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Reaktion der AG Leipzig Postkolonial auf den Artikel der LVZ vom 20. Juni 2020 „War der Zoogründer ein Rassist?“

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    Im Artikel der Leipziger Volkszeitung „War der Zoogründer ein Rassist?“ vom 20. Juni besprach das Blatt eine Bürger/-innenanfrage, welche die Benennung einer Straße nahe des Zoos und einer Grundschule im Stadtteil Reudnitz mit dem Namen des ersten Zoodirektors Ernst Wilhelm Pinkert kritisch hinterfragt. Im Jahr 2009 bzw. 2010 wurden diese öffentlichen Orte tatsächlich noch nach einem Menschen benannt, dessen rassistisches Handeln und Wirken in Leipzig klar benennbar ist.

    Ernst Pinkert gründete den Leipziger Zoo um 1878 auf dem Gelände eines Gasthofs, den er zuvor führte. Schon zu Gasthofzeiten fand die erste Zurschaustellung nicht-Weißer Menschen dort statt. Insgesamt wurden zwischen 1876 und 1931 über 750 Menschen of Color (PoC) auf dem Gelände des heutigen Zoo Leipzig zur Schau gestellt. Viele dieser sogenannten ‚Völkerschauen‘ waren von dem Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck organisiert und gastierten im Leipziger Zoo.

    Jedoch kann Pinkert nicht nur als passiver Nutzer dieses Angebots gesehen werden, da er beispielsweise 1888 selbst eine ‚Völkerschau‘ organisierte. Diese Zurschaustellung von BIPoC (Black, Indigenous, and People of Color) fand unter dem Deckmantel von Bildung und Forschung statt. Es sollten ‚fremde Völker‘ kennengelernt und ethnologische Forschung an diesen Menschen betrieben werden.

    Tatsächlich hat die menschenverachtende Praxis der ‚Völkerschauen‘ den Rassismus der deutschen Gesellschaft verdeutlicht und gestärkt. Menschen in Zoos auszustellen beraubt sie ihrer Menschlichkeit. BIPoC wurden in die Sphäre der Natur und des Tierischen gestellt und somit allein durch das Setting entmenschlicht.

    Hinzu kommt, dass die Inhalte der Darstellungen den Vorgaben und Vorstellungen der Weißen deutschen Organisator/-innen entsprechen mussten und somit ein klares Bild des ‚Anderen‘ und ‚Fremden‘ zeichneten. Die Inszenierung der zur Schau gestellten Menschen war primitivisierend sowie exotisierend und beförderte den gesellschaftlich verankerten Rassismus. Dieser diente als Ideologie seit jeher zur Legitimierung von Gewalt, Unterdrückung, Sklaverei und Kolonialismus.

    In dem Artikel in der LVZ rechtfertigt der amtierende Zoodirektor Jörg Junhold den unkritischen Umgang mit der Zoogeschichte und der Person Pinkerts damit, dass „die Bewertungsmaßstäbe und auch die Formen der Wissensvermittlung andere“ waren zu der Zeit. Selbst wenn wir das so annehmen, so müssen wir doch die Machtverhältnisse kolonialer Herrschaft und Gewalt reflektieren, unter denen diese „Bewertung“ von nicht-Weißen, nicht-europäischen Menschen und eine „Wissensvermittlung“ vorgenommen wurden.

    In diesem Gefüge hatten letztere wohl eher keine Stimme und Handlungsmacht in der Leipziger Öffentlichkeit. Dennoch gab es auch schon zu Pinkerts Zeiten Widerstand gegen den Kolonialismus und Rassismus. Außerdem ist hier die zentrale Frage, wie wir heute mit dieser Geschichte umgehen. Diese Antwort muss anders ausfallen als Ende des 19. Jahrhunderts und hat etwas mit historischer Verwantwortung für koloniales Unrecht zu tun.

    Der Zoo selbst sieht offensichtlich keine Notwendigkeit in der Aufarbeitung der ‚Völkerschauen‘. Damit ist er nur ein weiteres Beispiel für die Nicht-Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus und der dadurch weitergetragenen Rassismen in der Gesellschaft. Jedoch kämpfen BIPoC Communities und andere zivilgesellschaftliche Gruppen seit Jahrzenten für eine Sichtbarmachung von kolonialen Kontinuitäten und Rassismen, sowie deren Überwindung.

    Unlängst gingen in Leipzig 15.000 Menschen auf die Straße, um gegen rassistische Polizeigewalt und rassistische Strukturen im Allgemeinen in der Gesellschaft zu demonstrieren. International werden derzeit Statuen von Menschen gestürzt, welche aktiv an der Sklaverei und dem Kolonialismus beteiligt waren.  Rassismus ist nicht bloß ein Problem in der Sphäre von „Extremismus und Fremdenfeindlichkeit“, wie es offensichtlich in der Wahrnehmung des Leipziger Zoodirektors der Fall ist. Rassismus und koloniale Kontinuitäten sind fest in der Gesamtgesellschaft verankert.

    Ein Teil dessen zeigt sich darin, dass öffentliche Orte noch immer nach Menschen benannt sind, welche diese rassistische Struktur der Gesellschaft aktiv gefördert haben. In Leipzig sind dies z.B. die Ernst-Hasse-Straße, die Ratzelstraße/ der Ratzelbogen, sowie die Ernst-Pinkert Straße und die Ernst-Pinkert-Schule. Es ist schon längst überfällig, die Ehre der Benennung öffentlicher Orte den Menschen zu widmen, welche Wiederstand geleistet haben, gegen Rassismus, Kolonialismus und Sklaverei.

    Seit 2015 fordern wir als AG Postkolonial den Leipziger Zoo auf, sich mit der Geschichte der ‚Völkerschauen‘ und seinem Gründer kritisch auseinandersetzen. Im Leipziger Zoo finden Besucher/-innen bis heute keine Auseinandersetzung oder gar Erwähnung der ‚Völkerschauen‘, die über einen Zeitraum von fast 50 Jahren im Zoo stattfanden. Die offizielle Chronik nimmt lediglich in einem kurzen Abschnitt Bezug.

    Stattdessen finden sich im Leipziger Zoo noch heute kolonial-rassistische Darstellungen wieder. Unter anderem lebt das Format der ‚Exotischen Abendveranstaltung‘ von der exotisierenden Inszenierung von BIPoC und der stereotypen Darbietung von Kultur. Dass eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Gegenteil sogar förderlich für das eigene Haus sein kann, zeigt das Grassi Museum.

    Eine Thematisierung der historischen Last des Zoos wird mit Sicherheit nicht zur Zerstörung dieser Institution führen, sondern stellt aus unserer Sicht ebenfalls einen notwendigen Baustein für den „Zoo der Zukunft“ dar.

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