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Auch die Benennungen von Straße und Schule nach Ernst Pinkert stehen zur Disposition

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    Über die Umbenennung der Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt wird noch diskutiert, der Antrag zur Umbenennung der Jahnallee ist noch im Verfahren. Aber seit vergangener Woche steht auch ein Mann im Fokus der Diskussion, der erst 2010 mit einem Straßennamen geehrt wurde: Ernst Pinkert, der Gründer des Leipziger Zoos. „Ernst Pinkert wird in Leipzig vor allem als der Gründer des Leipziger Zoos rezipiert, einer der großen touristischen Attraktionen Leipzigs. Verschwiegen bleibt dabei: Ernst Pinkert hat in seinem Zoo aber auch sogenannte Völkerschauen veranstaltet“, heißt es in einer entsprechenden Einwohneranfrage.

    Gestellt hat sie die Politikwissenschaftlerin Hanne Tijmann.

    Die sich erst einmal darüber wundert, dass Pinkert erst 2010 mit zwei Benennungen geehrt wurde: „Am 16.06.2010 beschließt die Leipziger Ratsversammlung, ,dass die 25. Schule (Grundschule) in 04318 Leipzig, Martinstraße 7, ab dem Tag der Beschlussfassung den Namen Ernst-Pinkert-Schule – Grundschule der Stadt Leipzig trägt‘ (Stadt Leipzig 2010). Der Beschluss wird einstimmig bei zwei Stimmenthaltungen angenommen. 2009 wurde bereits ein Teilstück der Erich-Weinert-Straße in Ernst-Pinkert-Straße umbenannt, das dezidiert zur Ehrung des 100. Todestages von Ernst Pinkert.“

    Eindeutig haben da auch die meisten Stadträt/-innen beide Augen zugedrückt, um die nächste Jubiläumsfeier des Zoos nicht zu gefährden, der Pinkerts „Völkerschauen“ bis heute nicht in seiner Geschichte auf der eigenen Homepage aufführt.

    „Im 19. Jahrhundert, in dem Erzählungen über wilde Tiere und ferne Länder die Phantasie der Menschen beflügeln, erfreuen sich Tierschauen großer Beliebtheit“, kann man da lesen. „Diese Begeisterung veranlasst den Gastronom Ernst Pinkert seine Gaststätte, den Pfaffendorfer Hof, zu einem Tiergarten umzubauen. Am Pfingstwochenende 1878 strömen 4.500 Besucher zur Zooeröffnung und bestaunen Kängurus, Papageien und Antilopen ebenso wie einen bengalischen Königstiger und ein Löwenpaar. Seitdem hat sich der Zoo Leipzig – durch zwei Weltkriege, wirtschaftliche Engpässe und politisch unruhige Zeiten hinweg – mit Hingabe, Hartnäckigkeit und visionärer Kraft bis heute behaupten und vergrößern können.“

    Das war’s schon.

    Wie problematisch dieses Verschweigen ist, beschreibt Hanne Tijmann in ihrer Anfrage so: „Ernst Pinkert wird in Leipzig vor allem als der Gründer des Leipziger Zoos rezipiert, einer der großen touristischen Attraktionen Leipzigs. Verschwiegen bleibt dabei: Ernst Pinkert hat in seinem Zoo aber auch sogenannte Völkerschauen veranstaltet. Nach Informationen der auf Wikipedia zusammengefassten Fachliteratur umfasste das eine ,Völkerwiese‘, eine ,Völkerbühne‘ sowie eine ,Beduinen-Karawane‘. Darüber hinaus ließ er die ausgestellten Menschen Gemälde nachstellen (vgl. Wikipedia 2020). Schwarze Menschen sind auf eine Wiese gestellt worden, mussten im Zoo Bilder nachstellen, durften von weißen Menschen begafft werden, sind exotisiert und als das Fremde markiert worden.“

    Die AG Postkolonial des Engagierte Wissenschaft e. V. wird noch deutlicher, wenn sie auf ihrer Website schreibt: „Der Zoodirektor richtete zwischen Raubtierhaus und Robbenbecken extra eine ,Völkerwiese‘ für die Menschenschauen ein. Die später daneben erbaute und mit Urwaldkulissen versehene ,Völkerbühne‘, auf der ebenfalls Aufführungen stattfanden, wurde im Volksmund ,Hotel zum wilden Mann‘ genannt. Bis zur letzten Schau im Jahr 1931 fanden dort etwa 40 Völkerschauen statt. Damit war der Leipziger Zoo nach Hamburg und Berlin einer der wichtigsten Orte für Völkerschauen in Deutschland.

    Die feste Einbindung in den Zoobetrieb zeigt sich auch in einem Artikel aus dem Jahr 1928, der in der Zeitschrift ,Leipziger Hausfrau‘ anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Zoos erschien: ,Durch geschickte Verbindung mit volkstümlichen Vergnügungsgelegenheiten, einer Rollschuhbahn, im Winter einer Eisbahn, mit Schaustellungen von Gruppen fremder Völker verstand es Pinkert, den Zoo zu einer damals schon großzügigen Anlage zu machen und sich einen ungeheuren Zuspruch zu sichern.‘“

    Pinkert sicherte sich durch die „Völkerschauen“ also ein zusätzliches Geschäft. Und gleichzeitig unterstützte er das kolonialistische Denken der neuen Kolonialmacht Deutschland.

    Dass Pinkert auch selbst aktiv wurde als Organisator solcher „Völkerschauen“ beschreibt eine Handreichung der Universität Leipzig zum Lernmodul „PostkolonialeSpuren in Leipzig – Der Zoo“: „Auch in Leipzig fanden solche Zurschaustellungen von Menschen in den Jahren zwischen 1879 bis 1931 statt und waren beim Leipziger Publikum sehr beliebt. Für sie wurde regelmäßig mit Werbeanzeigen in den ‚Leipziger Neusten Nachrichten‘ geworben. Für die Schauen wurde unter anderem die sogenannte ,Völkerbühne‘ erbaut. Organisator war ab dem Jahre 1888 der Gründer des Leipziger Zoos, Ernst Pinkert. Er initiierte unter anderem die ,Beduinen-Karawane‘, welche in Leipzig insgesamt vier Mal ausgestellt wurde. Pinkert reiste mit dieser auch durch Deutschland und trug zur Verbreitung eines kolonialen Mythos der deutschen Eroberungspolitik bei.“

    Thematisiert hat diese Leipziger Völkerschauen ja gerade Gregor Müller in seinem Kriminalroman „Völkerschau“.

    „Schwarze Menschen in Zoos auszustellen ist eine rassistische und koloniale Praxis“, betont Hanne Tijmann. „Diese gewaltvolle Praxis verletzt die unantastbare Würde des Menschen. Die Benennung einer Schule und einer Straße nach Ernst Pinkert reproduziert koloniale Machtverhältnisse und ist Ausdruck rassistischer Kontinuitäten. Denn die Benennung öffentlicher Einrichtungen, seien es Straßen oder eben eine Grundschule, ist eine Art Denkmal.

    ,Sie sollen an Menschen erinnern, die Besonderes geleistet haben. Doch worin diese Leistung besteht, hängt davon ab, wer gerade das Geschichtsbild bestimmt‘, schreibt die ZEIT (ZEIT 2018). Dass die Stadt Leipzig bzw. der damalige Stadtrat 2009 eine Straße und 2010 eine Grundschule nach Ernst Pinkert benennt, nach jemandem, der rassistischer und kolonialer Täter ist, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer von Rassismus.

    Täter werden verehrt, Opfer verhöhnt. Es sind solche Entscheidungen, die verdeutlichen, dass es auch in Deutschland ein Problem im Umgang mit der eigenen Kolonialvergangenheit und ihren rassistischen Kontinuitäten gibt. Sprache und Benennungen verdeutlichen Machtgefälle. Wer geehrt wird, sagt etwas drüber aus, wem die ,Erinnerungskultur‘ gedenkt. Sie sollte der Opfer gedenken, nicht den Tätern.“

    Und gerade die Vorfälle nach der brutalen Tötung von Georg Floyd in den USA zeigen, dass das Problem des gelebten Rassismus in den Staaten des Westens nicht wirklich bewusst ist. Jedenfalls nicht in Teilen der weißen Mehrheit, die sich einfach nicht mit ihrem alten kolonialen Überlegenheitsdenken beschäftigen möchten.

    „Am Sonntag, 07.06.2020 sind in Leipzig rund 15.000 Menschen auf der Straße gewesen, um unter dem Motto Black Lives Matter gegen rassistische (Polizei)Gewalt zu protestieren – denn nicht nur in den USA, auch in Deutschland gibt es rassistische Gewalt“, stellt Hanne Tijmann fest.

    „Darunter fällt auch, dass Schul- und Straßennamen kolonialer und rassistischer Täter gedenken. Das verhöhnt von Rassismus Betroffene. Die Stadt Leipzig sollte die Forderungen der 15.000 Demonstrierenden, sich gegen Rassismus zu positionieren, ernst nehmen und reagieren – zum Beispiel mit der Umbenennung kolonial-rassistischer Ehrungen.“

    Dem schließt sie dann ihre Fragen an die Stadtverwaltung an:

    1) Warum wurde ein Teilstück der Erich-Weinert-Straße 2009 überhaupt in Ernst-Pinkert-Straße umbenannt? Warum haben Stadtverwaltung und Stadtrat nicht interveniert, als die 25. Schule in Ernst-Pinkert-Schule umbenannt werden sollte?

    2) Sieht die Stadt Leipzig Bedarf, Straße und Grundschule nicht länger nach einem Rassisten und kolonialen Täter zu benennen?

    3) Wird die Stadt Leipzig die Ernst-Pinkert-Straße und die Ernst-Pinkert-Schule umbenennen?

    Ehrliche Antworten auf diese Fragen könnten durchaus dazu führen, dass die Benennungen wieder rückgängig gemacht werden oder andere, zeitgemäßere Namenspatrone gefunden werden.

    Hanne Tijmann: „Ein wirklich solidarisches Zeichen mit von Rassismus Betroffenen wäre es, sie in die Namensfindung einzubeziehen und gemeinsam antirassistische Namensgeberinnen oder -geber zu finden.“

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