Im Frühjahr 2015 hatte das Leipziger Kulturdezernat angekündigt, eine Unterbringung des Naturkundemuseums in der Alten Baumwollspinnerei in Lindenau prüfen zu wollen. Im Herbst legte die Stadtverwaltung dann eine Vorlage vor, die schon ziemlich endgültig davon ausging, dass man das Museum hinaus nach Lindenau verfrachten wolle. Aber nicht nur einigen Stadträtinnen genügten die Begründungen nicht ansatzweise.

Regelrecht entsetzt war man letztendlich im Förderkreis des Naturkundemuseums, wo man die Pläne für die Zukunft des Museums aufmerksam und fachkundig begleitet. Denn mit der Begründung, für die Unterbringung des Museums im Fördergebiet Leipziger Westen einige Millionen Euro Fördermittel in Anspruch nehmen zu können, wurde das Hauptargument in der Standortfindung einfach ausgehebelt. Denn wenn man ein besucherstarkes Museum will, ist eine Innenstadtnähe mit guter ÖPNV-Anbindung zwingend. Das war schon in der ersten Runde das k.o.-Kriterium für alle Vorschläge, die das Museum nicht am Innenstadtring platzierten.

Doch mit einer Wahl des Standorts an der Spinnerreistraße wurde die simpelste Grundlage für so ein Museum konterkariert. Das kritisierte über den Jahreswechsel auch Walter Rensch, der sich im Arbeitskreis Naturkundemuseum (AK NKM) beim Forum Bürgerstadt Leipzig für eine kluge Entscheidung zum Naturkundemuseum engagiert. Er ist Geologe von Beruf, also auch fachlich daran interessiert, dass so ein elementares Museum, das auch für Leipzigs Schulen wichtig ist, am richtigen Standort steht.

Naturkundemuseum – zum Letzten ?

Walter Rensch

Vor fünf Jahren wollte die Stadt das Naturkundemuseum schliessen. Dieser Versuch ist nach dem Widerstand der Bürger gescheitert.

In den vergangenen Jahren hat man drei Dinge getan:

1. Einen Masterplan und Folgegutachten in Auftrag gegeben, der fachlich und inhaltlich hohe Qualität aufweist und als Leitfaden für die Zukunft geeignet wäre.

2. Die Mitwirkung der Fachleute beseitigt, indem Herr Faber den Beirat des Naturkundemuseums aufgelöst hat.

3. Mit der „Bürgerbeteiligung“ zum Bowlingcenter versucht, die Bürger über den Tisch zu ziehen. Zum Glück hat ein weiteres Gutachten das mit nachvollziehbaren Ergebnissen verhindert.

Nun ist mit der Halle 7 der Baumwollspinnerei der neueste Clou aufgelegt worden. Eine „preiswerte“ Bauvariante, die sicher für Magazine und Arbeitsbereiche gut sein kann, für die Hauptbereiche eines Naturkundemuseums aber als „Billigstvariante“ höchst ungeeignet sein würde. Abgesehen von dem Wissen, dass die Preise am Bau meist deutlich höher liegen als man glauben möchte, rechnen die „Verantwortlichen“ wahrscheinlich noch damit, dass das Naturkundemuseum irgendwie vielleicht doch an Austrocknung zugrunde geht.

Der „Arbeitskreis Naturkundemuseum“ hat sich im Rahmen des Bürgerforums Leipzig gegründet, um zusammen mit Fachleuten und Museumsmitarbeitern ein Podium für die Bürger zum Thema eines modernen und vor allem zukunftsfähigen Museums zu errichten. Es wurden inhaltliche Lösungsansätze auch mit Konsultationen zum Team des Masterplanes gesucht. Eigene Ergebnisse wurden zu den künftigen Nutzergruppen ermittelt, die vorwiegend aus Kindern (Kindergärten, Schulen, Interessengruppen), Familien und Themengruppen bestehen und nicht nur aus der Stadt Leipzig, sondern auch aus der Region kommen müssen. Das bedeutet, dass wegen der Zeitstruktur und der Erreichbarkeit zwingend eine Lage und Verkehrsnähe des Museums in der Innenstadt erforderlich ist. Lage und Anbindung können also nicht nur an den Quadratmetern bemessen werden. Alle Standorte in der Peripherie scheiden demnach aus!

Falsch ist es, wenn man glaubt, dass man mit einer reinen Gebäudediskussion eine Museumsstruktur initiieren kann. Die Anforderungen einer zukünftigen Leipziger Kultur- und Forschungslandschaft mit einer Einbindung in das Thema Neuseenland sind hoch, erfordern Kooperation, Vernetzungen und Synergieeffekte und sind unabdingbar für eine mögliche Vermarktung der Region. Förderungsmöglichkeiten bestehen nur für „Leuchttürme“!

Der zukünftige Museumsdirektor – es ist ein unverzeihlicher Fehler, dass er noch nicht vorhanden ist – wird kein „Wunderheiler“ sein. Es braucht eine klare inhaltliche Strategie und Willensbildung von Verwaltung und Stadtrat über die schwierige Aufgabe, der er sich stellen möchte. Derzeit sind diese Dinge nicht erkennbar!

Ein anerkanntes Museum braucht heute Alleinstellungsmerkmale, die aus dem Fundus und der fachlichen Umsetzung der Leitung und der Mitarbeiter erwachsen. In Leipzig scheint man das bisher nicht erkannt zu haben. Das Thema „Transformation einer Region“, verbunden mit einem Kompetenzzentrum zum Naturwissen, könnte so etwas sein. Dazu fehlt mindestens aber auch das geologische Fachwissen, einschließlich eines Geologen, der dies organisieren und betreiben könnte.

Die vollmundigen Versprechungen über eine ÖPNV-Verbindung zum Spinnereigelände können nur verwundern. Wenn man das System ÖPNV kennt, wonach dort die Bestellung und auch die Finanzierung einer Leistung jeweils durch den Auftraggeber zu erfolgen hat, ist die Machbarkeit einer solchen Maßnahme wohl zu hinterfragen.

Das Naturkundemuseum ist in Leipzig schon seit langen Jahren ein offensichtlich ungewolltes und unbewältigtes Thema. Es gibt aber durchaus Beispielstädte, in denen sehr passable Ergebnisse auf die Beine gestellt worden sind. Chemnitz und Erfurt haben bewiesen, dass so etwas geht. Vielleicht sollte man sich dort mal qualifizieren!

Bei allen im Quartalstakt geänderten Vorschlägen der Verwaltung geht es doch nur um das Erreichen eines Blanko-Votums ohne jegliche Inhalte und ohne Nachfragen. Mit geringstem Informationsinhalt wird der Stadtrat an der Nase herumgeführt. Den Masterplan scheint die Verwaltung bisher nicht verstanden zu haben. Nach all der misslichen Situation kann eigentlich nur festgestellt werden, dass ein strategisches Mindestmaß notwendig wäre, aber nicht vorhanden ist.

Zur reinen Standortdiskussion stellt der Arbeitskreis Naturkundemuseum fest, dass der Standort Lortzingstrasse aus dem gegenwärtigen Angebot die einzige sinnvolle Lösung ist und dass ein Anbau an dieser Stelle im Sinne des Gesamtinhaltes gefordert werden muss!

Anfrage für die Ratsversammlung

Und damit sich Leipzigs Verwaltung, die das Projekt jetzt einfach aufgrund möglicher Fördergelder und der Kompaktunterbringung mit einer neuen Theaterspielstätte in der Spinnerei abstellen will, sich mit den Argumenten tatsächlich öffentlich beschäftigen muss, hat er gleich noch eine Stadtratsanfrage formuliert, die in der Ratsversammlung am 20. Januar mündlich beantwortet werden soll.

Hier ist das Fragepaket von Walter Rensch:

1. Bereits im „Masterplan Naturkundemuseum“ (2012) und im Folgegutachten “Standortvergleich“ (2013) sind umfangreiche, qualitativ sehr hochwertige Standortvergleiche vorgenommen worden. Es wird eindeutig nachgewiesen, dass bei den Anforderungen an ein klassisches Naturkundemuseum ausschließlich zentrumsnahe Standorte infrage kommen. Die reine Betrachtung von Quadratmetern bedarf jedoch auch immer der Bewertung von inhaltlichen Grundlagen.

Welche Schlussfolgerungen wären dann aus der Prüfung des sehr extern gelegenen Standortes Spinnereistraße zu ziehen?

2. In der zukünftigen Leipziger Kultur- und Forschungslandschaft bestehen hohe Erwartungen an die Vermittlung von Naturwissen in der Gesellschaft der Zukunft. Das bedeutet Mitnahme der Bürger sowie Kooperation und Vernetzung im Sinne eines Kompetenzzentrums. Ein dem angepasster attraktiver Standort kann sich nur im Zentrum befinden, wo er durch viele Bürger direkt und schnell erreichbar wäre.

Wie wollen Sie die Zukunftsaufgaben am Standort Lindenau realisieren?

3. Ein Naturkundemuseum ist inhaltlich nur als Regionalmuseum vorstellbar, was es ja auch früher schon gewesen ist. Es braucht Besucher nicht nur aus der Stadt Leipzig, sondern auch aus der Region (5O km Radius) und im Zusammenhang mit dem Tourismus. Die Darstellung des Strukturwandels in der Region findet derzeit darin nicht statt. Die “Vermarktung” des Neuseenlandes braucht ein attraktives Museum mit Alleinstellungskriterien im zentralen Bereich!

Es bedarf strategischer Entscheidungen. Wo sind diese?

4. Eine Entscheidung als “Blanko-Unterschrift” lediglich für ein Gebäude ist in jedem Fall unzureichend. Eine Stadt mit regionaler Bedeutung und Ausstrahlung muss schon im Ansatz weiterdenken. Förderungsmöglichkeiten bestehen allenfalls nur für “Leuchttürme”.

Wie und wo sind solche Ansätze zu erkennen?

5. Die vermeintliche „Bürgerbeteiligung“ zum Bowlingcenter war nicht akzeptabel. Wäre es nicht sinnvoll, wenn bei der vorliegenden Menge von Grundsatz- und inhaltlichen Problemen an die Durchführung eines Workshops gedacht würde?

Sollte man nun endlich die Bürger und die Fachleute, die bisher an dem Entscheidungsprozess nicht beteiligt worden sind, mit einem Workshop beteiligen?

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Der Stadtrat – so er mal kurz aus seinem bräsigen Tiefschlaf erwacht – kann sich überlegen, ob er Mittel an den Ratskeller bewilligt, um eine Runde Schnaps an alle Bediensteten der Stadtverwaltung zu schmeißen.

Das ist es nämlich: Naturkundemuseum in der Spinnerei – eine Schnapsidee.

Argumente?
Schlechte Lage weitab des Zentrums, schlechte ÖPNV-Anbindung (allein schon der Fußweg!) und – ganz wichtig – die Sanierung. Die Baumwollspinnerei ist grundständig feucht. Man kann die Tierpräparate dann auch gleich in den Heinekanal schmeißen – der Effekt ist ähnlich, nur tritt er halt schneller ein.

Wie gesagt: Schnapsidee.

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