Vor dem Regal mit Nahrungsergänzungsmitteln sehen sich Kunden einer unüberschaubaren Vielfalt gegenüber. Kollagen von Rinderknochen, marines Kollagen aus Fischhaut, vegane Kollagen-Booster mit Pflanzenextrakten – alle Produkte werben für straffe Haut, gesunde Gelenke und kräftige Haare. Doch die Unterschiede in Herkunft, Wirkungsweise und wissenschaftlicher Fundierung könnten größer kaum sein.
Ab Mitte zwanzig sinkt die körpereigene Kollagenproduktion kontinuierlich. Mit dem gestiegenen Bewusstsein für diesen natürlichen Prozess wächst die Nachfrage nach entsprechenden Präparaten. Zugleich suchen immer mehr Menschen aus ethischen, ökologischen oder gesundheitlichen Gründen nach Alternativen zu tierischen Produkten. Diese Trends haben einen Markt hervorgebracht, in dem Fakten und Marketing zunehmend verschwimmen.
Bovines Kollagen ist der Standard
Kollagen aus Rinderknochen und -häuten bildet seit Jahrzehnten die Grundlage der meisten Kollagen-Präparate. Gewonnen aus Schlachtabfällen, enthält es die Kollagentypen I, II und III. Typ I stärkt Haut, Knochen und Sehnen. Typ II festigt Knorpelgewebe und Gelenke. Typ III unterstützt das Bindegewebe. Eine Kombination, die das gesamte Spektrum körpereigener Kollagenstrukturen abdeckt.
„Bovines Kollagen bietet das vollständigste Aminosäureprofil für die unterschiedlichen Bedürfnisse des Körpers“, erklärt Dr. Dado Tosic, ein Facharzt für ästhetische Medizin und Berater von wellbe Kollagen. „Wenn Patienten zu mir kommen und sowohl Hautprobleme als auch Gelenkbeschwerden haben, ist ein Produkt mit allen drei Kollagentypen zur unterstützenden Behandlung physiologisch die logischste Wahl.“
Wissenschaftliche Untersuchungen zur Kollagen-Supplementierung basieren überwiegend auf bovinem Kollagen. Studien belegen Verbesserungen der Hautelastizität, Reduktion von Falten, Linderung von Gelenkschmerzen und Stärkung des Bindegewebes. Für Alternativen fehlen vergleichbare Langzeitstudien, was nicht bedeutet, dass sie ineffektiv sind. Bei der Suche nach evidenzbasierter Wirksamkeit findet sich bei bovinem Kollagen jedoch die solideste Datenbasis.
Der Nachhaltigkeitsaspekt durch Upcycling
Ein oft übersehener Punkt: Die Verwertung von Schlachtabfällen ist Upcycling. Knochen und Häute werden zu funktionalen Produkten, statt in der Entsorgung zu landen. Das relativiert die einfache Gleichung „tierisch = nicht nachhaltig”. Fleischkonsumenten sehen in der Verwertung von Nebenprodukten eine sinnvolle Möglichkeit, Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen.
Marines Kollagen
Marines Kollagen wird aus Fischhaut und -schuppen gewonnen, meist als Nebenprodukte von Wildfang oder Aquakultur. Im Gegensatz zu bovinem Kollagen enthält es nahezu ausschließlich Kollagen Typ I, relevant insbesondere für Haut, Haare und Nägel.
Aufgrund seiner kleineren Molekülstruktur verspricht marines Kollagen eine bessere Bioverfügbarkeit, wobei der Körper es schneller aufnehmen und verarbeiten könnte. Zwar klingt diese These plausibel, bleibt jedoch wissenschaftlich unbestätigt.
Vorteile für spezifische Anwendungen
Für Menschen mit religiösen oder kulturellen Vorbehalten beim Konsum von Rinderprodukten bietet marines Kollagen eine Alternative. Verbraucher, die sich ausschließlich für Hautthemen interessieren, beispielsweise die Verbesserung von Elastizität und Feuchtigkeit, könnten von der hohen Typ-I-Konzentration profitieren. Dr. Tosic differenziert: „Marines Kollagen hat seine Berechtigung, besonders wenn jemand nur kosmetische Effekte sucht. Aber wer zusätzlich etwas für seine Gelenke tun möchte, wird mit Typ I allein nicht weit kommen.“

Die praktischen Herausforderungen
Als größter Nachteil erweist sich der typisch intensive Fischgeruch und -geschmack. Damit das Produkt konsumierbar bleibt, sind Aromastoffe und maskierende Zusätze unvermeidlich. Das widerspricht dem Wunsch nach „sauberen“ Produkten mit möglichst wenig Inhaltsstoffen.
Hinzu kommen höhere Herstellungskosten und eine deutlich dünnere Datenlage als bei bovinem Kollagen, obschon erste Untersuchungen positive Auswirkungen auf die Haut nahelegen. Ökologisch bleibt die Frage nach der Herkunft: Nachhaltiger Wildfang, zertifizierte Aquakulturen oder Beifang aus Überfischungsgebieten? Solche Unterschiede erschließen sich Verbrauchern nur schwer.
Wann macht marines Kollagen Sinn?
Marines Kollagen bietet sich für Menschen mit spezifischen Ernährungseinschränkungen an und für jene, die ausschließlich Hautpflege im Fokus haben. Voraussetzung: die Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, Aromastoffe zu akzeptieren und eine begrenzte Evidenzlage in Kauf zu nehmen.
Pflanzliche und vegane Kollagen-Alternativen?
Das grundlegende Missverständnis ist, Kollagen gehört zu den tierischen Proteinen und kommt in Knochen, Haut und Bindegewebe vor. Pflanzen haben keine dieser Strukturen und produzieren folglich kein Kollagen. Was als „veganes Kollagen“ verkauft wird, sind in Wahrheit Kollagen-Booster, tatsächlich Mischungen aus Aminosäuren, Vitaminen und Mineralstoffen zur Unterstützung der körpereigenen Kollagenproduktion. Dieser Unterschied ist fundamental, wird jedoch im Marketing oft verwischt.
Pflanzliche Kollagen-Booster vereinen Aminosäuren wie Glycin, Prolin und Hydroxyprolin aus pflanzlichen Quellen mit unterstützenden Mikronährstoffen, etwa Vitamin C, Silizium und Zink. Diese Kombination soll die natürliche Kollagenbildung und die Bindegewebsstruktur gezielt unterstützen. Statt dem Körper fertiges Kollagen zuzuführen, liefern sie die Werkzeuge für die Eigenproduktion.
Theoretisch klingt das plausibel – praktisch bleibt es schwer zu bewerten, weil direkte Vergleichsstudien fehlen. „Die Idee, die körpereigene Synthese zu stimulieren, ist nicht abwegig“, sagen Experten. Die Datenlage ist dünn. Studien zu einzelnen Aminosäuren existieren, nicht jedoch zum Gesamteffekt solcher Mischungen. Wer hier investiert, bewegt sich im Bereich der Plausibilität, nicht der Evidenz.
Biofermentiertes Kollagen
Eine neue Entwicklung ist biofermentiertes Kollagen, hergestellt durch gentechnisch veränderte Mikroorganismen wie Hefe oder Bakterien. Diese produzieren ohne Tiereinsatz tatsächliche Kollagen-Peptide. Klingt vielversprechend, bleibt allerdings teuer, wenig verfügbar und kaum durch Langzeitstudien abgesichert. Ob diese Technologie mittelfristig eine echte Alternative darstellt, muss sich erst zeigen.
Die ehrliche Evidenzlage
Das größte Problem pflanzlicher Alternativen liegt im Fehlen direkter Vergleichsstudien zwischen bovinem Kollagen und pflanzlichen Boostern. Einzelne Inhaltsstoffe wie Vitamin C sind gut erforscht, nicht jedoch die Kombination in ihrer Gesamtwirkung. Marketingversprechen nach dem Motto „Wirkt wie Kollagen“ suggerieren eine Gleichwertigkeit, die wissenschaftlich nicht belegt ist. Bei veganen Alternativen sollten realistische Erwartungen herrschen und längere Anwendungszeiträume eingeplant werden.
Umweltbilanz differenziert betrachten
Ein häufiges Argument für pflanzliche Produkte ist ihre Nachhaltigkeit. Doch auch hier lohnt sich ein differenzierter Blick. Pflanzliche Rohstoffe benötigen Anbauflächen, Bewässerung, Dünger und Transport. Biofermentation ist energieintensiv und setzt Laborinfrastruktur voraus.
Ob diese Prozesse ökologisch vorteilhafter sind als das Upcycling von Schlachtabfällen, hängt von zahlreichen Faktoren ab, darunter Herkunft der Rohstoffe, Produktionsmethoden und Transportwege. Pauschale Aussagen wie „pflanzlich = nachhaltiger“ greifen zu kurz. Ehrliche Ökobilanzen berücksichtigen den gesamten Lebenszyklus eines Produkts.
Wofür sind pflanzliche Alternativen geeignet?
Pflanzliche Kollagen-Booster sind eine attraktive Option für Menschen, die aus ethischen Gründen keine tierischen Produkte konsumieren möchten – oder zur präventiven Unterstützung der Kollagenproduktion. Entscheidend ist die Erwartungshaltung. Pflanzliche Booster sind kein direkter Ersatz für Kollagen, sondern wirken indirekt, wobei die Resultate individuell stark variieren können. Solche Präparate erfordern Geduld und ein realistisches Verständnis der bislang begrenzten Absicherung durch Studien.
Qualitätskriterien unabhängig von der Quelle
Ganz gleich, für welche Variante man sich entscheidet, einige Qualitätskriterien gelten übergreifend:
- Transparenz über Herkunft der Rohstoffe (Weidehaltung, nachhaltiger Fischfang, Bio-Pflanzen)
- Keine irreführenden Gesundheitsversprechen ohne wissenschaftliche Basis
- Klare Deklaration aller Zusatzstoffe, besonders bei marinem Kollagen
- Realistische Dosierungsempfehlungen (kein „Wundermittel“-Marketing)
- Unabhängige Laborprüfungen und Zertifizierungen (z.B. GMP-Standard)
Zurück zur Evidenz
In puncto Forschung ist das Ergebnis eindeutig: Bovines Kollagen verfügt über die mit Abstand stärkste wissenschaftliche Evidenz. Jahrzehntelange Forschung belegt seine Wirkung auf Haut, Gelenke und Bindegewebe. Die Kombination der Kollagentypen I, II und III deckt dabei das gesamte Spektrum körpereigener Strukturen ab.
Marines Kollagen spielt vor allem in kosmetischen Anwendungen eine Rolle. Geschmack, Zusatzstoffe und höhere Kosten bleiben praktische Hürden. Die Datenbasis fällt deutlich dünner aus.
Pflanzliche Alternativen sind eine Option für Menschen, die tierische Produkte meiden. Sie wirken indirekt, indem sie die körpereigene Kollagenproduktion anregen. Realistische Erwartungen und eine längere Anwendungszeit sind Voraussetzung.
Auch die Nachhaltigkeitsfrage ist komplex. Upcycling tierischer Nebenprodukte steht dem Ressourcenverbrauch pflanzlicher Produktion gegenüber. Eine faire Bewertung gelingt nur auf Basis belastbarer Ökobilanzen, nicht ideologischer Annahmen. Entscheidend ist ein pragmatischer Ansatz, orientiert an den eigenen Prioritäten hinsichtlich Wirksamkeit, Ethik, Geschmack und Budget. Bei Unsicherheit empfiehlt es sich, mit der wissenschaftlich am besten belegten Option zu beginnen.

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