Klug war der Entwurf "Keine Gewalt - Herbstgarten" von Anna Dilengite, Tina Bara und Alba D'Urbano im Wettbewerb um das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal von Anfang an. Sie kümmerten sich - wie die meisten anderen Wettbewerbsteilnehmer auch - nicht die Bohne um das unfassbare Thema "Deutsche Einheit". Der "Herbstgarten" nahm den Leipziger Herbst '89 direkt auf. Nun liegt er im Wettbewerbsrennen sogar in Führung.

Was rein rechnerisch nicht sein kann. Da sind jetzt eine Menge Leute gespannt, was die ursprüngliche Jury dazu sagt – und die beteiligten Künstler – und die Gerichte. Denn was da am Montag, 1. Juli, im von der Stadtverwaltung so betitelten Bewertungsgremium geschah, ist nichts weniger als die Aufhebung der Jury-Entscheidung aus dem eigentlichen Wettbewerb. Man hat quasi einen neuen eigenen Wettbewerb nur für die drei Preisträger veranstaltet. Mal sehen, wer da erklären kann, dass das rechtlich zulässig war.

Die drei überarbeiteten Entwürfe der Preisträger sind jetzt im Neuen Rathaus ausgestellt. Das Wesentliche, was geschehen ist, ist eine Anpassung aller drei Entwürfe an die gewünschte Platzfläche. Von Anfang an hat OBM Burkhard Jung mit dem Wettbewerb das Ziel verfolgt, die bislang völlig unstrukturierte Platzfläche zwischen Peterssteinweg, Windmühlenstraße, Markthallenstraße und Rossplatz neu gestalten zu lassen. Deswegen gab es in Leipzig auch keinen künstlerischen Wettbewerb, sondern eine Ausschreibung, die originär künstlerische Denkmalsentwürfe – gar noch mit klassischer Formensprache – ausschloss.
Die Wettbewerbsteilnehmer waren angehalten, Teams zu bilden und Landschaftsgestalter und Architekten mit ins Boot zu holen. Der Denkmalsentwurf sollte den Platz neu definieren. Das Ergebnis war im Juli 2012 zu sehen: dutzende hilflose Versuche, für eine gigantische Platzfläche eine Formensprache zu finden, die irgendwie ein gestalteter Ort zur Erinnerung an die Friedliche Revolution werden sollte. Die Jury, die 2012 mit der Entscheidung beauftragt war, pickte sich wirklich mit sicherer Hand jene drei Entwürfe heraus, die mehr boten als ein bedeutsam in den Raum gestelltes Mobiliar.

Was das Grundproblem nicht aus der Welt schaffte: Eigentlich wünschte sich Leipzigs OBM einen gestalteten Platz. Und er hatte sich auch in den Kopf gesetzt, den ursprünglichen Königsplatz alias Wilhelm-Leuschner-Platz nicht nur umzubenennen, sondern auch drastisch aufzuweiten. Im Stadtmodell, das man in der Unteren Wandelhalle jetzt bewundern kann, sieht das alles schön klein und verspielt aus. Tatsächlich umfasst das Terrain, das jetzt für den Platz reserviert ist, neben dem einstigen Königsplatz auch noch Teile des Rossplatzes und das einst bebaute Quartier zwischen Königsplatz und Markthallenstraße. Mitten auf diesem Teil steht nun freilich auch noch der Südausgang der City-Tunnel-Station Wilhelm-Leuschner-Platz-der-Friedlichen-Revolution.
Die Aufgabe wäre eigentlich gewesen, den Platz stadtplanerisch erst einmal zu definieren. Das hat das Stadtforum Leipzig mehrfach angemahnt. Nicht jeder große Platz wird einfach durch seine schiere Größe eindrucksvoll. Irgendwann kann man auch Platzgestaltungen nicht einfach immer weiter aufblasen, ohne dass sie an Stringenz verlieren. Das war jetzt in der Überarbeitungsphase sichtlich das Hauptthema, dem sich alle drei Preisträger-Teams gewidmet haben. Und wenn jetzt immer die rege Bürgerbeteiligung auch am Diskussionsprozess um die Wettbewerbsergebnisse betont wird, ist das eher Augenwischerei.

Wirklich zentral in den Gesprächen mit den drei Preisträgern waren nur drei Personen. So stellen es auch Anna Dilengite, Tina Bara und Alba D’Urbano in ihrer Erläuterung zu ihrer Überarbeitung fest: Oberbürgermeister Burkhard Jung, Kulturbürgermeister Michael Faber und Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat. Sie haben die Preisträgerinnen zum Gespräch geladen und erläutert, wo die Reise hingehen soll.
“Bei der Rezeption unseres Entwurfs haben wir jedoch bemerkt, dass die Vielschichtigkeit unseres Gesamtentwurfs sehr stark in Richtung einer ländlichen Obstbaumwiese interpretiert wurde und die begehbare architektonisch konzipierte Buchstaben- und Soundinstallation in den Hintergrund gerückt ist. Wir haben uns bei der Entwurfsüberarbeitung darauf konzentriert, das Denkmal urbaner zu gestalten, so dass es als Teil der Stadt sichtbarer und nutzbarer wird”, schreiben sie in ihrer Erläuterung.

Sie haben die Zahl der Bäume deutlich reduziert – auf 70, in Anlehnung an die lange Zeit kolportierte Zahl von 70.000 Demonstrierenden am 9. Oktober, obwohl Wissenschaftler längst belegt haben, dass es wohl eher 130.000 waren. Die Hügellandschaft haben sie im Wesentlichen planiert – nur zwei Geländeerhöhungen vorgesehen, von denen auch eine Draufsicht auf ihre Buchstaben aus beschichtetem Stahl möglich sein soll. Noch besser soll man den Schriftzug “Keine Gewalt” vom Turm des Neuen Rathauses aus oder bei “Google Earth” lesen können. Die Parklandschaft ist durch große, abgerundete Wiesenflächen ersetzt, die wie Amöben auch den klotzigen Eingang zum City-Tunnel umfließen. An der Ecke des nun entstehenden trapezförmigen Platzes steht dann der Bau des Bowling-Treffs wie ein nicht abgeholter Koffer.

Mit Licht- und Soundinstallationen soll das ganze noch zusätzlich technisiert werden. Irgendwie haben die drei Künstlerinnen so die Idee, die Menschen könnten sich hier zwischen den großen Buchstabenelementen (die auch an die jüngst verstorbene Buchstadt erinnern), Sitzelementen aus Beton und Bäumen begegnen und über die in die Elemente eingebrachten Botschaften ins Gespräch kommen. Eine Art ins Freie verlagertes zeitgeschichtliches Museum mit Aufenthaltsqualität. Aber eben doch wieder eine Installation und eher kein Denkmal. Eine Installation, die den Glaswürfel des Tunnel-Zugangs in sich aufnimmt, als wäre er der eigentliche Sinn der Anlage. Zum Rand hin läuft der Platz in großen gepflasterten Flächen aus, die auch nicht mehr durch Baumreihen begrenzt sind. Der Verkehr vom Peterssteinweg und vom Rossplatz kann ungebrochen in diesen Platz hineinschallen, der andererseits nicht mehr den Platzcharakter hat, der ihn für diverse Veranstaltungen sinnvoll nutzbar machen könnte.

Das ist alles unübersehbar sehr klug gedacht. Und als Idee für einen neuen Park in der Stadt wäre es geradezu genial. Nur ein Stadtplatz ist es leider nicht – was an den völlig unhinterfragten Vorgaben der Stadtverwaltung liegt. Und ein Denk-Mal, ein Punkt des Anstoßes ist es auch nicht. Denn das ist ja durch den Wettbewerb ausgeschlossen worden – der Rückgriff auf die nun 20.000-jährige Kunstgeschichte, die ihre Icons und Botschaften hat, die sich vermitteln, ohne dass es irgendwo drangeschrieben werden müsste. Und auch der Herbst ’89 war mehr als dieses nun immer wieder kolportierte “Keine Gewalt”.

“Keine Gewalt”, das war eines der hervorstechenden Merkmale diese Herbstes. Doch die zentralen Botschaften waren andere: Demokratie, Transparenz, Freiheit.

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