Gemeinsam mit dem Agenda-Büro hat die Freiwilligen-Agentur Leipzig e.V. ein Bürgergutachten erstellt, um Vorschläge und Strategien zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements in Leipzig zu erarbeiten. Dazu wurden über ein Zufallsverfahren Bürgerinnen und Bürger der Stadt Leipzig eingeladen, 35 Personen haben daran mitgewirkt. Das Gutachten passt natürlich mitten in die Diskussion um die zunehmende Zahl von Vereinsinsolvenzen in Leipzig. Denn wenn das Umfeld nicht stimmt, funktioniert auch Engagement nicht.

Das Bürgergutachten thematisiert die wichtigsten Motive für ehrenamtliches Engagement, Möglichkeiten der Gewinnung neuer Mitwirkender, Aspekte der Integration neuer Interessenten in vorhandene Strukturen sowie Elemente der Anerkennung und Würdigung des Engagements.

Für die Vereine liefern die Ergebnisse zahlreiche Anregungen zur Überprüfung ihrer Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Tätigen und der Weiterentwicklung ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Aber auch an die Freiwilligen-Agentur und andere Institutionen richten sich die Empfehlungen. Aber es hilft auch die beste Arbeit im Verein nichts, wenn es von außen keine Unterstützung gibt. In mehrfachem Sinn. Denn Engagement läuft auch dann ins Leere, wenn professionelle Vereinsarbeit von der Verwaltung ignoriert oder sogar ausgegrenzt wird. Vereine sind wesentlicher Teil einer kommunalen Diskussion.

An die Stadt Leipzig gerichtet ist die wichtigste Botschaft, das Engagement von Vereinen und Initiativen inhaltlich ernst zu nehmen und transparent mit Vorschlägen und Kritiken umzugehen. Dies sei die wichtigste Form der Würdigung.

Ausgewählte Projektideen, die weiter verfolgt werden sollen, sind – so definiert es das Agenda-Büro für sich – die Erarbeitung einer vereinsübergreifenden Internetseite zum ehrenamtlichen Engagement in Leipzig, die Erarbeitung eines Interesse weckenden Überblicksflyers zur Vielfalt des Engagements, eine sensibilisierende Plakatkampagne, ein vereinsübergreifender “Tag der offenen Tür” und ein Aktionsfonds für ehrenamtlich getragene Initiativen und Projekte.

Denn ohne Geld geht auch bei Freiwilligen nichts. Klipp und klar heißt es im Gutachten: “Um angesprochene Personen für ein längerfristiges Engagement zu gewinnen, darf anfängliches Interesse nicht als permanente Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden. Besonders wichtig für die gute Integration in einen Verein, eine Initiative oder eine andere Einrichtung ist ein persönlicher Ansprechpartner, der Zeit hat, einzuführen und fortwährend bei Fragen oder Problemen greifbar ist. In Organisationen, die über kleine, überschaubare Gruppen hinausgehen, erfordert das Gewinnen, Integrieren und Halten ehrenamtlich Tätiger eine professionelle, hauptamtliche Kernstruktur. Hierfür werden verlässliche Finanzierungsmöglichkeiten erwartet.”Aber was können Vereine tun, wenn die Finanzierung fehlt und sich alle um die wenigen existenten Sponsoren prügeln? Wie kann eine Verwaltung helfen? Will sie das überhaupt oder gibt es da sogar Interessengegensätze?

“Die Mehrheit der Bürgergutachter hat sich tendenziell kritisch zu bestehenden Formen der Würdigung ehrenamtlichen Engagements durch die Stadt geäußert”, heißt es jetzt im Gutachten und macht damit etwas sichtbar, was die Ehrenamtlichen schon seit Jahren ärgert: Sie werden nicht gefragt, auch da nicht, wo sie durch ihre Arbeit die eigentlichen Experten sind. Politik will sich “nicht reinreden lassen”. Zuweilen kommt dabei bürokratischer Bockmist heraus, aber Begründungen, warum Beteiligungsrechte schon früh abgeblockt werden, sind mittlerweile Legion. Da helfen auch keine Plaketten und Blumensträuße: Die Kluft ist unübersehbar.

“Feierliche Würdigungen und Auszeichnungen in Verbindung mit speziellen Veranstaltungen werden nur als Ergänzung gesehen und sind für viele Engagierte keine passende, angemessene Würdigungsform. Dagegen konzentriert sich die Erwartung Vieler vor allem darauf, mit der ehrenamtlichen Tätigkeit von der Stadt ernst genommen zu werden. Dies würde sich insbesondere dadurch zeigen, dass Vorschläge oder Kritiken offen aufgenommen und – wo möglich – umgesetzt werden. Die Stadt solle sich kritischen Diskussionen erkennbar offen stellen. Auch wenn Vorschläge nicht umsetzbar oder bestehende Probleme nicht einfach lösbar sind, wird deutlich mehr Transparenz im Umgang mit den Anliegen der Vereine und Initiativen erwartet.”

Denn den Vereinen gehen die Freiwilligen auch verloren, wenn jahrelange Arbeit keine Resonanz findet. Man darf ja nicht vergessen: Hier organisiert sich die Bürgergesellschaft, erarbeitet sich Kompetenz und Knowhow – und dann wird das von den jeweils verantwortlichen Ämtern eher als Störgeräusch gewertet, als unerwünschte Einmischung. Natürlich merken das die Engagierten. Und spüren sehr direkt, wie falsch das Lied klingt, wenn dieselbe Verwaltung, die sie zuvor nicht als Partner akzeptiert hat, dann das Hohe Lied vom Ehrenamt singt.

“Das Engagement von Vereinen und Initiativen soll auch in der eigenen Öffentlichkeitsarbeit der Stadt (z.B. Amtsblatt, leipzig.de) eine stärkere Berücksichtigung finden, als bisher”, heißt es im Gutachten. “Erwartungen bestehen auch hinsichtlich der finanziellen Unterstützung von Vereinsstrukturen, insbesondere eine verlässliche Förderung von Grundlagen und Kernstrukturen, zu deren Erhalt es inhaltlich Einigkeit zwischen der Stadt und den Vereinen gibt. Darüber hinaus solle der Umgang mit öffentlicher Förderung deutlich transparenter und damit für alle nachvollziehbarer werden.”

Aber immer mehr Vereine hangeln sich von Jahr zu Jahr, müssten Budgetkürzungen hinnehmen und stellen dann auch noch staunend fest, dass die Arbeit, die sie zum Wohle der Stadt übernommen haben, weil sie außerhalb der Stadtstruktur besser darstellbar war, einfach nicht mehr gemacht wird.

“Generell war eine der wichtigsten Motivationen für ehrenamtliche Arbeit die Gewissheit, damit nicht zum Abbau öffentlicher Leistungen aktiv beizutragen. Wenn aber durch ehrenamtliche Arbeit Leistungen erbracht werden, die eigentlich Pflichtaufgaben der Stadt wären, wird hierfür die Zahlung von Aufwandspauschalen erwartet.”

Was dann in der Gänze ein recht düsteres Fazit für die ehrenamtliche Arbeit in Leipzig ist.

Download des vollständigen Gutachtens: www.leipzigeragenda21.de/de/buergerbeteiligung.asp

Direkt zum Abschlussbericht: www.leipzigeragenda21.de/papers/bg_ehrenamt_abschlussbericht_0618.pdf

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