgewechselt, wenn es um die Hühnerpflichten geht”, erzählt Silvia Richter. Stallausmisten gehört auch dazu. Als Lohn winken die Eier der gefiederten Damen – wenn sie denn so gnädig waren.

Wer interessiert ist, die Tiere zu beherbergen, kann sich bei den Stadtpflanzern melden. Noch bis Oktober sind Heidrun, Rosi, Paula und Ruby die Stadthühner auf Leipzig-Tour.

Zu den Stadtpflanzern im Netz
www.stadtpflanzer.de

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