21.6 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Koreanischer Sekte auf den Leim gegangen: Sektenführer Man-Hee Lee spricht auf Friedensforum in Nikolaikirche

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Wie Schuppen von den Augen fiel es Nikolaipfarrer Bernhard Stief, als er am Freitagabend den Namen des koreanischen Redners googelte, welcher kurz zuvor auf dem Friedensforum in der Nikolaikirche gesprochen hat: Man-Hee Lee. Dieser führt eine christliche Sekte namens Shinchonji, die hauptsächlich in Südkorea aktiv ist, die aber seit dem Jahr 2006 auch verstärkt auf Gläubigenfang in Deutschland gehen soll.

    „Wenn wir das gewusst hätten, wären wir niemals darauf eingegangen, diese Veranstaltung auszurichten“, sagt Stief. Doch der zwielichtige Hintergrund des Koreaners war im Vorfeld immer wieder verschleiert worden. Stief sowie die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung sind offensichtlich von einer geschickt gemachten Öffentlichkeitsarbeit geblendet worden. Durch diese hat die Sekte erreicht, dass auf dem Friedensforum, welches eine mögliche Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea zum Thema hatte, der Sektenführer Man-Hee Lee vor großem Publikum sprechen und zugleich die Nikolaikirche und deren Geschichtsträchtigkeit als Bühne nutzen konnte.

    Seine Wort waren zum Glück harmlos. „Er sprach über den Weltfrieden und darüber, wie jeder Einzelne sich dafür einsetzen solle, und dass er auf der ganzen Welt Friedensmärsche organisiere. Er hat keine offene Werbung für seine Kirche gemacht“, erzählt Stief. Dennoch fühlt sich der Pfarrer über den Tisch gezogen. Schließlich habe die ganze Veranstaltung nur auf den Auftritt Lees abgezielt. Gedämmert hat dies den anderen Rednern erst, als ein Filmeinspieler über das Leben und Wirken Lees gezeigt wurde. „Da wurde uns klar, dass dieser Mann nicht der war, als welchen man ihn uns angekündigt hatte“, so Stief.

    Angekündigt worden war Lee als koreanischer Friedensbotschafter. Doch sein voller Name war nie genannt worden. Auf dem Programmzettel wurden alle Redner nur mit Nachnamen genannt. Dass dies ein Problem werden könnte, ahnte Stief, als er sich tags zuvor über die Redner im Internet informieren wollte. „Da fiel mir erst mal auf, dass der Vorname fehlte“, sagt der Pfarrer. Und Lee ist ein geläufiger koreanischer Nachname. Eine erfolgreiche Suche im Internet ist da so gut wie ausgeschlossen. Auch der Presse gegenüber hat sich die PR-Agentur, welche dahintersteckt, eines solchen Tricks befleißigt und den Sektenführer als John Lee angekündigt – wissend, dass unter diesem Namen nichts auf die Verbindung zu Shinchonji schließen lässt.
    Man-Hee Lee gründete Shinchonji im Jahr 1984. Der koreanische Name bedeutet „neuer Himmel, neue Erde“ und spielt auf die Endzeitlehre an, welche die Kirche seitdem verbreitet. Lee soll bereits als junger Mann eine göttliche Offenbarungserfahrung gehabt haben und sich selbst als Pastor darstellen, der die wahre Bedeutung des Alten und Neuen Testaments entdecken könne. Die Sekte nutzt ebenfalls den Namen „Healing All Nations“, zu deutsch: Alle Nationen heilen. Zu Shinchonji publiziert hat in Deutschland vor allem Thomas Gandow, ehemaliger Sektenbeauftragter der Berlin-Brandenburgischen Kirche. In seinem Aufsatz aus dem Jahr 2010 beschreibt er, wie Shinchonji versucht, die Gläubigen etablierter Kirchen zu gewinnen.

    Dies gelinge, indem die Sekte zuvor diese Kirchen infiltriere. Die damit beauftragten Mitglieder werden „Harvester“, zu deutsch: Schnitter, genannt. Ihre Aufgabe sei es, die anderen Kirchenmitglieder abzuernten. „Fachleute in Korea gehen davon aus, dass solche Rekrutierer in allen traditionellen Kirchen in Korea arbeiten. Sie treten als reguläre Mitglieder auf, sind teilweise in leitenden Positionen als Hauskreisleiter oder Chorleiter. Indem sie Positionen in traditionellen Kirchen besetzen, können sie effektiver Abwerbung betreiben als wenn sie dies von außen täten“, schreibt Gandow. Die Geworbenen unterziehen sich dann einem wochenlangen Bibelstudium, an dessen Ende sie sich einer Prüfung unterziehen. Nach einem zweiten Bibelkurs sind sie dann offiziell eingeschriebene Mitglieder und werden ihrerseits auf Gläubigenfang geschickt. Aufgeteilt ist Shinchonji in Korea in zwölf Stämme. Jedem dieser Stämme sollen um die 12.000 Mitglieder angehören. Finanziert wird die Kirche von ihren Mitgliedern.

    Auf sich aufmerksam macht Shinchonji in erster Linie junge Leute. Durch Jugendorganisationen, die scheinbar gemeinnützige Projekte, Sportveranstaltungen und Friedensmärsche ausrichten. SCJ, wie die Sekte abgekürzt wird, scheint verflochten in ein Netz aus Unter- und Überorganisationen.

    Im Interview mit L-IZ.de stellte sich Sektenführer Lee als Präsident der „Heavenly Culture, World Peace, Restoration of Light“-Organisation vor. Der umständliche Name steht für himmlische Kultur, Weltfrieden und Wiederherstellung des Lichts. Ein hinzu gereichter Handzettel weist aus, dass diese weltweit mit 128 Jugendorganisationen zusammenarbeitet, darunter das Welt-Jugend-Friedenscorps oder die Welt Friedensmission. Dazu viele bunte Bildchen, die Lee beim Händeschütteln mit Polit-Promis aus der ganzen Welt zeigt, zum Beispiel Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi oder Lothar de Maizière, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR.
    „Ich besuche die Präsidenten vieler Staaten und viele Religionsführer auf der ganzen Welt“, sagt Man-Hee Lee. „Auch die Medien sollten öfter über den Weltfrieden schreiben und dass wir ihn erreichen wollen.“ Der Reporterin gegenüber empfiehlt er den Beitritt der International Women’s Peace Group, der Internationalen Frauen Friedens Gruppe. „Wenn Sie beitreten und ihrerseits jemanden wählen, der vom Weltfrieden überzeugt ist, dann werden wir bald die Anzahl von Menschen erreicht haben, die nötig ist, um den Weltfrieden zu erlangen“, so Lee. Frieden durch Kinderkriegen also – eine Masche, wie sie in vielen sektiererischen Organisationen zu finden ist. Auch sei es wichtig, dass die Religionen vereint würden: „Viele Kriege geschehen wegen der Religionen, daher müssen diese zusammengeführt werden, um Krieg zu verhindern.“ Die Vorsitzende der Frauen-Gruppe, Maria Kim, ist ebenfalls beim Interview anwesend und Lee wird nicht müde, ihre Wichtigkeit anzupreisen: „Mütter haben eine besondere Verantwortung, denn sie können gemeinsam mit allen Frauen den Weltfrieden herstellen, indem sie verhindern, dass ihre Kinder in den Krieg ziehen“, predigt Lee.

    Eingefädelt hatte das Friedensforum in der Nikolaikirche wiederum eine andere Organisation – die Global Peace Generation (GPG) – zu deutsch: die weltweite Friedensgeneration. „Das mit dem Forum ging ratzfatz“, erzählt Pfarrer Bernhard Stief. „Immer wieder riefen deren Leute bei uns an und sagten, dass Herr Lee nach Leipzig komme und doch so gern auf diesem Forum, das wir ausrichten sollten, sprechen wolle.“ Anfang September kam der erste Anruf und Anfang Oktober fand das Forum bereits statt. So schnell, dass es noch nicht einmal ins Kirchenblatt aufgenommen wurde. Doch prangt das offizielle Siegel der Stadt Leipzig auf dem Poster für das Forum. „Ich denke mal, dass die jungen Damen von GPG in der Stadt ebenso vehement angerufen haben wie bei uns“, vermutet Stief.

    Die Ziele von GPG lesen sich gut. In einem Wort: Auch hier geht es um Weltfrieden. Doch ein Impressum weist die Seite nicht auf. Nur eine Adresse in Berlin. Auf Nachfrage erklärt Heidi Triller von GPG, eine der Ansprechpartnerinnen für das Friedensforum: „Wir sind ein Dachverband für Friedensorganisationen auf der ganzen Welt, in welcher die Aktivitäten gebündelt werden können, so dass sie nicht ins Leere laufen.“ GPG finanziere sich durch Spenden. Verantwortlich sei Anne Büttner. Sie hätten den Sektenführer als John Lee vorgestellt, weil dies nun mal sein europäischer Name sei. „Wir haben ihn kontaktiert als Friedensbotschafter und wollten den Hintergrund außen vor lassen“, so Triller. Dass Shinchonji eine Sekte sei, dass könne man nicht pauschal sagen. „Das kommt immer darauf an, wer in den Augen anderer eine Sekte ist und wer nicht.“ Ob Shinchonji zu den Spendengebern von GPG gehört, dazu gab Triller keine Auskunft. Dazu müsse man Anne Büttner fragen.

    Doch ihr dürften noch die Ohren von dem Telefonat nachklingen, welches Nikolaipfarrer Bernhard Stief am Samstagmorgen mit ihr geführt hat. Er ist entsetzt, dass man ihn derart gelinkt hat. „Wir waren dem Thema gegenüber aufgeschlossen, da wir seit Jahren gut mit der koreanischen Gemeinde an der Eisenbahnstraße zusammenarbeiten.“ Zudem schauen viele südkoreanische Politiker auf Ostdeutschland, wenn es um die Zukunft der beiden Koreas geht. Das Thema ist da, es hat seine Berechtigung. Wohl auch deshalb schien das Friedensforum im Vorfeld eine plausible Sache zu sein. Doch dann kam die herbe Ernüchterung.

    „Man hat uns regelrecht missbraucht für den Auftritt Lees. Man hat das Thema missbraucht, unsere Kirche und unser Vertrauen „, so Stief. In Zukunft will er besser prüfen, wer da auf ihn zukommt, bevor er Veranstaltungen dieser Art ausrichtet. „Ich war leichtgläubig und habe mich durch den Zeitdruck blenden lassen“, resümiert er. Das wird ihm und den Verantwortlichen der Stadt wohl so schnell nicht wieder passieren. Mit einem blauen Auge davon gekommen ist in dieser Sektenfarce nur einer der Organisatoren: Oberbürgermeister Burkhard Jung. Er sollte nämlich ebenfalls auf dem Forum sprechen, war aber bereits anderweitig engagiert.

    Aufsatz des Sektenbeauftragten Thomas Gandow über Shinchonji:
    www.religio.de/dialog/110/bd30_s15-19.pdf

    Ankündigung des Friedensforums von der Landeskirche:
    www.evlks.de/aktuelles/nachrichten/22450.html

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige