Mitgliederversammlung und eine Frage: Wie weiter bei der SG Leutzsch?

Für die einen ist er ein Visionär. Einer, der den Leutzscher Fußball wieder auf Vordermann bringen kann. Die anderen sehen ihn eher als "Märchenonkel". Ein Jahr nach der Gründung der SG Leipzig Leutzsch spaltet Vereinsvize Jamal Engel die grün-weißen Gemüter. Eine Saison zwischen Zahlungsproblemen und Hoffnung ist zu Ende. Wie weiter bei der SG Leutzsch? Heute jedenfalls ist Mitgliederversammlung.
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Jamal Engel war nie ein Mann großer Worte. Gegenüber L-IZ.de gibt sich der 42-Jährige gern bedeckt, seit im Januar bekannt wurde, dass Präsident Jens Barthelmes Sponsorengelder unterschlagen haben könnte. Der einstige Coach des pleite gegangenen FC Sachsen kündigte damals an, der Öffentlichkeit das Gegenteil beweisen zu wollen. Passiert ist das bis heute nicht.

Sein Verein feierte jüngst das einjährige Bestehen. In der Anhängerschar reicht das kollektive Gedächtnis viel weiter zurück. 1964 gewannen die Leutzscher völlig überraschend die DDR-Meisterschaft. Allerdings unter anderem Namen: BSG Chemie Leipzig. Und diese existiert noch. Oder besser gesagt, wieder. Nachdem sich Ultras und eine Handvoll Traditionalisten 2008 mit der Sachsen-Führung überwarfen, meldeten sie ein Herren-Team am Spielbetrieb an. Für viele Fans des FC Sachsen ein Affront. Nach dem endgültigen Aus des Clubs übernahmen die Grün-Weißen 2011 das Landesliga-Startrecht vom VfK Blau-Weiß Leipzig. An diesem Punkt kreuzten sich die Wege Engels und der Querulanten.

Der Leipziger, der die Sachsen 2008 in die Regionalliga führte, sorgte sich offenbar wie kein Zweiter um das Schicksal seines Vereins. Als Insolvenzverwalter Heiko Kratz das Aus des Oberligisten besiegelte, standen er und sechs Mitstreiter – unter ihnen Chemie-Legende Bernd Bauchspieß – mit einem Notfallplan bereit. Sie gründeten kurzfristig die SG Leutzsch. Ein Rettungsanker für Herren-Teams, Nachwuchs und den baufälligen Alfred-Kunze-Sportpark. Unter ihrem Dach wollten sie Spielern, Mitarbeitern und Fans eine Perspektive bieten. „Die Sportgemeinschaft schreibt sich weiterhin die leistungsorientierte Nachwuchsförderung auf die Fahnen“, heißt es auf ihrer Homepage. Zumindest in diesem Punkt klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Die A-Junioren bangen um den Klassenerhalt. Die B-Junioren stehten längst als Absteiger in die Bezirksliga fest. Die C-Jugend verlor 23 von 24 Spielen.
Wäre es nach den Gründervätern gegangen, wären auch die Herren-Teams in der SG Leutzsch aufgegangen – inklusive Startrecht in der Oberliga. Dieser Traum platzte schnell. Angesichts der chaotischen Zustände im Leutzscher Holz verließen zahlreiche Spieler das sinkende Schiff. Das Ende vom Lied: Die SG Leutzsch strandete in der Landesliga, ausstaffiert mit Wir-Gefühl, teils rechten Problemfans und weiten Teilen der U23 des FC Sachsen. Ein sportlicher Konkurrent: Die BSG Chemie. Das vielleicht kurioseste Fußballderby Deutschlands war damit aus der Taufe gehoben – zwei Mannschaften aus einem Stadtviertel als Rivalen auf einem gemeinsamen Platz.

Die Wir-gegen-uns-Menatlität spielte sich auch fernab des grünen Rasens ab. Beide Clubs erhoben Ansprüche auf den vakanten Alfred-Kunze-Sportparks. Die SG Leutzsch machte das Rennen. Allerdings unter der Auflage, an die BSG Chemie unterzuvermieten. Für die Fans ein saurer Apfel, für den Verein ein Wirtschaftsfaktor. Jährlich 30.000 Euro müssen die einen Leutzscher an die anderen Leutzscher abdrücken, heißt es im Jahresetat der SG Leutzsch, der L-IZ.de zugespielt wurde. „Das stimmt“, bestätigt Chemie-Vorstand Remo Hoffmann. „Wir zahlen 2.500 Euro im Monat.“ Die Summe entspricht 23 Prozent der voraussichtlichen Betriebskosten im Stadion. Diese belaufen sich nach der Kalkulation, die der SG-Vorstand zu Saisonbeginn vorlegte, auf rund 130.000 Euro.

Vom Restbetrag übernimmt die Stadt Leipzig etwa 57.000 Euro. Einnahmen verspricht auch der Catering-Vertrag, den die SG Leutzsch mit dem Segen des Sportamts abgeschlossen hat. Egal wer spielt: Für die ersten 799 Zuschauer fließen 40 Cent auf das Konto der Hausherren. Ab dem 800. Gast sind es sogar 50 Cent. Macht in der Summe bisher rund 10.000 Euro. Davon 6.500 Euro durch den Spielbetrieb der BSG Chemie. Der bei vielen SGLL-Fans ungeliebte Untermieter dürfte somit nach der Stadt der zweitgrößte Förderer der SG Leutzsch sein.
Die Einnahmen aus Verpachtung des Vereinslokals „Leutzscher Holz“, Einnahmen durch den Kegelbahn-Betrieb sowie durch externe Nutzer der Sportanlagen dürften sich nach Schätzungen eines Insiders auf weitere 25.000 Euro summieren. Die gerade aus dem Umfeld der Hausherren gestreute Mär, beide Leutzscher Clubs könnten den maroden Sportpark wegen schier gewaltiger Kosten nur gemeinsam betreiben, scheint angesichts solcher Zahlen obsolet. Vieles spricht dafür, dass die SG Leutzsch selbst ihr Stadion quasi zum Dumping-Preis nutzt und die BSG für die Einnahmen sorgt.

Das wirft die berechtigte Frage auf, warum der betreibende Club bisher kaum in seine Sportanlagen investiert hat? Mit einem griffigen Nutzungs- und Investitionskonzept sollten die Leutzscher eigentlich die nötigen Rücklagen bilden können. Doch im Hause Engel scheint weder das eine noch das andere vorzuliegen. Der Vorstandssprecher hatte im Januar 2012 der Sportamtschefin Kerstin Kirmes ein Konzept noch für das laufende Quartal in Aussicht gestellt. „In einem telefonischen Kontakt Mitte April 2012 wurde mir von Herrn Engel angedeutet, dass es dazu Überlegungen gebe“, so Kirmes Anfang Mai. „In welcher Form, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Angesichts der heute stattfindenden Mitgliederversammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stellt sich eine Frage: Ist Jamal Engel mit den vielen Baustellen in seinem Verein überfordert oder ist es längst eine Mission impossible geworden einen zweiten grün-weißen Club zu etablieren? Das Verhalten des Präsidenten soll den Club im November einen Liquiditätsengpass beschert haben. Scheinbar wendete sein Vize Engel das Schlimmste mit einem beherzten Griff ins eigene Portemonaie ab. Hätte er sich nach Bekanntwerden offensiv zu seiner Heldentat bekannt, hätten ihn die Fans wahrscheinlich zu Barthelmes Nachfolger gekürt. Doch Engel schwieg.

Und die Misere setzte sich augenscheinlich fort, ohne dass die Vereinsmitglieder außer Gerüchten Greifbares erfuhren. Spieler des Landesliga-Teams sollen im Frühjahr mehrmals kein Gehalt mehr erhalten haben. Ende März sei das Wort „Insolvenz“ gefallen, heißt es aus Vorstandskreisen. Bei zwei nicht gezahlten Gehältern hätten die Spieler den Gang zum Insolvenzgericht antreten können. Auf Nachfrage äußerte sich Engel zu dem heiklen Thema abermals nicht.

Längst machen im Leutzscher Unterholz weitere Gerüchte die Runde. Angeblich habe die SG Leutzsch ihr Landesliga-Startrecht einem anderen Leipziger Verein angeboten. Außerdem sollen mehrere Leistungsträger den Club am Saisonende verlassen. Zumindest Letzteres scheint nicht abwegig. Turbulent scheint es auch beim Nachwuchs zuzugehen. Hinter den Kulissen ist von einer Kooperation mit der SG Olympia die Rede. Offiziell hüllen sich die Leutzscher Verantwortlichen in Schweigen. Mehrere Eltern haben ihre Kinder bereits vorsorglich vom Training abgemeldet.

Eine Menge Fragen, auf welche die Fans heute neben einer Aussicht auf die kommende Saison eine Antwort erhalten könnten. Die Presse hingegen wird sich danach wieder aus der Gerüchteküche bedienen müssen.


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