Der Künstler Anselm Kiefer sagte einmal, man müsse die DDR als Museum erhalten. Ein Land, das es nicht mehr gibt als Erlebniswelt, als begehbares Anschauungsobjekt. Im N’Ostalgie-Museum in der Nikolaistraße 32 ist die DDR zumindest im Kleinen erhalten. Auf zwei Etagen fühlt man sich in dem Ausstellungshaus in eine andere Zeit versetzt. Vom „Multiboy“ über „Bambina“-Schokolade bis hin zum „Badusan“-Duschbad finden sich in den Ausstellungsräumen hunderte Exponate, die viele Besucher*innen dazu bringen, in Erinnerungen zu schwelgen.

Durch Zufall zur Museumsbesitzerin

Dieser Eintritt in die Vergangenheit ist für manche eine Herzensangelegenheit. „Den Menschen ist es wichtig, sich erinnern zu dürfen, das wird mir hier immer wieder gespiegelt“, erzählt Nancy Häger, die ihre Rolle als Leiterin des Museums mehr oder weniger von ihrem Großvater „übergeholfen“ bekommen hat. Der hatte in Brandenburg an der Havel nach der Wende begonnen, eine private Sammlung von Gegenständen und Produkten aus DDR-Zeiten anzulegen.

Vieles wurde damals weggeschmissen, stand auf der Straße zum Verschenken – für Hägers Großvater zu schade für die Tonne. Seine Kollektion wuchs schnell an, sodass nach dem eigenen Keller auch der des Nachbarn in Beschlag genommen wurde, um die kostbaren Schätze zu lagern. Auch dabei blieb es nicht, es kamen weitere Räume hinzu, bis die Sammlung schließlich 1999 in öffentliche Räume umzog. Aus einer Sammelleidenschaft entstand eines der ersten DDR-Museen Deutschlands.

Cover Leipziger Zeitung Nr. 118, VÖ 27.10.2023. Foto: LZ

Nach dem Tod ihres Großvaters betrieb Nancy Häger sein Museum zunächst neben ihrem Beruf weiter. Durch die Entscheidung, von Brandenburg an der Havel nach Leipzig zu ziehen, fand 2016 auch das Museum ein neues Zuhause. Dabei gab es zum Zeitpunkt des Umzugs noch nicht einmal geeignete Räume.

„Ich dachte damals, ich habe einen LKW voller ‚Schrabbel‘ und ich weiß nicht, wohin damit“, erinnert sich die Museumsleiterin mit einem Lächeln. Doch die Dinge fügten sich schnell, die DDR-Relikte zogen in die Nikolaistraße ein. „Als ich hier alles ausgepackt habe und die erste schöne Sammeltasse in der Hand hielt, wusste ich: Das ist richtig so.“

Immer wieder kommen Menschen zu ihr und bringen alte geliebte Gegenstände, die sie nicht mehr benötigen, die vererbt wurden. Viele bringen es nicht übers Herz, die ausrangierten Erinnerungsstücke einfach wegzuschmeißen. Trotzdem: Alles annehmen kann Nancy Häger nicht. „Wenn wir etwas nicht haben, dann ist es Platz“, lacht sie.

Es geht um Nostalgie, nicht um Mahnung

Ihre Ausstellung hat sie bewusst als einen Ort der Nostalgie konzipiert. Es geht ihr weniger um Aufklärung. „Die Menschen wollen nicht unbedingt ihre eigene Geschichte noch mal erzählt bekommen. Es gibt viele Stellen und Orte, die sich mit der DDR-Historie auseinandersetzen, die aufklären und Bildungsarbeit leisten. Deshalb empfinde ich es nicht so, dass wir diesen Auftrag ebenso ausführen müssen. Ich denke, es darf so einen Ort wie diesen hier geben, ohne dass es ein politisches Statement sein muss.“

Trotzdem: „Museum ist ein großes Wort. Opa hat seiner Sammlung damals diesen Namen verpasst, ich wollte das nicht ändern. Aber natürlich habe ich mir vor der Eröffnung Sorgen gemacht, ob die Menschen nicht mehr Einordnung und Kontext erwarten würden.“

Häger ist in ihrem Museum Geschichtensammlerin, sie erhält viele kleine Einblicke in die Geschichten der Besucher*innen, wenn diese sich nach ihrem Rundgang noch im hauseigenen Café niederlassen für ein Stück Kuchen oder eine Schüssel Soljanka. „Schön sind auch die Momente, wenn Gäste, die nicht im Osten Deutschlands aufgewachsen sind, feststellen: ‚Ganz so anders war es bei uns auch nicht.‘ Es ist doch toll, auch mal Gemeinsamkeiten festzustellen als immer nur Unterschiede.“

https://www.nostalgiemuseum-leipzig.de/index.php/de/

„Das N’OSTALGIE-Museum in der Nikolaistraße: Die Menschen wollen sich erinnern dürfen“ erschien erstmals zum thematischen Schwerpunkt „Identität Ost“ im am 27.10.2023 fertiggestellten ePaper LZ 118 der LEIPZIGER ZEITUNG.

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